Mind, Think Aloud
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Think Aloud | #WhatIReallyReallyWant… NOT

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„Girlpower“, schreit das Netz und hyped derzeit ein Video, in dem der Spice Girls-Track „Wannabe“ seine feministische Neuauflage findet. Eine tolle Botschaft, die wir so aber irgendwie nicht ganz unterschreiben wollen.

Es könnte doch eigentlich zu schön sein! Da veröffentlicht die UN einen Spot, in dem es um die Rechte von Frauen und Mädchen rund um den Globus geht – und zwar um die von allen Frauen ganz gleich welcher Herkunft. Verbündete scheinen schnell gefunden, weshalb auch gleich eine ganze Reihe charmanter junger Damen sich motiviert bis energisch durch den Imageclip singen und tanzen, darunter die bekannte Bollywood-Schönheit Jaqueline Fernandez oder die Tänzerinnen Larsen Thompson und Taylor Hatala. Passend zum Thema muss das Ganze natürlich auch mit dem entsprechenden Track unterlegt werden und was läge da näher, als der große Hit einer Girlband, die in den 90er Jahren für Girlpower stand, wie keine andere. Bringt garantiert zusätzliche Aufmerksamkeit und deren bekannteste Refrainzeile lässt sich – welch glücklicher Zufall – auch unheimlich gut in einen Hashtag verpacken. Et volià, ein Hype ist geboren, den wir unter dem Claim #WhatIReallyReallyWant nur zu gerne mit der Welt teilen. Naja, oder eben auch nicht…

Girlpower und die 90er

„I tell you what I want, what I really really want…!“ Kaum jemand der diese Liedzeile der Spice Girls wohl nicht kennt. In den 90er Jahren waren Emma, Mel C, Mel B, Victoria und Gerry nicht nur der Inbegriff von Girlpower, sondern auch die Heldinnen einer ganzen Generation. Wahre Heerscharen von Mädchen und jungen Frauen vergötterten die Girls und grölten ihre Tracks aus voller Kehle – mich eingeschlossen. Zu gut erinnere ich mich noch daran, wie ich mit meiner damaligen besten Freundin stundenlang vorm Fernseher Konzerte nachspielte und ganze Choreografien einstudierte. Natürlich kannten wir auch den Spice Girls Film in und auswendig. Ist doch wohl Ehrensache. Wieso aber auch nicht! Schließlich waren die Spice Girls cool, sie waren tough, sie hatten Style, waren richtig dicke Freundinnen… und sie waren eine geschickt inszenierte Männerphantasie.

Ich selbst habe mir das lange nicht eingestehen wollen, ging es hier doch schließlich um die Heldinnen meiner frühen Jugend. Wer allerdings auch schon damals genauer hinschaute, der entdeckte vermutlich schnell, welche kommerziell vermarktbaren Mechanismen hier am Werk waren. Baby Spice, Sporty Spice, Posh Spice, Scary Spice und Ginger Spice. Fünf Frauen, fünf Rollen, hinter denen sich weniger individuelle Charaktere, als vielmehr etablierte Stereotypen von Weiblichkeit verstecken. Blond ist süß und naiv, während die Rothaarige als waschechter Vamp die Männer um den Verstand bringt. Die beiden brünetten Girls sind wiederum wahlweise mega sportlich oder irgendwie ein bisschen manierlich drüber und für die einzige Dunkelhäutige der Truppe, wird es dann auch tatsächlich schwer ein passendes Klischee zu finden, werden Schwarze doch weitgehend visuell ausgeblendet oder in historische Rassenklischees gedrängt. Warum sie deshalb am Ende das Attribut „scary“ verdient, bleibt mir ein Rästel. Vielleicht, weil sie als die nicht verortbare Frau, die Männer für einen kurzen Moment tatsächlich das Fürchten lehrt.

Alles nur Image?

Es mag traurig sein, aber die tolle – auch von mir heiß und innig geliebte – Girlpower der Spice Girls ist am Ende nichts anderes, als das ziemlich geschickte Imagekonzept einer Plattenfirma, hinter der vornehmlich männliche Kreativköpfe stecken. Es ist die Reduktion des Weiblichen auf allseits bekannte Stereotypien, an denen sich Frauen wie Männer gleichermaßen noch immer die Zähne ausbeißen. Die wahrhaftig starken, eigenständigen Frauen sucht man dahinter aber weiter vergeblich. Frei nach dem Motto, Emanzipation nach Maß, hübsch verpackt in exakt abgesteckten Kategorien, die genau aufgrund ihrer Berechenbarkeit, weiterhin kontrollierbar bleiben.

Und jetzt schließlich wir noch mal den Kreis zu oben: Genau dieses Konstrukt findet jetzt FÜR den Kampf um die Rechte von Frauen seine große Neuauflage? Da möchte ich doch wirklich lauthals „Nein“ schreien und wild den Kopf schütteln. Mir ist schon klar, dass die Intention dahinter wahrscheinlich nur die beste war und auch, dass sich „Wannabe“ mit seinen lauten fast schon kampfeslustigen Lyrics geradezu anbietet, um die breite Masse mit einer emotional aufgeladenen Botschaft zu erreichen. Aber wenn wir Emanzipation und Frauen im Allgemeinen noch immer in diesem Raster denken, dann haben wir seit den 90er Jahren wirklich nichts dazugelernt. Denn auch der Clip, und das fällt auf Anhieb auf, ruft mit seinen Kulissen altbekannte Bildwelten auf. Indische Slums, muslimische Mädchen, die nach Bildung streben und deshalb natürlich im Klassenzimmer inszeniert sind, eher ärmliche Vorstädte als Ballungsort afroamerikanischer Familien, natürlich alles beschönigt durch Hochglanzfilter. Zwischendrin immer wieder plakative Botschaften auf kunterbunten Bannern. Keine dieser Damen scheint ihr Milieu jemals verlassen zu haben oder dies auch nur in irgendeiner Art anzustreben. Wo bleibt der Hinweis darauf, dass auch schwarze oder eben indische Frauen richtig Karriere machen können. Warum tragen alle Darstellerinnen knappe Kleidung, die ihre sekundären Geschlechtsmerkmale derart markant in Szene setzen? Gleiches gilt übrigens auch für den Tanzstil selbst. Sollen die Anleihen beim Hip Hop suggerieren, dass wir es hier mit Subkultur und der Revolution von unten zu tun haben? Ähhh, na bravo, danke auch! Fragen über Fragen und weit und breit keine Antworten. Der Weg scheint wirklich noch ein sehr sehr weiter.

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Trotzdem bleibt der Kampagne zugute zu halten, dass sie immerhin versucht, die Aufmerksamkeit auf ein noch immer sehr prägnantes Thema zu lenken. Von dem viele (beider Geschlechter) heute leider glauben, es sei längst abgehakt und gehöre verbannt in die Geschichtsbücher. Schön auch zu sehen, dass bekannte Frauen, wie Victoria Beckham, sich der grundlegenden Botschaft des Clips nur zu gerne anschließen. Schließlich hat Posh Spice sich vom Girl längst zur waschechten Powerfrau gemausert, die mit ihrem Business Karriere macht und unlängst vom Wirtschaftsmagazin Forbes zu den einflussreichsten Frauen der Welt gezählt wurde. Ihr Ehemann und Fußball-Rentner David Beckham greift ihr dabei unter die Arme und kümmert sich derweil liebevoll um den Nachwuchs. Ihrer Liebe scheint das, glaubt man den sozialen Netzwerken, jedenfalls keinen Abbruch zu tun, ganz im Gegenteil sogar. Von solchen Beispielen möchten wir doch bitte mehr sehen!

Ich jedenfalls habe mich irgendwann entschieden, „Spice“ gegen „Riot“ zu tauschen. Bei „Wannabe“, „Who do you think you are“ und Co. darf ich aber trotzdem auch weiterhin lauthals mitsingen. Schließlich gibt es im Leben nicht nur Schwarz und Weiß und Grau soll unheimlich gut dabei helfen, festgefahrene Stereotypen aus den Angeln zu heben.

Kategorie: Mind, Think Aloud

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

4 Kommentare

  1. Danke dafür! Sehr schön geschrieben. Größtenteils kann ich wirklich nur mit dem Kopf nicken. Und auch wenn dein Text in sich rund ist und du zu einem guten Schluss gekommen bist, fragt man sich doch immer wieder wie man dieses Thema auch in der Realität zu einem guten Schluss bringen kann.

    • Laura Sodano

      Liebe Alicja, du hast absolut Recht mit deinen Bedenken. Ich frage mich das leider auch immer wieder. Die einen schreien, dass der Kampf um die Gleichberechtigung für Frauen völlig überzogen sein, die anderen sehen es so, dass noch immer nicht genug passiert ist. An sich finde ich es, wie auch schreibe, gut, dass die Regierungen zunehmend für das Thema sensibilisiert werden, leider gehen Ideen, Konzepte und Gesetzesentwürfe in der Praxis aber leider oft nach hinten los. Ich denke, einer der schwersten Schritte wird es sein, das uns kulturell Anerzogene nach und nach abzulegen, sich von alten Werten zu trennen und Gender insgesamt – auch im Hinblick auf das Männliche – neu zu denken. Das ist meiner Meinung nach ein langer Prozess, an dessen Beginn wir gerade erst stehen. Umso wichtiger, sich die kleinen Nuancen von Sexismus und herrschender Genderklischees immer wieder ins Bewusstsein zu rufen. Aber das ist in der Regel immer leichter gesagt, als getan. Da spreche ich aus eigener Erfahrung. Danke für deine lieben Worte!

  2. Ich wusste beim Ansehen, dass ich es an sich gut finde, aber mit irgendetwas nicht passt. Danke für’s In-Worte-Fassen.
    Außerdem hätte ich es toll gefunden, wenn das „If you wanna be my lover“ rausgeflogen wäre, vielleicht gegen etwas ausgetauscht, was der Botschaft mehr entspricht. Wenn es um Bildung und die Rechte von Frauen geht, sollte es doch auch in erster Linie um Frauen und nicht darum gehen, wie man am besten ihr Liebhaber wird. :)

    • Laura Sodano

      Liebe Judith, hab lieben Dank für deine Worte. :-) Das mit dem „Lover“ ist vor mir vor lauter Schreck angesichts der stereotypen Bilder nicht mal aufgefallen. Das ist natürlich richtig banane, dass sie das nicht einmal geändert haben. So wird Weiblichkeit doch auch gleich wieder ein Stück weit auf den Wunsch nach grenzenloser Romantik reduziert. Ohje!

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