Mind, Think Aloud
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Think Aloud | Katharsis. Eine Annäherung

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Ich schwebe. Die Veränderung hat mich kalt erwischt. Seitdem scheint nichts mehr wie es war und doch ist irgendwie alles gleich. Die Tage gehen dahin, man steht auf, arbeitet, wabert durch die Gegend und geht wieder Schlafen. Nicht mehr. Nicht weniger. Es geht mir OK aber eben nicht gut. Niemand ist gestorben und trotzdem fehlt etwas unheimlich – jemand fehlt unheimlich. So ist das aber nun einmal mit dem Leben. Wenn du etwas verlierst, kannst du dich wie ein Kleinkind auf den Boden schmeißen und lauthals brüllen. Ob das etwas bringt, wage ich zu bezweifeln. Entsprechend bleiben zwei weitere Möglichkeiten. a) Letagiere vor dich hin, verkriech dich im Bett und versinke im Sumpf aus Selbstmitleid oder b) mobilisiere alles, was du an Kraft in dir hast und zieh den Misthaufen, der sich Leben schimpft, durch. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Auch wenn es schwer fällt und ich mehr als einmal schon das Bedürfnis verspürt habe, einfach im Bett liegen zu bleiben oder wahllos fremde Menschen auf offner Straße zu beschimpfen. Bis zur verrückten Katzenlady ist es da nicht mehr weit. Wie gesagt es geht hier aber auch gar  nicht um Glück oder darum dieses vorzugaukeln, es geht ums bloße Durchhalten. Durchhalten bis die Zeit ihr Übriges tut. Meine Freunde hatten jedenfalls den großen Zusammenbruch erwartet. Sie scheinen noch immer irritiert, dass er bisher ausgeblieben ist. Vielleicht ändert sich das noch, ich weiß es selbst nichts. Im Moment habe ich insgesamt das Gefühl, ziemlich wenig zu wissen. Alles, was ich sagen kann: In mir drin ist es still. Totenstill. So ruhig bin ich wahrscheinlich noch nie in meinem ganzen Leben gewesen. Gleichzeitig sorgt genau diese Ruhe dafür, dass ich zunehmend nervös und hibbelig werde. Das Lesen fällt mir schwer, das Schreiben noch schwerer So etwas kenne ich von mir nicht und es macht mir höllische Angst. Was bleibt schließlich übrig, wenn nach dem einen Weggang nun auch mein Wesen zur Tür hinauswandert? Darüber möchte ich gar nicht nachdenken.

Während ich nun also versuche, am Ende nicht doch noch durchzudrehen und in einen Sog von Selbstmitleid und Traurigkeit zu rutschen, habe ich mich eher unbewusst als bewusst auf eine kleine Gedankenreise in die Vergangenheit begeben. Es begann mit Bildern. Nun sitze ich schon seit Tagen zimmerweise im Chaos und sortiere mein Leben. Durchforste es, entrümple es und ordne es neu. Das fühlt sich gut an, denn es gibt Halt, wo im Moment eigentlich keiner ist. Ich kommuniziere sozusagen mit mir selbst und mich selbst hinein, bin ganz auf mich zurückgeworfen – ohne die Meinung der Außenwelt. Ein intimer Prozess, der nötig ist und oft schmerzhaft. Aber das ist schon in Ordnung. Anders wäre das Ding mit der Katharsis wohl auch nicht möglich. Reinigung von innen kommt eben manchmal durch die Reinigung von außen. Die Reinigung der eigenen Umwelt, des eigenen Daseins. Und dann merkt man irgendwann vielleicht, dass man Dinge nicht nur verliert, sondern sich von der ein oder anderen Sache auch bewusst trennt – um offen zu sein für Neues, für Schönes, vielleicht sogar Schöneres. Wie lange das dauert und ob es am Ende wirklich so kommt, das ist eine andere Geschichte.

Kategorie: Mind, Think Aloud

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Was für die einen nach Schizophrenie par exellence klingt, ist für diese Dame ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Lookbooks Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücherläden und (skandinavische) Mode sind ihre Schwäche, Filme und Kultur das Terrain auf dem sie sich zuhause fühlt. Die Frankfurterin mit der tiefen Liebe zum Berliner Leben redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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