Mind, Think Aloud
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Think Aloud | Von Perfektions- und Moralansprüchen

Think aloud_Avocado

Vor Kurzem las ich ein einem Dossier in der Zeit, wie schädlich der Anbau von Avocados eigentlich für die Umwelt ist. Ausgerechnet jene Superfrucht, die in der westlichen Welt als Sinnbild für das bessere Leben steht, saugt derart viele Nährstoffe aus dem Boden, dass sie ihn danach nicht selten als Brachland zurücklässt. Von den Unmengen an Wasser, die in die Reifung einer einzelnen Frucht gepumpt werden müssen, ganz zu schweigen. Ebenso von den langen Transportwegen, die einen entsprechenden CO2-Ausstoß mit sich bringen. Kurzum: An der Avocado auf unserem Teller ist eigentlich nichts super. Schöner Mist. Meinen Konsum der grünen Frucht habe ich seitdem eingeschränkt. Das funktioniert ganz gut. Die Avocado komplett aus dem Kühlschrank zu verbannen, ist mir allerdings noch nicht gelungen und ich würde sogar behaupten, damit hatte der Beitrag noch immer mehr Affekt auf mich, als auf viele andere die ihn gelesen haben. Denn irgendwie ist es doch so: In der Theorie mögen wir zwar wissen, dass einiges, was wir in unserem Alltag verzapfen, nicht ganz koscher ist, doch ist die Praxis eben nicht die These auf dem Papier. Man könnte sogar sagen die Tendenz zum Fehler ist ein ursprüngliches Charakteristikum des Menschen. Nur will er das eigentlich nicht so wirklich wahrhaben – besonders nicht in Zeiten von Selbstoptimierung und Perfektionsdrang. Der Mensch als wandelnde Mangelerscheinung dieses Bild mag vielleicht in emotionsgetriebenen Epochen wie dem Sturm und Drang oder der Romantik einen Platz haben. In unserer kapitalistischen Gegenwart hat das alles aber nichts mehr zu suchen. Stattdessen stellen wir uns in den Dienst von Rationalität und nüchterner Argumente. Wohl auch ein Resultat der immer schneller werdenden Kommunikations- und Denkstrukturen, mit denen wir angesichts des rasanten technischen Fortschritts oft nur noch schwer mithalten können. Haben wir die aufklärerischen Ideale vielleicht sogar auf ihre pervertierte Spitze getrieben? Ja und Nein.

Denn das Gerede von Selbstoptimierung, Nachhaltigkeit und Superfoods ist ein ziemlich zweischneidiges Brett. Auf der einen Seite verkörpern es zu einem nicht unerheblichen Teil den tiefe Wunsch, Gutes zu tun. Der Mensch – oder wenigstens die meisten – wissen wahrscheinlich um den Fakt, dass die Natur mit ihnen nicht gerade die Krönung der Evolution gelungen ist. Offiziell behaupten wir natürlich das Gegenteil. Schließlich sind wir doch die Lebewesen, abgesehen von den uns artverwandten Primaten, die so etwas wie Ratio besitzen. Aber schon der gute alte Goethe hat erkannt, dass Geist nicht immer mit Weitblick einhergeht. „Er nennt‘s Vernunft und braucht‘s allein, nur tierischer wie jedes Tier zu sein“, lässt er Mephisto im Faust über „den kleinen Gott der Welt“ spotten. Fast noch schöner formulierte es Anne Waak in der Spring Issue des Interview Magazine. „Der Mensch ist als chaotisches Bündel von Affekten konstruiert, der Umgang mit ihm ist oft kompliziert – wo bleibt da der Health-Benefit?“ Das Problem mit dem Menschen ist demnach vor allem seine Unberechenbarkeit, sowohl die der anderen, als auch die eigene. Längst haben wir uns daran gewöhnt alles kontrollieren zu können. Da erscheint zwangsläufig als Störfaktor, was sich unserem ordnenden Griff entzieht.

Wie schief das mit der menschlichen Unberechenbarkeit gehen kann, zeigte jüngst erst wieder das Beispiel der USA, die nun tatsächlich erwägen, aus dem Klimaabkommen auszusteigen. Im Regierungssessel jenseits des Atlantik sitzt aktuell nämlich niemand anderes, als ein permanent beleidigter kleiner Junge, einer zu dessen Stärken Rationalität offenkundig nicht so sehr zählt. Weshalb er auch jedes Mal schreiend mit den Füßen stampft, wenn es nicht nach seinem Willen geht. Wenn man ihm überhaupt etwas zu Gute halten wollte, dann den Fakt, dass er immerhin nicht wie so viele andere versucht, ein vermeintliches Gutmenschentum vorzugaukeln. Der große Rest rennt nämlich lieber weiterhin ins Fitnessstudio und den Biosupermarkt oder legt sich eine radikale Beschränkung der eigenen Essgewohnheiten auf, die dann wiederum munter gegenüber anderen verbalisiert und verwertet wird. Dabei tun nur die wenigstens das, weil sie die Problematik tatsächlich erkannt haben. Die Mehrheit folgt einem Trend. Einem, von dem sie hofft, dass er die Welt mit all dem Chaos darin, schon wieder ins Reine bringt. Die oben erwähnte Avocado ist dafür ein ideales Beispiel. Statt uns mit dem Problem auseinanderzusetzen, kratzen wir an der Oberfläche und hoffen, dass der Verzehr eines selbsternannten kleinen grünen Grals die Sache schon richten wird. Und wehe dem, der da nicht mitmacht. Der Wolfgang Schmidbauer spricht in seinem neuen Buch von einer sogenannten Helikopter-Moral. Denn hinter unserer permanenten Proklamation von Wahrheit und Vernunft steht am Ende vor allem eines: das Urteil! Permanent maßregeln wir andere, und rücken sie in ein für uns bestimmtes Licht, ehe sie überhaupt den Mund aufgemacht haben. Auch das seiner Ansicht nach ein Resultat immer schnellerer Kommunikations- und Weltstrukturen. Uns bleibt keine Zeit mehr das Für- und Wider abzuwägen. Vielmehr wird im Moment des Verdachts bereits das Urteil gefällt. Das baut Druck auf uns verlangt jedem von uns ab, stets die beste Version seiner selbst sein zu wollen. Wieder die Sache mit der Optimierung und dem Zwang zur Fehlerlosigkeit. Vielmehr als mit der Unberechenbarkeit des Menschlichen scheinen wir am Ende also ein Problem mit unserem kollektiven Moralverständnis zu haben. Auch das nichts neues in der Geschichte. Die Moral hängt „wie ein Pflasterstein an uns dran“, zitiert die aktuellen Ausgabe der ZEIT** Schorch Kamerun in einem Beitrag über das Erbe das 68er. Und wenn sich der Stein eben nicht abschütteln lässt, dann hieven wir das Gewicht eben auf einen Trolley, damit es sich besser (er)tragen lässt. Was interessiert mich im heimischen Supermarkt also das ganze Hintergrundgedöns um die Avocado. Wenn all behaupten, dass sie gut ist, wird das schon so sein. In dem Punkt sind wir dann aber leider nicht besser als der obligatorische Primark-Shopper, der ausblendet, dass am T-Shirt für drei Euro ein gewaltiger Haken sein muss, und den wir selbst nur zu gerne verteufeln.

Versteht mich nicht falsch. Dieser Beitrag soll kein Aufruf sein, die Welt aufzugeben oder gar eine Hetze gegen Vegetarismus, Veganismus, Nachhaltigkeit, Fitnesstraining und Co. – ja nicht einmal gegen entsprechende Instagram-Inszenierungen, auch wenn die durchaus nervig sind. Es ist ein Aufruf zu mehr echter Auseinandersetzung mit dem, was um uns herum geschieht. Wenn wir uns endlich eingestehen, Fehler zu haben, statt krampfhaft nach Perfektion zu streben, entwickeln wir überhaupt erst die Basis für Veränderung. Wenn wir nicht mehr so streng mit uns selbst ins Gericht gehen, können wir auch anderen gegenüber entspannter werden. Schlussendlich fördert das Dialog untereinander weit mehr, als Verurteilung und verbale Prügel.

Ich konsumiere, oft und zu viel. Ich ernähre mich nicht immer nachhaltig und habe auch dem Fleisch noch längst nicht abgeschworen. Aber zum Menschsein gehört für mich letztendlich eben auch der Genuss. Ich will mich nicht nur Regeln unterwerfen, sondern mir die Möglichkeit erhalten, mich auch einmal treiben zu lassen. Wenn ich es mal nicht zum Sport schaffe (mal davon abgesehen, dass ich sowieso noch nie ein Fitnessstudio von innen gesehen habe), weil ich lieber mit Freunden nach Feierabend lieber einen Wein zu viel trinke, dann ist das eben so. Wenn ich nachts um drei auf dem Heimweg von der Party Bock habe, einen Döner zu vertilgen, dann tue ich das. Stelle ich mich trotzdem samt App in der Drogerie mehrere Minuten vor das Regal mit den Duschgelen, um herauszufinden, welches davon ohne Tierversuche entwickelt ist? Ja. Achte ich im Supermarkt darauf, regionale Produkte zu kaufen und auch Fleisch nur dann einzutüten, wenn ich es wirklich essen will? Ebenfalls ja. Lasse ich mich im Supermarkt blöd anschauen, während ich mein gesamtes Obst und Gemüse als Einzelgegenstände aufs Band lege, weil ich Plastik in meinem leben so weit wie möglich vermeiden will oder verzichte ich aus selbigem Grund lieber auf Wasser, statt eine Plastikflasche zu kaufen? Wieder ja. Macht mich das zu einem besseren Menschen, wahrscheinlich nicht – aber auch zu keinem schlechteren. Bei all dem, was tagtäglich von außen auf uns einbrasselt, habe ich auf diese Weise meinen persönlichen Weg gefunden das Chaos wenigstens ein bisschen zu handeln. Auseinandersetzung und Lerneffekt, statt blinder Selbstgeiselung zugunsten von Fakten, die ich nicht einmal kenne. Und schlussendlich: ein klares Ja zum Anerkennen der eigenen Fehler. Mensch sein funktioniert einfach nicht nach dem Prinzip Uhrwerk, wir müssen es uns nur endlich eingestehen.

* Schmidtbauer, Wolfgang: Helikoptermoral. Entrüstung und Zorn im öffentlichen Raum. Murmann Verlag, Hamburg 2017.

** ZEIT Ausgabe Nr. 23, 01. Juni 2017

Kategorie: Mind, Think Aloud

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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