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Would you #bonnetcore?

Bekanntermaßen kommen und gehen Trends wie Ohrwürmer und gutes Wetter, unvorhergesehen, schadenfroh und mit einem gewissen Nachdruck. Die digitale Welt schiebt uns seit einer ganzen Weile schon Trend für Trend unter die Nase, die mehr und mehr sozialen Bewegungen gleichen, mit einem eigenen Hashtag garniert daherkommen und dabei doch immer untragbarer werden. Im letzten Jahr fand der Cyber-Streetstyle mit #normcore seinen Höhepunkt („Normcore“ war 2014 der am meisten gegoogelte Modetrend) und kaum war der sehr tragbare Normalo-Trend wieder verebbt, traten #healthgoth, #softgrunge, #seapunk, #vaporwave und #witchhouse an seine Stelle. Diese sorgten nicht nur für modische Ausdrucksformen, sondern auch für musikalische und komplette Lifestyle-Statements – die Early Adopter unter euch (oder auch „Frühe Anwender“, im Marketing sind das jene Nutzer, die als Erste Trends erkennen und selbst setzen) können davon ein Liedchen singen. Nun erobert ein neuer Cyber-Trend Instagram, Twitter und Co.: #bonnetcore.

Wie der Name schon sagt, geht es bei #bonnetcore um das Tragen von „bonnets“, Englisch für „Hauben“ oder „Häubchen“. Wikipedia hilft hier wie immer weiter: „Eine Haube ist eine Kopfbedeckung, die sowohl über eine Gesichts- als auch über eine Halsöffnung verfügt, das heißt, die das Gesicht und den Hals umschließt und unter dem Kinn geschlossen wird.“ Aufgekommen im Mittelalter und der Frühen Neuzeit zierten sie vor allem verheiratete Frauen, die ihr Haar zu verdecken hatten. Die Haube war ein Zeichen für Frauenwürde und Anständigkeit – die Redensart „unter die Haube kommen“ stammt übrigens auch aus dieser Zeit.

Bonnetcore_Molly Soda

Molly Soda | Instagram-Account @bloatedandalone4evr1993

Wie kommt es nun aber dazu, dass Instagramer und Digital Natives rund um den Globus Frauenhauben auf dem Kopf tragen? Den Anfang machte die Künstlerin und digitale Größe Molly Soda, die unter einem Bild von sich selbst mit Haube den Hashtag #bonnetcore verwendete. Zoë Ligon, eine Freundin von Soda und selbst Künstlerin, postete kurze Zeit später ebenfalls ein Bild mit den Worten „The future is now – the future is #bonnetcore“. Auch der momentan gehypte Stylist Jake Levy wurde mit rosa Kopfbedeckung für Nicopanda, das Label des früheren Dazed-Kreativdirektors Nicola Formicetti, abgelichtet. Lily-Rose Depp, die Tochter von Johnny Depp und Vanessa Paradis – und neue Muse von Chanel – trägt auf einem Bild zusammen mit David Moses vom Newcomer-Label Moses Gauntlett Cheng und Zoë Bleu (The Bling Ring) ebenfalls eine Haube. Seitdem das Paper Mag vor kurzem als erstes über #bonnetcore berichtet hat, kommen mehr und mehr Bilder hinzu. Auf Instagram sind es bis dato knapp über 135 Bilder, Tendenz steigend. Zugegeben, die Zahlen sind noch nicht der Rede wert, allerdings sind Cyber-Trends ja dafür bekannt, unberechenbar exponentiell aus dem Boden zu schießen.

Wie ernst halten wir nun aber einen Trend, bei dem ein Accessoire aus dem Mittelalter im Mittelpunkt steht? Im Grunde zeigt er nur, dass der Hang in die Vergangenheit, der Wunsch nach einem romantischen und reinen Rückzugsort in der Zeit der digitalen Überflutung, Fluktuation und Retusche immer mehr zu einem existenziellen Bedürfnis der Menschen wird. Die Haube als Requisite einer harmonischen, ja paradiesischen Zeit der Abwesenheit von Screens, Interfaces, Devices und Communities wird ihrer früheren Funktion damit doppelt gerecht: Sie bringt Würde in eine allzu automatisierte, perfektionierte, künstliche Welt und verbirgt gleichzeitig vor der schnelllebigen Umgebung. Die Haube schützt vor einer Gesellschaft, in der permanente Online-Aktivität und Freizügigkeit selbstverständlich sind, normale Nutzer zu Personen öffentlichen Interesses werden und an jeder Ecke personenbezogene Daten eingesammelt werden. Der Schutz der Privatsphäre wird durch den Schutz einer der intimsten Stellen des menschlichen Körpers (siehe auch die Pflicht zum Verdecken des Hauptes im Islam und orthodoxen Judentum), des Scheitels, der ebenso einer ganz anderen Stelle des weiblichen Körpers gleicht, zum Schutz der Intimsphäre – mit der viele der genannten Cyber-Größen doch allzu unbekümmert umgehen.

Aber mal ehrlich, vom Internet auf die Straße wird es die Haube in absehbarer Zeit wahrscheinlich nicht schaffen. Oder doch? Um mit dem kürzlich erneut von Molly Soda gepostetem Bild zu fragen: Would you #bonnetcore?

Fotos: @laurenaliceavery, @thongria, @lilyrose_depp, @jaklevy

Kategorie: People

von

Lola Fröbe

Das Köpfchen voller Mode – und dennoch Köpfchen? Eine Selbstverständlichkeit für die Dame, die seit jeher einen Hang zur Polarität kultiviert. Girlpower und Understatement sind die partners in crime. Lola kann sich mit den aktuellen Ready-To-Wear-Kollektionen ihrer skandinavischen und französischen Idole genauso stundenlang zufrieden aufhalten wie im Buchladen um die Ecke. Das Fräulein liebt Kopenhagen und Kafka, hat eine Schwäche für Männermode und schmissige Musikhits, ist aber auch für Kunst und Kitsch zu haben.

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