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Think Aloud | “Was weiß ich schon, was ich will?!” Motto meiner Generation?

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Ich habe einen neuen Job. Denn glaubt es oder nicht, habits ist, war und wird wahrscheinlich nie meine einzige Einnahmequelle sein. Wer verlässt sich aber auch schließlich in solch prekären Zeiten überhaupt noch auf eine einzelne fütternde Hand. Da wage ich doch lieber den Spagat zwischen verschiedenen Baustellen und sichere mich gleich mehrfach ab oder arbeite zumindest motiviert aufs Burnout zu. Wie dem auch sei, ich habe also einen neuen Job. Den Willen dazu hatte ich schon länger. Nach knapp sieben Jahren am selben Schreibtisch musste einfach mal Veränderung her. Hier ist sie nun also. Nach Berlin hat sie mich wieder nicht gebracht. Dabei wollte ich doch eigentlich immer dorthin. Wobei Frankfurt ist ja eigentlich auch sehr schön – und so bequem. Hier leben die Herzmenschen und wer hat schließlich nicht gern eine feste Hood mit vielen bekannten Gesichtern darin, die sich regelmäßig freuen einen zu sehen. Also lebe ich auch weiterhin brav in der Mainmetropole. Dafür pendle ich wenigstens ab sofort öfter gen Hauptstadt.

Das passt deshalb ganz gut, weil ich ja auch meinen Freund hier habe. Mit hier meine ich Frankfurt. Wir sind jetzt schon eine ganze Weile zusammen. Den Sack festzurren wollen wir aber trotzdem nicht. Will nicht heißen, dass wir nach dem Prinzip offene Beziehung oder einer anderen dieser vielen modernen Mauscheleien leben würden. So hip sind wir dann doch nicht. Trotzdem haben wir beide bisher nicht wirklich das Bedürfnis nach Kind, Haus und Hund – oder wenn es nach mir geht, Katze – verspürt, auch wenn für uns beide mittlerweile das dritte Jahrzehnt auf dieser Welt angebrochen ist. Wir scheitern ja oft selbst schon an der eigenen Ernährung, wie sollten wir da ein hilfloses Wesen versorgen. Ohnehin liebe ich meine Wohnung. Ich liebe es einen Ort zu haben, der nur mir allein gehört. Meine Oase, in der ich mich ganz und gar heimisch fühle und in der ich besonders nach langen Arbeitstagen stumm und lethargisch auf dem Sofa liegen kann, um völlig sinnentleert oberflächliche Dinge auf der Mattscheibe zu konsumieren. Obwohl, manchmal wäre es dann doch schön, wenn mir in solchen Situationen jemand das Köpfchen grault. Das kommt leider unter der Woche nicht ganz so oft vor, weil auch der Herzmann, eher der nächtliche Arbeitstyp ist. In diesem Punkt ergänzen wir uns ziemlich gut. Und weil wir uns also nicht regelmäßig sehen, telefonieren wir jeden Abend bevor ich ins Bett krieche. Darauf bestehe ich, selbst nach all den Jahren. Ohne kann ich nämlich irgendwie nicht so recht einschlafen, weil alleine und kalt und so weiter. Dabei schlafe ich eigentlich ganz gern allein. Das merke ich spätestens dann, wenn jemand neben mir liegt – egal ob Herzmann oder gute Freundin – und ich mich auf einmal nicht mehr munter von einer Seite auf die andere wälzen oder mich wie ein Würstchen im Schlafrock in die Decke einmummeln kann, ohne dem Nebenmenschen kalte Füße zu bescheren. Ich habe nämlich nur eine Decke und mindestens mein Freund ist der klassische Deckenklauer. Dieser nächtliche Raub ist dann sogar noch schlimmer als alleine schlafen zu müssen. Trotzdem fehlt mir in gefühlten 80% dieser Allein-Schlaf-Nächte dann schließlich doch irgendwann die menschlich Wärme und das gleichmäßige Atmen der anderen Hälfte, was beim nächsten gemeinsamen Einrollen zum unbarmherzigen Griff des Klammeräffchens führt, den ich aber auch nur maximal 10 Minuten durchhalte, bis es mir schließlich selbst zu warm wird und ich mich stattdessen die Würstchen-im-Schlafrock-Nummer entscheide, sofern ich überhaupt noch an die Decke rankomme.

Warum ich das alles erzähle? Na, weil ich meinem Freund auf diese Weise subtil mitteilen möchte, dass er dringend eine zweite Decke kaufen soll. Nein, Scherz! Ich erzähle all diese kleinen Geschichten, weil sie symptomatisch für meine Generation scheinen. Wir, die sogenannte Generation Y, sind der letzte große Schwung vor den sogenannten Millenials. Wir wuchsen in Wohlstand auf und sahen uns nie wirklich in der Notwendigkeit, uns früh in unserem Leben für eine bestimmte Richtung zu entscheiden. Schließlich erzählte man uns Tag ein Tag aus, dass uns alle Möglichkeiten offen stünden. Und das haben wir wirklich, wirklich verinnerlicht. In unserer Welt gibt es kein reines Schwarz oder Weiß. Vielmehr schwimmen wir in einer mal mehr mal weniger trüben Suppe unterschiedlicher Grautöne und hoffen, dass uns das Wasser am Ende maximal bis zum Hals steht, wir aber eben nie absaufen. Anders ausgedrückt: Meine Generation hat ein gewaltiges Problem damit sich festzulegen, sich für eine Sache zu entscheiden und damit den vielen anderen „Was-wäre-wenn-Szenarien“ eine Absage zu erteilen. Lange dachte ich, das wäre nur mein eigenes Problem, doch je mehr ich mich mit Freunden, Bekannten und anderen Altersgenossen austauschte, des deutlicher wurde, hier geht es um einen Kollektiv-Zustand. In Wahrheit spielen wir nämlich alle nämlich nur zu gerne die vielen verschiedenen Szenarien durch und träumen dabei munter unser Leben vor hin. Leider merken wir dabei nicht, dass uns am Ende droht, genau jenes zu verpassen. Ein Dilemma.

Wieso sollten wir es aber auch anders handhaben? Schließlich zeigt uns die Politik doch gerade nur zu einprägsam, wie gefährlich die binäre Trennung in Schwarz und Weiß sein kann. Braucht Radikalität zu beiden Seiten nicht vielleicht irgendwie die Mitte, um aufs Gesamte betrachtet, die Balance zu halten? Ja und Nein. Denn so sehr dieses Prinzip auf der einen Seite funktionieren mag, so sehr hindert es uns auf der anderen daran, klar Stellung beziehen – nicht nur auf politischer Ebene, sondern vor allem auch für uns selbst. Grau mag mehr Möglichkeiten bereithalten, als seine absoluten Geschwister Schwarz und Weiß, am Ende bietet es aber eben auch mehr Ausflüchte, um sich weder der Realität noch den eigenen Geistern zu stellen. Das müssen wir erkennen, einsehen und ja, vielleicht auch endlich mal mutig dagegen angehen, wenn wir nicht irgendwann plötzlich feststellen wollen, dass die besten Chancen ungenutzt an uns vorbeigezogen sind, während wir auf die vermeintlich noch größeren gewartet haben. Der Sprung ins kalte Wasser schreckt erst einmal jeden. Aber die kleine Erfrischung kann oftmals auch ziemlich gut tun. Wir müssen ja nicht gleich groß Reine machen in unserem Leben, wer will schließlich schon zum durchschaubaren Planspiel werden. Es schadet aber wohl nicht, überhaupt mal an einer Stelle Nägel mit Köpfen zu machen. Und so lebe ich zwar vielleicht noch immer nicht in Berlin und mein Freund und ich werden wohl auch noch etwas länger unter getrennten Dächern leben, aber: ich habe einen neuen Job – und das fühlt sich jetzt gerade verdammt gut an.

Kategorie: News

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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