Fashion, Mind, Think Aloud
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Think Aloud | Von Trend-Shirts und verlorener Exklusivität

coco-libre_gucci-shirt

Bilder: Instagram – @Carodaur | @mariejedig | @chiaraferragni | @pandorasykes | @lindatol_ | @pernilleteisbaek

Liebe Modelwelt, manchmal möchte ich, bei aller Liebe, die uns beide sonst verbindet, über dich einfach nur den Kopf schütteln. Sicher, Maß kanntest du noch nie so wirklich und das hast du im Prinzip auch gar nicht nötig. Aber ein schlichtes T-Shirt für satte 690 Euronen? Ich bitte dich…! Aber fangen wir von vorne an:

Vor knapp zwei Wochen stolperte der kurze, zufällige Plausch mit einem alten Freund auf der Straße über ein T-Shirt aus dem Hause Gucci. Ein sehr angesagtes T-Shirt. Auf dem ein oder anderen Instagram-Account war es mir auch schon begegnet, nur hatte ich es bis dahin noch gar nicht so wirklich als It-Piece wahrgenommen. Im Nachhinein resultierte das wohl vor allem aus meiner selbst auferlegten Social Media-Abstinenz während der Feiertage. Nachdem nun aber besagter Freund, der ebenfalls sehr modeaffin ist, das gute Stück erwähnt hatte, lächelte es mir mit einem Mal von überall entgegen. Alle namhaften “Influencer” schienen längst damit ausgestattet und auch die einschlägigen Zeitschriften konnten gar nicht genug anerkennende Worte in ihren Lobeshymnen finden. Wie gesagt, sprechen wir hier noch immer einem T-Shirt, also einem Textil, dass eigentlich in die Kategorie Basic gehört. Zugegeben, das Design ist eine ganz wunderbare Mischung aus Opulenz und Schlichtheit und natürlich regte sich auch in mir ein unmittelbarer “Habenwollen”-Reflex. Der aktuell äußerst auratisch aufgeladene Name “Gucci” dürfte hier sein Übriges getan haben. Aber schlussendlich sprechen wir eben noch immer von einem zwar sehr schönen aber einfachen T-Shirt. Warum ich das so sehr betone? Weil spätestens der Preis mir für einen kurzen Moment jegliche Gesichtszüge entgleiten ließ. Irgendwo zwischen 320 und 690 Euronen war das schmucke Stückchen Stoff angesiedelt. Kein Einzelfall wie kurz darauf die alternative Variante von Chanel zeigte. Denn während sich die eine Hälfte der Onlinewelt derzeit munter auf das Gucci-Shirt stürzt, preist die andere das ebenso schlichte wie auch sehr hübsche “Coco Libre”-Shirt aus der aktuellen Chanel Cruise Collection. Der Preis ist hier direkt einmal bei 690 Euro angesetzt. Trotzdem werden uns beide Textile nun munter und völlig selbstverständlich als absolute Must Haves der kommenden Saison verkauft. Finde den Fehler.

In erster Linie geht es hierbei nicht einmal um den Preis an sich. Designerkleidung war teuer und wird es immer sein. Das ist ihr gutes Recht und irgendwie auch charakteristisches Merkmal. Schließlich speist sich daraus ihre Exklusivität. Problematisch wird das Ganze aber spätestens, wenn wir einmal genauer jene Entwicklung in den Blick nehmen, der die Modewelt schon seit einer ganzen Weile unterliegt. Mit der Öffnung der Modewelt gegenüber der breiten Masse kam nämlich auch die Pflicht zum Statussymbol. So die steile These. Stritt man vor noch gar nicht all zu langer Zeit darüber, ob Blogger und Influencer angesichts ihres die Mode demokratisierenden Potenzials nun Fluch oder Segen für die Branche seien, scheint sich dieses Problem in bester Konsum-Manier nun selbst zu lösen. Der Besitz des Exklusiven ist längst zur allgemeinen Pflicht geworden – und zwar nicht mehr nur noch für einen kleinen Kreis. Für viele scheint es gar nicht mehr wirklich darum zu gehen, stilistisch zu experimentieren, indem man Neues mit Altem und Teures mit Preisverterem mischt. Zumindest entsteht dieser Eindruck. Vielmehr gehört es irgendwie längst zum guten Ton, sich von Kopf bis Fuß in Marken wie Labels zu hüllen, deren Glanz nicht selten daher rührt, dass bestimmte Pieces gezielt an gegenwärtige Stilikonen verschickt werden. Auf Instagram und Co. sehen wir das Tag für Tag. Heute Chloé, morgen Gucci, dann wieder Céline, Isabel Marant, Balenciaga und zurück. Wer Kette trägt, der hat etwas bedeutend falsch gemacht. Den mag man irgendwie nur schwer ernst nehmen. Hat die Blogosphäre also ihr Maß verloren?

Schließlich schlägt sich das alles auch beim Endkonsumenten nieder. Junge Mädchen wachsen heute in dem Bewusstsein aus, dass es spätestens mit 18 Jahren selbstverständlich ist, die erste Designerhandtasche zu besitzen. Das gab es zwar auch früher, aber die Eindrücklichkeit ist durch die hohe Frequenz der dazugehörigen Bilder immens gestiegen. Wer das finanzieren soll, ist eine andere Frage. Denn viel zu häufig wird noch immer verschwiegen, dass selbst oder gerade die großen Namen der Branche, diese Items oft gestellt bekommen, weil sie eben Influencer sind. Weil sie beeinflussen und genau für diese Kauflust sorgen. Gestern Abend noch las ich dazu einen spannenden Artikel auf ICON. Der setzte sich seinerseits damit auseinander, ob inspirieren und beeinflussen nicht vielleicht zwei Paar völlig unterschiedliche Schuhe sind, die jeweils auch unterschiedliche Prozesse im Betrachter auslösen. Anders gesprochen: Die Bilder, die wir auf Social Media tagtäglich sehen, regen weniger dazu an, selbst nach Stil zu suchen, als vielmehr ein vorgefertigtes Image zu kaufen – eines, das vor allem aus Marken resultiert. Mode als Uniform, sozusagen. In diesem Punkt ist es eigentlich an den relevanten Blogger-Damen und -Herren, die eigene Message einmal genauer zu hinterfragen – auch zugunsten ihrer Leser*innen. Wobei hierbei nicht alle gleich sind. Ausnahmen bestätigen die Regel. Das möchte ich betonen! Aber darum soll es an dieser Stelle gar nicht gehen.

Worauf es mir vielmehr ankommt, ist dieses ungute Gefühl, dass die Mode im Moment einiges dafür tut, ihre eigene Exklusivität und damit ihren Zauber zu verramschen. Wo Masse zum obersten Prinzip wird, da kann Kunst nicht mehr bestehen. Einige Designer klagen das schon lange an. Doch in Zeiten von Marketingpflicht und wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit bleibt auch ihnen nichts anderes übrig, als sich zu beugen. Längst sitzen andere an den entscheidenden Hebeln.

Gucci Christmas!!🎅🏻 Ein von Blanca Miró Scrimieri 🌹 (@blancamiro) gepostetes Foto am

Und so muss die Branche sich allmählich vielleicht endlich einmal wirklich die Frage stellen, wo es hingehen soll. Immer schneller, immer höher, immer weiter. Das kann nicht die Lösung sein. See now, buy now, stachelt das Feuer nur zusätzlich an. Es ist verrückt, wenn ein Basic-Piece für knapp 700 Euro zum Standard einer ganzen Generation wird – vor allem nicht, wenn dadurch die Grundsicherung der eigenen Existenz für viele nicht mehr wirklich gewährleistet ist. Außerdem sind wir mal ehrlich: Wer will schon etwas tragen, dass zur gleichen Zeit mindestens 10 andere auch Spazieren führen? Nachmacher und Look-a-likes konnte schließlich schon zu Schulzeiten niemand leiden.

Kategorie: Fashion, Mind, Think Aloud

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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  1. Sehr guter Artikel! Ich finde ich richtig schade das viele Blogger nur noch Marken tragen..klar es gehört ein bisschen um Job Trends zu zeigen etc. aber ich finde es zu krass und auch ziemlich langweilig dann überall as gleiche zu sehen. Ich muss gestehen ich fühle mich öfters schlecht wenn ich bei Instagram unterwegs war… und ich will gar nichts wissen wie es den jungen Mädchen von heute mit diesem Konsumwahn geht…

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