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Watch | 5 Serien zur Realitätsflucht und gegen trübes Wetter

5 Serien habits

April, was machst du bloß mit uns? Statt Sonnenschein und Frühlingsgefühle bescherst du trübes Regennass, einstellige Frost-Temperaturen und sogar Schnee. Als ich gestern morgen verschlafen aus dem Fenster blinzelte, hätte ich mich am liebsten direkt wieder unter die Decke verkrochen. Statt geselligem Feierabendbier am Mainufer steht im Moment wohl also nicht nur mir der Sinn nach allabendlicher Heimkuschelei eingepfercht in ein Fort aus Decken und Kissen garniert mit Tee und aufgedrehter Heizung. So ist es warm und die Welt in Ordnung. Vor allem aber spart man sich die langwierigen Diskussionen mit den Herzmenschen, wer denn nun in den sauren Apfel beißen und mit Bus und Bahn durch die Stadt gurken muss. Da all das aber auch ziemlich schnell einsam machen kann, gilt das Prinzip Realitätsflucht. Und wie ginge das (außer mit dem Lesen von dicken Schmökern) besser als mit gepflegtem Serien-Binge Watchting. Hier kommen die Top 5 meiner aktuellen Lieblinge von Netflix, HBO und Co.

#1 Westworld

Westworld

Letztes Jahr um die Weihnachtszeit erzählte mir ein Freund von Westworld. Vom Wilden Westen war dort die Rede, von Robotern, die Menschen täuschend echt imitieren und Storylines, die sensationshungrigen Touristen ein Gefühl von Freiheit vorgaukeln wollen. Was zunächst nach ziemlich kitschigem Science-Fiction klingt, entpuppt sich bereits nach der ersten Folge als hochintelligentes Konstrukt aus Handlungssträngen, psychologisch facettenreichen Figuren und Abgründen menschlicher Existenz. Westword erzählt die Geschichte eines Freizeitparks, in dem Gäste den Wilden Westen erleben können. Dabei ist es völlig egal, ob sie dorthin aus Neugier reisen oder aus böser Absicht. Vom harmlosen Drink im Saloon bis hin zu Mord und Vergewaltigung ist theoretisch alles drin, das alles liegt ganz im Ermessen des Besuchers. Bei den Charakteren, auf die sie treffen, handelt es sich ohnehin bloß um seelenlose Maschinen, die ausschließlich dazu dienen, all diesen Spielchen ein Gesicht zu geben. Aber ist das wirklich so? Was passiert, wenn diese Wesen aus Metall, Silikonhaut und Computerchips auf einmal doch ein Bewusstsein entwickeln? Was, wenn sie sich erinnern, an alles, was man ihnen angetan hat? Und was, wenn, sie auf einmal nicht mehr nach den Regeln spielen wollen? Funktioniert das überhaupt? Oder ist am Ende vielleicht auch diese vermeintliche Alteriert miteinkalkuliert? All diesen Fragen nähert sich Westworldd auf hochkomplexe Weise an und entfaltet dabei Folge für Folge ein schier undurchsichtiges Labyrinth aus Erzählsträngen, Hinweisen und Irrwegen. Glaubt man als Zuschauer eine Lösung gefunden zu haben, muss man sich oft schon im nächsten Augenblick eines besseren belehren lassen. Selbst Zeitlichkeit wird dann zu einem unfassbaren Nebel. Am Ende kommt es vornehmlich auf die Details an. Jene kleinen, aber feinen Dinge, die dort am Bildrand existieren und, denen wir so oft im Leben viel zu wenig Beachtung schenken. Jonathan Nolan und Lisa Joy ist mit dieser Serie ein Meisterwerk gelungen, das besonders auch von seinen begnadeten Schauspielern (Evan Rachel Wood, Ed Harris und Anthony Hopkins) lebt. Wie komplex der Plot erarbeitet ist, wird daran deutlich, dass vorab bereits alle sechs Staffel ausgearbeitet wurden. Nach und nach flimmern sie nun über die Bildschirme. Staffel 1 wurde bereits komplett bei HBO ausgestrahlt. In Deutschland hat Sky sich die Rechte gesendet. Auf Season 2 dürfen wir uns dann ab 2018 freuen.

#2 VINYL

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Es ist Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Rock´n´Roll ist noch wild, Warhol und die Kunstwelt feiern in der Factory und New York gilt zwar als hartes aber seitens der Bohème heiß umschwärmtes Pflaster. In diesen wilden Zeiten begleiten wir das fiktive Plattenlabel American Century Records und allen voran dessen Boss Richie Finestra durch das tägliche Chaos aus Musik, Drogen und Geldproblemen. Der Rubel rollt längst nicht mehr so rund wie er sollte. Große Bands und Künstler wie Led Zepplin, Alice Cooper und David Bowie sind bei anderen gesigned und als wäre das nicht schon genug, kann der Boss selbst nur schwer die Moneten beisammen halten, Zu gerne zieht er sich das nette weiße Pulver durch die Nase oder verzockt die Einnahmen bei Wetten. Zugegeben VINYL kommt einstweilen ziemlich pathetisch daher. Nicht nur dafür sind Martin Scorsese, der Regie führte, und Mick Jagger als Produzent im Nachgang kritisiert werden. Auch die Musik kommt für viele Liebhaber zu kurz. Zu platt sei inszeniert, was eigentlich doch Quintessenz der Serie sein sollte. Trotzdem habe ich mich auf Anhieb in VINYL verknallt. Denn abseits all der negativen Kommentare ist die Serie vor allem eines: eine liebevolle Hommage an eine ganz besondere Ära. Vom Set-Design bis zu den Kostümen lässt sie den Zauber und die Wildheit der 70er wieder aufleben und führt uns dabei gleichzeitig schonungslos vor Augen wie domestiziert und langweilig wir alle doch geworden sind. Subversion scheint längst nur der Wunschtraum einer kleinen, nicht selten akademisch angehauchten Gruppe, während Musik zur bloßen Oberfläche verkommen scheint. Radikal ist daran nichts mehr, außer vielleicht das Maß an schönmalerischer Kleingeisterei.

#3 Black Mirror

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Medienkritik in Episoden. Über Black Mirror braucht man eigentlich nicht mehr viel erzählen. Die britische Serie, die der Streamingdienst Netflix in Deutschland ausstrahlt, widmet sich in jeder Folge einem anderen Phänomen technischen Fortschritts. Mal können Erinnerungen dank Mikrochips im Hirn nicht mehr ausgelöscht werden, mal ist eine Art Instagram die Währung einer ganzen Gesellschaft, dann wieder wird es möglich Tote über Smartphone, Macbook und Co. aus Jenseits zurückzurufen und dann wieder findet sich die Menschheit in einer Realität wieder, in der das ganze Leben einer virtuellen Realität gewichen ist. Was anfangs noch nach spannender Innovation klingt, zeigt in dieser Serie ziemlich schnell seine negativen Seiten. Black Mirror ist Zukunftsdystonie vom feinsten, eine, die stets ziemlich nah an unserer eigenen Lebensrealität scheint. Hier geht es nicht um die ferne Zukunft. Was wir sehen, sind Phänomene, deren Anfänge heute für uns bereits Alltag sind. Und genau das ist es letzten Endes, was den spannenden Grusel dieser Serie ausmacht.

#4 River Dale

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Man nehme eine Brise Twin Peaks, mische es mit Gossip Girl, packe etwas Kleinstadtcharme dazu und garniere das ganze mit knalligen Farben. Fertig ist die Serie River Dale. Basierend auf den Archie Comics hat Netflix hier einen faszinierenden kleinen Krimi gebastelt, der von seinem pathetichen Kitsch ebenso lebt wie von seinen beinahe märchenhaften Zügen. Der Sohn der reichsten Familie der Stadt wird tot ans Ufer gespült. Ein Mord, wie sich schnell herausstellt. Von da an sind alle verdächtig. Denn unter dem adretten Mantel vermeintlicher Kleinstadtidylle lauern Familienfehden, Zwist und Hass. Da macht es gleich noch mehr Spaß mitzufiebern Detektiv zu spielen und, ja, manchmal auch melancholisch an eine Zeit zurückzudenken, an wir statt auf das Smartphone einzuhacken, lieber noch mit Freunden durch die Wälder gestreift sind.

#5 Tote Mädchen lügen nicht // 13 Reasons Why

13 reasons why

Wieder eine Serie aus dem Hause Netflix, wieder eine Gruppe von Teenagern im Fokus. Hannah Baker hat Selbstmord begangen. Ein Mädchen gerade einmal 16. Was hat sie dazu getrieben? Dieser Frage folgt die Serie Tote Mädchen lügen nicht (engl. Originaltitel: 13 Reasons Why). Das Besondere: Hannah hat kurz vor ihrer Tat Kassetten aufgenommen. Kassetten, die sie jeweils einem anderen ihrer Mitschüler widmet und von denen sie nun posthum alle Betroffenen zwingt, diese in voller Gänze anzuhören – auch damit sie ihre Geschichte, Hannahs Geschichte, bis ins letzte Detail nachempfinden müssen. Denn allesamt eint sie die Tatsache, dass ihr Verhalten mit zum Tod des Mädchens beigetragen hat. Was folgt ist ein psychologischer Irrgarten, der alle Beteiligten in einen Pool aus Selbstzweifeln, Wut, Trauer und Angst stürzt und ihnen die Masken herunterreißt, um jedem sein wahres Spiegelbild dahinter vor Augen zu führen. In den USA ist die Serie längst ein Erfolg auch in Deutschland brach Tote Mädchen lügen nicht in kürzester Zeit alle Rekorde. Was hier besonders beeindruckt: In Erzählung wie Darstellung eines amerikanischen Mittelstand-Highschoolmilieus ist die Serie verhältnismäßig radikal. Vergewaltigung, Gewalt, Mobbing und eben der Tod, nichts bleibt visuell ausgespart, perspektivisch begeben wir uns sogar mehr als einmal in die Opferrolle. Das ist auch für den Betrachter nicht immer leicht, entfesselt aber umso stärker die Sogkraft dieser Serie. Einmal damit angefangen, konnte ich nicht eher aufhören die Serie zu schauen, bis ich mit der ersten Staffel durch war. Und wie es aussieht geht es weiter. 13 Reasons Why ist definitiv nicht nur ein Format für Teenager.

Kategorie: Culture, Watch

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Was für die einen nach Schizophrenie par exellence klingt, ist für diese Dame ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Lookbooks Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücherläden und (skandinavische) Mode sind ihre Schwäche, Filme und Kultur das Terrain auf dem sie sich zuhause fühlt. Die Frankfurterin mit der tiefen Liebe zum Berliner Leben redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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