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Zurück zu den Wurzeln? Die Modewelt im Wandel

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Bilder: Screenshots DIOR Livestream

So sehr ich es sonst verteufle mein Dasein krank im Bett zu fristen – verdonnert zum Nichtstun, das Hirn irgendwo eingepfercht zwischen Triefnase, Kopfweh und Ohrenrauschen – so sehr kann ausgerechnet diese zwangsverordnete Ruhe dazu führen, dass man sich endlich wieder einmal ausgiebig mit Dingen beschäftigt, die man liebt, zu denen in letzter Zeit aber einfach viel zu wenig Zeit blieb. So fand ich mich an einem eisigen Dienstagnachmittag, eingerollt in die warme Decke ein Glas Tee neben mir plötzlich vorm Livestream der Dior AW18/19 Show wieder und stellte mir unweigerlich die Frage: Wieso, liebe Mode, habe ich dich in letzter Zeit eigentlich so sehr vernachlässigt. Aber von vorne:

Das Leben ist nicht immer nur Sahneeis schlecken. Dessen wird man sich mit zunehmenden Heranreifen leider nur allzu deutlich bewusst. Wo früher lange Sommertage und durchtanzte Nächte waren, da schlägt man sich selbige auf einmal für den Job um die Ohren, um anschließend wahlweise abgeschlafft auf der Couch oder im sogenannten Freizeitstress zu landen, der einem trotzdem stetig das Gefühl vermittelt, die Liebsten kämen eigentlich viel zu kurz. Hat man sich darüber früher noch bei Muttern lang und breit ausgeheult, vertröstet einen plötzlich sogar die mitfühlendste Mama auf später und macht damit indirekt klar, dass man doch bitte erst einmal wieder die Füße zum sonntäglichen Mittagessen unter den elterlichen Tisch stellen soll. Dann wäre da auch noch das liebe Geld, das schon längst nicht mehr so locker sitzt wie früher, weil die Rechnungen irgendwie stetig mehr werden, das Gehalt aber leider nicht. Und nur noch trocknen Reis zum Monatsende, darüber ist man mittlerweile ja auch irgendwie hinausgewachsen. Anders ausgedrückt: Statt Spaß steht zunehmend die Pflicht im Vordergrund, etwas das Planung verlangt, etwas, das mir persönlich noch nie besonders lag. Da passiert es schon mal, dass man selbst die Dinge die man einst so gerne machte, die einem der perfekte Ausgleich waren, irgendwann sträflich vernachlässigt. Im Zuge dieser – sagen wir mal – grundlegenden Überforderung mit dem Leben im Allgemeinen, rückte denn auch die Mode im vergangenen Jahr plötzlich knallhart in den Hintergrund. Jene Leidenschaft fürs Textile und seine Geschichte, die mich so lange ausgemacht, vielleicht sogar vom Kern auf konstituiert hatte, schien aus einem anderen Blickwinkel betrachtet mit einem Mal gar nicht mehr so wichtig.

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Das stimmt natürlich nur bedingt. Vielmehr war es vor allem auch ihr immer schneller werdender Rhythmus, der mich schließlich zum teilzeitigen Rückzug zwang. Seit ich 2007 nicht mehr nur noch privat, sondern auch beruflich mit der Materie zu tun habe, hat das Modekarussell, wie es so schön heißt, reichlich an Fahrt zugelegt. Immer mehr Kollektionen, in immer kürzeren Zeiträumen schickten die Häuser in den vergangenen Jahren über den Laufsteg und zwangen damit sogar manchen Stardesigner dazu, aus Selbstschutz das Handtuch zu werfen. Wer kann es sich im Zeitalter knallharten Marketing aber auch schließlich schon leisten auf den kreativen Geist bzw. dessen Erleuchtung zu warten. Überspitzt gesagt: Es geht um Sichtbarkeit, darum verfügbar zu sein. Wenn schon nicht in Form des Produkts, dann doch bitte wenigstens in Form der ausratschen Aufladung der Marke und die will im 21. Jahrhundert stetig neu gefüttert und konfiguriert werden. Schließlich beträgt die Aufmerksamkeitsspanne des gemeinen Nutzers nicht einmal mehr geringe zwei Minuten. Das haben Studien zum Nutzerverhalten bei Youtube längst ermittelt. Das Internet mitsamt seinen Begleiterscheinungen, wie Blogs, Instagram und Snapchat, mag den einst so elitären Raum der Mode zwar für die breite Masse geöffnet, ihn demokratisiert haben, wie es so schön heißt. Gleichzeitig trug genau jene Öffnung aber auch erheblich dazu bei, dass die einstige Sprengkraft der Mode zunehmend kleiner wurde und schließlich beinahe zur Beliebigkeit verkam. Kaum noch eine Spur von passionierten Liebhabern, die mit Hingabe über ihr Thema debattieren, ihren Gegenstand verteidigen und das Mehr dahinter suchen, stattdessen ein Schaulaufen von Selbstdarstellern und Kommerzhühnern. Ging es früher um Herzensstücke, Kleidung und Accessoires, die einen ein Leben lang begleiten, so drehte sich mit einem Mal scheinbar alles ausschließlich noch um den Hype. Handtaschen von mehreren tausend Euro wurden singulär vorgeführt, um sie anschließend für das nächst bessere It-Piece in die Ecke zu verbannen. Wir brauchen uns nicht einreden, davon wären nur Mainstream-Brands wie Michael Kors betroffen. Gucci ist davor ebenso wenig gefeilt wie J.W. Anderson oder Chloé und Fast Fashion ist längst nicht mehr nur noch ein Phänomen böser Billig-Modeketten wie Primark. Nur wollte das lange keiner zugeben.

Krisenstimmung all over

Wie soll man in all dem noch den Überblick behalten? Will man das überhaupt? Langweilt die permanente Oberflächlichkeit nicht vielmehr irgendwann bis aufs Blut? Sicher, man kann der Mode vorwerfen, dass es ihr eigentlich doch immer vornehmlich um das Äußere ging, eben die bloße Erscheinung und weniger um Substanz. Doch eben nicht nur. Wer sich nur ein wenig die Mühe machte, hinter die hübsche Fassade zu blicken, der entdeckte schnell das Be- und Verhandeln gesellschaftlicher Themen – kritische Auseinandersetzung inbegriffen. Nur bleibt für sowas mit zunehmenden Tempo und steigendem marktwirtschaftlichem Interesse ab einem bestimmten Punkt leider absolut kein Spielraum mehr. Die primären Ziele sind dann andere und denen wird scheinbar alles untergeordnet, bis, ja bis irgendwann eben doch einfach nicht mehr weitergeht. Diese Klimax scheinen wir kürzlich erreicht zu haben. Endlich möchte man fast laut ausrufen. Das resultierte zunächst in eine allgemeine Modemüdigkeit. Eine, die nicht nur mich im Besonderen, sondern praktisch eine ganz Branche im Kollektiv erfasste. Wieder eine Show, wieder ein Defilee, wieder etwas Neues, ja ist denn eigentlich nicht alles doch immer das Gleiche? Lohnt da der Aufwand überhaupt noch? Oder wendet man sich besser gleich ab? Die Mode steckte in der Krise. Das las und liest man dieser Tage nur allzu häufig und irgendwie stimmt das auch. Daraus machen selbst die Größten der Branche keinen Hehl mehr. Das Schöne an solchen Miseren aber ist: Sie schaffen Raum für Veränderung.

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Alles auf Anfang?

Und genau die bahnt sich mittlerweile an vielen Ecken an. Sei es im Versuch das klassische Schauenkonzept aufzubrechen und die Looks vom Runway direkt verfügbar zu machen oder im Weggang namhafter Designer, die mit ihrem Rückzug aus der Branche im Generellen – sozusagen ihrer „Pensionierung“ – ein deutliches Statement setzen. Alber Elbaz und Phoebe Philo sind nur Zwei. Aber auch andere Modehäuser haben in der jüngeren Zeit ihre Galionsfiguren eingebüßt. In Berlin hatte ich bei dieser Fashion Week den Eindruck, dass man sich wieder mehr auf die eigenen Wurzeln besinnen möchte, sozusagen endlich eine Richtung wenn nicht sogar eine Daseinsberechtigung einfordern will. Kleinere Shows, weniger Gäste, weg vom obligatorischen Runway – ganz allgemein gesprochen: weniger Primborium. LalaBerlin zeigte Mode in der KÖNIG Galerie und rückte sie damit in den Dunstkreis der Kunst, ähnlich Perret Schaad, die die Installation ihrer Kollektion, die sehr ans letzte Abendmahl erinnerte, in drei Durchgängen zeigten. William Fan lud gemütlich zum Dinner ins Asia Restaurant ein und damit zum Verweilen, während Malaikaraiss gleich ganz auf eine Show verzichtete und ihre Looks lieber digital zeigte.

Auch andernorts sind die Modewochen scheinbar längst nicht mehr so wild darauf unnötig viel Aufmerksamkeit zu generieren. Noch vor einem halben Jahr war das anders. Weniger Promis in der Frontrow, weniger Berichterstattung abseits der einschlägigen Modemagazine und -formate. Zumindest hat man den Eindruck.  Ziemlich erfrischend, sorgt es doch nicht zuletzt auch dafür, dass man sich erst einmal wieder gezielt informieren muss, um up to date zu sein. Aktiv lesen statt nur passiv zu konsumieren. Wie herrlich! Prägnant ist auch, dass ausgerechnet jetzt zahlreiche Designer, wie Prouenza Schouler, Victoria Beckham, Rodarte oder Altuzarra dem Standort New York, jenem der bisher als der wichtigste aus marktwirtschaftlicher Sicht galt, eine klare Absage für die kommende Saison erteilen. Die Argumentation so simpel wie eindeutig: Eine Schau in New York ist schlichtweg zu teuer. Das stehe gegenüber dem Output in keinem wirklichen Verhältnis und ohnehin sind es doch irgendwie immer schon Paris, Mailand – und wenn überhaupt noch London – gewesen, die in den Köpfen des Modevolks für die Schaffung Trends stehen. Nicht zuletzt auch das lässt hoffen, dass dieses Aufbrechen starrer Konzepte, Raum für neue, junge Köpfe ermöglicht.

Weniger ist mehr

Das bringt mich schließlich auch zurück zu besagtem Livestream von Dior. Dort setzt Designerin Maria Grazia Chiuri im Rahmen der Paris Fashion Week inzwischen schon zum dritten Mal auf markante „Female Empowerment“-Claims. Prangten sie, die letzten beiden Male noch auf den Shirts selbst, zierten sie dieses mal die gesamt Kulisse in Form von collagenartig arrangierten Zeitungsseiten. Wiederholung als Prinzip. Vor Kurzem noch ein Todesurteil innerhalb der Branche. Inzwischen freut man sich beinahe über den Wiedererkennungswert. Auch die Kollektion an sich versucht weder unnötig innovativ noch aufsehenerregend anti-fashion zu sein. Vielmehr geht es um tragbare Looks, die ganz vom runden Jubiläum der 68er-Bewegung inspiriert scheinen und optisch bis weit in die 70er hineinreichen. Blumenmuster in Form von grobmaschigem Strick, Cogancfarbene Lederstiefel mit dickem Blockabsatz, Patchwork-Denim, dazu Rüschenkragen, Schiffermützen und bunte Sonnenbrillen. Ja selbst der Futurismus kommt ganz klassisch in Form von schimmerndem Silber daher. Das ist schön anzusehen und macht Lust, sich endlich einmal wieder richtig zu kleiden. So im Kompletten, von Kopf bis Fuß. Adrettes Aussehen als radikaler Gegenentwurf zur Vetements´schen Anti-Fashion. Denn auch das hatten wir im Zuge all der Rasanz und überheblichen Verweigerungshaltung irgendwie doch längst verlernt. Was bleibt ist die tiefe Hoffnung, dass das Handwerk Mode jetzt also endlich wieder zurück zu seinen kreativen Wurzeln findet und Nachhaltigkeit bald wieder mehr ist, als bloß eine Frage des Herstellungsverfahrens.

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Kategorie: Fashion, Mind, Think Aloud

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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