Mind, Think Aloud
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Think Aloud | Kampf dem inneren Schweinhund

Innerer schweinehund_habits_03

Sport und ich, das liegt in etwa so weit auseinander, wie Nudeln und Low Carb. Es ist nicht so, als hätte ich es nicht versucht, aber sobald es um das Thema Bewegung geht, krallt sich mein innerer Schweinehund am Sofa fest und ist dort mit aller Kraft auch nicht mehr wegzubekommen. Wer jetzt allerdings glaubt, ich wäre ein fauler Mensch, der nur faul im Bürostuhl hängt und auf dem Heimweg lieber die Roll- statt die analoge Treppe nimmt, der liegt völlig falsch. Um ehrlich zu sein, bereitet es mir sogar ziemliche Probleme einfach mal still auf meinen vier Buchstaben sitzen zu bleiben. Freunde sind immer wieder völlig baff angesichts all der so gut wie nie versiegenden Energie. Was sich mir nicht erschließt, ist vielmehr die Tatsache, warum ich stundenlang ziellos im Kreis laufen oder gar auf einem Stepper in einem müffeligen Studio auf der Stelle treten sollte. Allein beim Gedanken an schweißdurchtränkte Muckibuden mit all den fitten, durchtrainiert bis fleischigen Körpern n zu betreten, löst bei mir inneren Horror aus. Zu tief sitzen all die Vorurteile, die mir jahrelanges Trash TV vermittelt hat. Außerdem wer will bitte schon von völlig Fremden angestarrt werden, während er den Hampelmann macht – noch dazu, wenn er schwitzt. Denn das solltet ihr unbedingt noch über mich wissen: Ich hasse es, zu schwitzen! Sobald das Wasser am Körper herunterläuft, überkommt mich der innere Ekel und ich entwickle das dringende Bedürfnis mich in Fötalhaltung auf den Boden zu legen und zu warten, bis der ganze Spuk vorbei ist. Ganz schön bescheuert. Diesen Tick hatte ich aber schon als Kind, nur liefen dazu auch noch regelmäßig die Tränen. Über diesen Status bin ich mittlerweile zum Glück zwar hinaus, das Dilemma bleibt jedoch dasselbe.

Doch in letzter Zeit merke ich zunehmend, dass mir die Bewegung als Ausgleich fehlt. Je länger die Tage am Schreibtisch werden, desto stärker pocht in mir der Wille, mich am Abend noch einmal so richtig auszupowern. Aus diesem Grund landet in letzter Zeit auch wiederregelmäßig die Yogamatte auf dem Boden oder ich tänzele wenigstens mit ein paar Ballett- und Modern Dance-Schritten durchs Wohnzimmer. Und während ich da bei passender Musik im herabschauenden Hund hänge oder mein Bein versuche wieder so weit über den Kopf zu schwingen, wie ich es früher einmal beherrscht, dämmert es mir mit einem Mal:

Was mich wirklich am Thema Sport nervt, ist nicht die Bewegung selbst, es ist der damit einhergehende Leistungszwang sowie der Druck, der uns gesellschaftlich auferelegt wird, Arbeit am eigenen Body zu verrichten. Nicht erst seit Instagram gelten #Bodygoals als das Non-Plus-Ultra. Sportler, zumindest die in meinem engeren Umfeld, haben sich schon immer als besonders ehrgeizige (manchmal verbissene) Menschen ausgezeichnet, die sich kontinuierlich Ziele setzen, denen sie strikt und ohne Ausnahme folgen. Selbst wenn damit ein Maximum an Verzicht einhergeht. Hier geht es längst nicht mehr nur noch um das gute Gefühl danach. Was hier zählt, ist die ständige Optimierung der eigenen Person, das Erbringen von Leistung mitsamt der kontinuierlichen Steigerung des Ganzen. Schneller, höher, weiter. Perfekt wollen wir sein und jeder Superlativ ist gerade gut genug für uns. Kapitalismus an der Hantelbank, sozusagen. Damit kann und will ich mich nicht identifizieren. Schon als Teenager verging mir die Lust am Tanzen, als man mich professionell für Turniere heranzüchten wollte. Ich konnte und wollte nicht mein Leben für das nächstbeste Glitzerkostüm an den Nagel hängen. Das wäre mir kein Pokal wert gewesen.

Genuss vor Pflichtgefühl

Wo bleibt bei all dem am Ende noch der Genuss, wenn ich ständig darauf achten muss, wie viele Kalorien und Kohlehydrate ich heute schon zu mir genommen und und und? Wie soll ich glücklich sein, wenn ich statt mit meinen Freunden abends gemütlich einen Wien zu trinken, meinen müden Körper lieber beim Spinning noch einmal zusätzlich trieze? Wenn ich mir das leckere Stück Torte am Wochenende verkneife, nur weil es gerade nicht in meinen Ernährungsplan passt? Das ist doch traurig. Warum ständig verzichten? Warum selbst so sehr unter Druck setzen, für ein Körperideal, dass oft nicht nur unrealistisch ist, sondern ohnehin sowieso mit voranschreitender Zeit dem Verfall unterliegt. Wir hecheln einem Ideal hinterher, das in Wirklichkeit so doch ohnehin nie existiert hat und drohen unter all der Optimierung zur Karikatur unserer Selbst zu verkommen.

Viele werden jetzt wahrscheinlich aufschreien, mir vorwerfen, dass ich vor dem positiven Effekt die Augen verschließe und vielleicht sogar alles zu verbissen sehe. Nur geben die meisten ohnehin gleichzeitig völlig ungeniert zu, dass es hier um nicht anderes, als Bodygoals geht. Vom rein emotionalen Effekt höre ich immer erst in zweiter Instanz. Daher ist es wahrscheinlich gar nicht einmal so schlecht, dass angesichts all der positiven Marktschreierei für Selbsteinschränkung und -stilisierung, endlich auch jemand einfach mal „Nein“ sagt. Nein zu Sport, nein zu #Bodygoals, nein zu Knickarsch statt Torte. Ohnehin behauptet eine neue Studie aktuell sowieso, dass Sporthasser intelligenter wären. Das nehme ich jetzt einfach mal als neuen Slogan für mich – natürlich mit einem ironischen Augenzwinkern. Eine nette Ausrede ist es allemal.

Am Ende ist für viele wohl weniger der Sport an sich das Problem, als viel mehr die gesellschaftlich anerzogene Einstellung dazu. Und wenn ich mich beim nächsten Mal über die Yogamatte wälze, auf Zehenspitzen durch die Wohnung tänzele oder mit dem Rad quer durch die Stadt cruise, tue ich das alles in dem Wissen, dass es tatsächlich rein zu meinem Wohlbefinden ist. Aus einer spontanen Lust heraus, die es mir erlaubt, jederzeit aufzuhören, wenn will und nicht erst, wenn der Trainingsplan erfüllt ist. Das trägt nämlich auch so einiges zum positiven Seelenleben bei.

Kategorie: Mind, Think Aloud

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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