Mind, Think Aloud
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Think Aloud | Wie die lebendigste Stadt der Welt mich zur Ruhe brachte

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Es klingt irgendwie schon absurd. Da muss ich erst in den Flieger steigen und ausgerechnet nach New York jetten, damit mein Kopf endlich einmal Ruhe findet vom Leben mitsamt seinen Alltagsklüngeleien. Schließlich nennt der gemeine Volksmund die Mega-Metropole nicht umsonst, „die Stadt, die niemals schläft“. Und tatsächlich nicht nur, dass es in New York immer, wirklich immer, etwas zu tun und zu erleben gibt, selten war ich von einer derartigen – mal mehr, mal weniger – subtilen Dauer-Geräuschkulisse umgeben. Zumindest meine liebe Mutter hat das mehr als einmal ganz schön um den Schlaf gebracht.

Aber wie kann es sein, dass genau in diesem Melting Pot aus Erlebnis, Trubel und Verkehrschaos, die Seele endlich einmal wieder so richtig frei baumeln kann, ohne auch nur einmal über das Morgen hinauszudenken. Die Antwort, die ich mir mittlerweile zusammengereimt habe, scheint im Nachhinein eine ebenso logische wie einfache. Doch fangen wir von vorne an:

Als ich in den Flieger steige, kann von Entspannung längst noch keine Rede sein. Ich bin wieder einmal vollkommen übermüdet – seit Monaten irgendwie ein Dauerzustand bei mir. Agenturjob, Doktorarbeit, freie Redaktionstätigkeiten und seit Kurzem eben auch noch habits. Da bleibt oft nicht einmal mehr der Sonntag, um wirklich frei dem Vergnügen nachzugehen. Obwohl ich genau weiß, dass der Flieger am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe vom Rollfeld in Frankfurt am Main abhebt, sitze ich noch bis spät in die Nacht am Schreibtisch. Schließlich will die ganze Arbeit, die sich schon angesammelt hat, vorab noch brav erledigt sein, ganz zu schweigen von dem Pensum, dass man irgendwie schon vorarbeiten muss, um danach nicht im totalen Chaos zu versinken. Irgendwann ploppt dann auch noch der Gedanke auf, dass der Koffer ja noch gar nicht zu Ende gepackt ist. Also springe ich nachts um halb eins noch schnell mit einem leichten Anflug von Panik durch die Wohnung und werfe zusammen, was ich mir wenigstens gedanklich zum Glück schon bereit gelegt habe. Knapp zwei Stunden später, genauer gesagt um viertel nach zwei liege in an einem frühen Donnerstagmorgen endlich im Bett. Zu blöd nur, dass der Wecker spätestens um vier Uhr erbarmungslos klingeln wird. Ungewohnterweise schlafe ich sofort ein und bin, einen gefühlten Mini-Nap später, auch direkt wieder hellwach. Zu groß ist wohl die Spannung, auf all das, was mich in den kommenden Tagen erwarten wird. Der Rest läuft eigentlich völlig reibungslos, und als ich endlich im Flieger sitze, meldet sich dank Dauerbespaßung durch das grandiose Team von Singapore Airlines nicht einmal die gewohnte Flugangst.

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Nach knapp acht Stunden, einem kleinen Power-Nap und einer Unmenge an Filmen und Serien setzt der ziemlich fette A380-Metallvogel endlich auf amerikanischem Boden, genauer gesagt dem Rollfeld des JFK Flughafens, auf. Schnell noch durch die Sicherheitskontrolle – wobei „schnell“ hier eher ein dehnbar gebrauchter Begriff ist. Denn, was ich zuallererst über die Amerikaner lerne: Sie scheinen irgendwie einen ziemlichen Faible für Warteschlangen zu haben. Schon sitze ich im obligatorisch gelben Wagen und fahre auf die atemberaubende Skyline Manhattans zu. Dort angekommen, ist es an diesem Donnerstagmorgen leider ziemlich wolkenverhangen und grau. Das trübt die Stimmung zunächst etwas und lässt die Stadt auf den ersten Blick viel unfreundlicher erscheinen, als sie eigentlich ist. Spätestens, als ich aber auch dem Taxi aussteige und diese herrliche Wärme von knapp 26 Grad auf der haut spüre, fühle ich das Glück mit einem Schlag in mir aufsteigen. Die überschäumende Freundlichkeit des Hotelpersonals – und ja, im freundlich sein, sind die Amerikaner tatsächlich echt gut, vertreibt dann auch den letzten Anflug von Jetleg, sodass ich direkt auch das tun kann, was von da an zu meiner liebsten Dauerbeschäftigung wird: Loslaufen und die Stadt erkunden.
Und zu entdecken gibt es reichlich. Die Hauptstraßen sind scheinbar endlos und prall gefüllt mit Menschen. Stylishe Figuren, Touristen und so mancher Freak tummeln sich auf den Straßen und schlängeln sich auf riesigen Kreuzungen zwischen unzähligen Yellow Caps und anderen Autos hindurch. Polizei- und Feuerwehrsirenen heulen permanent irgendwo und auf merkwürdige Weise sorgt genau diese omnipräsente Hektik um mich herum dafür, dass ich innerlich zunehmend ruhiger werde. Während meine Eltern, sich müde gegen 18 Uhr New Yorker Zeit ins Hotel verabschieden, kann ich mich noch immer nicht vom Sog Big Apples losreißen und ziehe kurzerhand alleine weiter. Knapp 15 Blocks bin ich inzwischen gelaufen, die Füße meckern allmählich, auch wenn sie in bequemen Turnschuhen stecken. Trotzdem ist mein Geist noch immer hellwach. Gegen 20 Uhr übermannt dann auch mich die Müdigkeit und ich schlendere zum Hotel in der Nähe des Time Squares zurück, wo ich kurz darauf auch seelig ins Bett falle, um das erste mal seit einer gefühlten Ewigkeit ganz 10 Stunden wie ein Stein durchzuschlafen. Am nächsten Morgen kann und will ich das alles irgendwie gar nicht so richtig glauben. Ich bin tatsächlich ausgeruht, zumindest glaube ich mich zu erinnern, dass sie das so anfühlt. Kurz überlege ich meine Mails zu checken. Doch bereits, als die rote Zahl auf meinem Handydisplay anwächst, beschließe ich diese Idee schnell wieder zu verwerfen. Ich habe Urlaub und mir die strenge Regel gesetzt „keine Arbeit“! Daran sollte ich mich wenigstens an den ersten Tagen auch konsequent halten.

Von da an genieße ich das Leben, lasse mich mal mehr, mal weniger ziellos durch die Stadt treiben, schlemme, nasche und genieße. Ich besuche das ein oder andere Fleckchen in der Stadt, von dem ich mir fest vorgenommen habe, es auch ja nicht zu verpassen, darunter das sagenumwobene Chelsea Hotel, in dem schon Patti Smith wohnte, das MoMa, der Store von Opening Ceremony, das Imagine-Denkmal zu Ehren John Lennons und den Chelsea Market. Ich bummele durch Soho, Chinatown, Little Italy, Chelsea, das Greenwich Village, Noho und Tribeca. Verirre mich zwischendurch sogar auch mal auf die Upper West und East Side und überquere an einem faulen Sonntag natürlich die Brücke, um das Leben jenseits der Hochhäuser, in Williamsburg und Brooklyn zu erkunden. Am vorletzten Tag zieht es mich schließlich in die Natur – und davon hat der Central Park wirklich reichlich zu bieten. Eine Ruheoase, mitten in der wildesten Stadt der Welt, deren Masse an Grün mich völlig umhaut.

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Im Nachhinein kann ich gar nicht mehr genau sagen, wann ich eigentlich was genau gemacht habe. Grob wabert noch die Reihenfolge des Erlebten im Kopf, aber so richtig greifbar ist sie nicht. Und genau darin liegt meiner Ansicht nach die Essenz meiner inneren Ruhe verborgen. Endlich einmal keine Termine, keine Pflichten oder auch nur den Hauch des Gefühls, es irgendjemandem Recht machen zu müssen. Hier in dieser Stadt, in der ich niemanden kenne, bin ich eine Fremde, die Keinem etwas schuldig ist. Endlich einmal keine Erwartungshaltungen erfüllen. Das ist ein Gefühl, das ich so sehr vermisst habe. Hier in dieser Stadt geht es jetzt gerade nur um mich, um meine Bedürfnisse und wenn etwas mal nicht klappt, was soll´s, es gibt mindestens noch einen nächsten Tag oder das tief vergrabene, schonungslos ehrlich Wissen, dass mir dieses „Erlebnis“ wohl irgendwie doch nicht so sehr am Herz gelegen war, wie ich anfangs angenommen hatte. Selbstbestimmung und zwar in ihrer archaischsten Form – genau danach hatte ich mich so sehr gesehnt – und genau hier in New York habe ich sie gefunden.

Irgendwie ist es doch so: Meine Generation ist mit der Vorstellung aufgewachsen, dass sie alles erreichen kann. Von Kindesbeinen an erzählt man uns, dass uns alle Türen in unserem Leben offen stehen und wir sowieso zu etwas ganz Besonderem berufen sind. Das Problem an der Sache ist nur Folgendes: Nur weil wir theoretisch alles erreichen können, glauben wir nur zu gerne, dass wir das auch müssen. Schneller, höher, weiter. Nichts scheint unerreichbar und wer nur erst einmal genügend Fleiß aufbringt, der wird garantiert am Ende auch belohnt. Tja, unser selbst auferlegtes Arbeitsmantra ist für so manchen von uns längst zum Monster im Schrank mutiert, von dem wir fürchten, dass es uns frisst, wenn wir es nicht auf andere Art besänftigen. Das offen auszusprechen trauen sich aber nur die wenigsten. Vor allem als FreiberuflerIn gerät man schnell in einen Strudel aus Konkurrenzkampf und Zukunftsangst. Was heute noch sicher erscheint, kann spätestens mit der nächsten Grippe den Bach runtergehen. Und wer da nicht aufpasst, ertappt sich schnell dabei, wie er oder sie auch die Wochenenden durcharbeitet und viel zu oft, sein eigenes Talent weit unter Wert verkauft, um wenigstens den Kühlschrank zu füllen. Schließlich wollen wir doch nicht öffentlich zugeben müssen, dass das Leben hart ist. Andere schaffen den Spagat zwischen Privatleben und Dauerarbeit doch schließlich auch und scheinen dabei auch noch die Lorbeeren eines ziemlich angenehmen sowie erfüllten Daseins zu ernten. Nur blenden wir hierbei nun mal auch oft nur zu gerne aus, dass es hinter der hübschen Fassade vielleicht ganz anders aussieht. Wie ich gestern schon unter einem Artikel der wunderbaren Nike Jane kommentiert habe: Fehler entdecken wir eigentlich immer nur bei uns selbst. Die anderen scheinen dagegen perfekt.

Doch wer nur noch arbeitet und sich das Leben verkneift, der wird eher früh als spät, damit gehörig auf die Nase fallen. Ausgelaugtsein und permanente Müdigkeit sind nämlich nur die Vorstufe des Ganzen. Spätestens, wenn auch das letzte Fünkchen Leidenschaft dem eigenen Tun ausgetrieben ist, haben wir nämlich ein ziemliches Problem. Kreativittät lässt sich nicht auf Knopfdruck an- und ausschalten, auch wenn so mancher Unternehmer, sich das noch so sehr wünschen mag. Der Mensch ist keine Maschine, sondern ein biologischer Organismus, ein lebendiges Wesen, das Genzen hat und diese auch ernst nehmen sollte. Wie können nicht 24/7 funktionieren und niemand sollte sich das Recht herausnehmen dürfen uns vorzuhalten, dass das Leben genauso laufe. Arbeit als (Ersatz-)Religion ist am Ende nämlich nichts anderes als eine kapitalistische Erfindung, um das Getriebe aus Angebot und Nachfrage in Gang zu halten. Nur werden auf dem Sterbebett wohl die wenigsten von uns zurückblicken und zufrieden feststellen „Ja das habe ich beruflich erreicht!“ Vielmehr noch werden Kunden, Chefs und Co. uns dann wohl ziemlich egal sein. Stattdessen dürften umso mehr die kleinen Freuden des Lebens in den Fokus rücken. Jene Momente, in denen man wirklich glücklich war und unser Dasein mit Freunden und Familie so richtig, in vollen Zügen genießen konnten. Umso schlimmer wäre es, wenn wir genau dann realisieren, dass wir unser Leben vor lauter Arbeitseifer eigentlich verpasst haben. Schließlich haben wir nur eines davon.

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Und während ich durch die trubeligen, überfüllten Straßen New Yorks schlendere wird mir mehr und mehr klar, dass Selbstbestimmtheit nicht bedeutet, sich zu entscheiden, ob man jetzt zuerst Job 1 oder Job 2 erledigt, sondern sich die Freiheit nimmt, einfach einmal beide links liegen zu lassen. Keiner von uns ist perfekt und kann permanent funktionieren. Es wird Zeit, dass wir uns das auch endlich selbst eingestehen und wir auch keine Angst mehr davor haben, es unserer Umwelt laut und stolz entgegen zu schreien. Kurz darauf zücke ich das erste Mal nach knapp 24 Stunden mein Handy, aber nicht, um meine Mails zu checken, sondern um eine liebe Nachricht an meinen Herzmann zu tippen. Der fehlt mir nämlich mit einem Schlag so richtig. Schließlich ist auch er in den letzten Wochen und Monaten viel zu kurz gekommen. Und weil sich das Ganze so unglaublich gut anfühlt, folgen auch gleich noch kurze Herzensgrüße an die drei anderen wichtigsten Menschen in meinem Leben.

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Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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  1. „Hier in dieser Stadt, in der ich niemanden kenne, bin ich eine Fremde, die Keinem etwas schuldig ist.“ Den Text hast du wirklich großartig geschrieben, liebe Laura! Und es freut mich, dass du in der Stadt, die niemals schläft, tatsächlich ein wenig zur Ruhe kommen konntest. Und neidisch hast du mich auch zudem gemacht, ich würde auch so gerne durch die Straßen New Yorks schlendern. <3

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