Mind, Think Aloud
Schreibe einen Kommentar

Think Aloud | Fast 30. Alter ist auch nur eine Frage der Perspektive

fast 30_think aloud habits_header

Noch vor knapp einem Jahr – als auf dem Kuchen noch 29 Kerzen brannten – dachte ich großkotzig, dass all das Gerede um die Angst vor dem 30. Geburtstag nichts als krude Panikmache sei. Warum gerieten meine Freunde angesichts ihres eigenen Ehrentages eigentlich so aus dem Häuschen? Was macht es schon für einen Unterschied, ob nun vorne eine Zwei oder Eine drei steht? Naja, knapp 24 Stunden vor meinem persönlichen Zehnersprung weiß ich: einen ziemlich großen sogar! Zumindest emotional!

Seit knapp zwei Wochen hat nun auch mich die Nervosität gepackt. Gehöre ich sonst eher zu der seltenen Spezies Mensch, die durch ein fast schon ungesundes Maß an Konzentrationsfähigkeit andere zum Kopfschütteln bringen, kann ich seit ein paar Tagen kaum mehr einen einfachen Gedanken zusammenhalten. Ich bin ruhelos, weiß nicht wohin mit mir, im Hirn geht es trotz reichlich Input drunter und drüber und kaum, dass der Kopf doch einmal kein direktes Denkfutter hat, rattert auch schon die Sorgenmaschine. Wo stehst du eigentlich im Leben? Was hast du bisher erreicht? Bist du damit zufrieden oder willst du mehr? Und bist du eigentlich überhaupt schon bereit, erwachsen zu sein?

Vor allem letztere Frage ist eine, die so paradox, wie weitgreifend erscheint. Denn sind wir mal ehrlich: Das mit dem Erwachsensein macht uns heutzutage doch irgendwie allen eine Heidenangst – egal ob 20 oder 45. Auch wenn ich als ehemaliges Dorfmädel pünktlich zum 18. Jahrestag den Führerschein in der Tasche hatte, mich seitdem, sobald es von mir verlangt wird, brav sonntags in die Wahllokale schleppe und mindestens genauso gewissenhaft alljährlich über meiner Steuererklärung brüte, fühle ich mich doch längst nicht wirklich „fertig“. Im Grunde genommen bin ich wohl sogar eine Person, die andere als waschechten Kindskopf bezeichnen würden. Mein Kühlschrank ist ständig leer, dafür bekommt die Garderobe immer öfter neues Futter. Ich weiß inzwischen, dass der Körper bei Schlafentzug und Alkohol nicht mehr ganz so euphorisch mitmacht, wie noch mit knackigen 20. Trotzdem üben durchzechte Nächte noch immer einen deutlich größeren Reiz aus, als das vermeintlich obligatorische Sonntagsfrühstück im Café. Vielleicht bin ich für Seriosität im gesellschaftlichen Sinne einfach nicht gemacht sind. Vielleicht sträube ich mich aber auch ganz bewusst davor, um das innere Kind nicht zu verlieren, dass mich davon abhält angesichts all des Schwachsinns durchzudrehen, mit dem man sich als erwachsener Mensch oft herumschlagen muss. Ich habe tatsächlich keine Ahnung.

Alles schon vorbei?

Was ich aber weiß, ich bin noch längst nicht bereit ab sofort einen Gang zurückzuschalten, die Hände in den Schoß zu legen und mich über mein bisheriges Leben zu freuen. Da ist noch zu viel, das nicht getan wurde, Chancen, die noch nicht ganz ausgepresst wurden und Gedanken, die ihren Weg ins Freie suchen. Und das ist gut so! Richtig gut sogar. Andernfalls drohten Stillstand, Einöde und wahrscheinlich auch ein Stück weit Selbstaufgabe. Außerdem ist 30 nicht alt. In einer Gesellschaft, in der Jugendlichkeit tatsächlich immer weiter nach hinten geschoben wird, ist das eigentlich das beste Alter, um erst richtig loszulegen. 30 ist ein Alter, in dem Andere, vor allem Ältere, einen endlich anfangen ernst zu nehmen, ohne ständig auf der Argumentation herumzureiten, dass man doch eigentlich noch ein blauäugiges Küken sei. Ist das also das Problem? Die Ahnung, dass die Schonfrist vorbei sein könnte? Und wieso habe ich eigentlich so sehr das Gefühl, mir liefe die Zeit weg?

Liegt es am ständigen Vergleich mit anderen? Mit all diesen fulminant-grandiosen Lebensentwürfen, die uns spätestens dank des World Wide Web und Social Media tagtäglich entgegenschlagen – selbst wenn wir sie gar nicht sehen wollen. Da ist durchaus etwas Wahres dran. Die andere Lunte im Feuer ist aber wohl hauptsächlich die, dass ehrgeizige Personen wie ich wohl nur schwer still sitzen können und dem Credo von Karriere als neologistischer Ersatz-Religion nur zu gerne nachjagen. Selbstbestimmtheit, dem Leben einen übergeordneten Sinn verleihen und das Glück dabei am besten einplanen, als handle es sich um den nächsten Arzttermin im Kalender. Von nichts kommt nichts. Dabei vergessen die meisten von uns meist aber ein ganz entscheidendes Detail: das Leben selbst. Genauer gesagt jene Momente, in denen Genuss und Freude vor dem breit gefächerten Regelkatalog kommen, in denen wir einfach sind, statt überlegen zu sein. Wie dumm ist das doch eigentlich. Einen Cut machen schlussendlich aber wohl nur die wenigsten. Ich bin da keine Ausnahme. Ausbruch kostet manchmal eben mehr Energie als die müde Mitläuferschaft.

Und so wirble ich in meinen letzten Stunden als sogenannter Twen ziemlich ziellos bis wirr durch meine Wohnung, rücke Möbel um und putze Ecken, die ich seit meinem Einzug vor knapp sieben Jahren wohl nicht mehr zu Gesicht bekommen habe. Auf meinem Schreibtisch staut sich derweil die Arbeit. Artikel wollen geschrieben werden, E-mails beantwortet. Außerdem wäre bei dem ein oder anderen Thema Recherche nicht schlecht. Und gab es da nicht eigentlich auch noch eine Doktorarbeit, die nach Aufmerksamkeit verlangt. Irgendwie bin ich wohl doch schon längst erwachsen geworden, nur eben auf meine eigene Art. Vielleicht liegt am Ende auch genau darin die Lösung begraben. Bleib dir selbst treu. Folge nicht blind den Vorstellungen, die andere auf dich projizieren, weil man die Dinge ihrem Erfahrungswert nach nun einmal so handhabt. Und lass dir vor allem nicht einreden, dass es für irgendetwas zu spät sein könnte. Das ist völliger Bullshit! Egal, ob du nun 30, 40 oder 50 wirst. Wir sollten uns in so manchem Punkt endlich alle einmal etwas lockerer machen, weniger inneren Druck aufbauen und mehr ins Blaue hinein probieren. Was kann schließlich schon passieren, außer dass die Sache schief geht? Weiter geht es trotzdem. Immer. Irgendwie. Mindestens die Freunde, die letztes Jahr wegen ihres runden Geburtstags noch gejammert haben, predigen das heute mit beinahe buddhistischer Ruhe. Außerdem sind es am Ende wohl auch eher die verpassten Chancen, denen wir nachtrauern und die uns vorwurfsvoll diese eine hinterhältige Frage ins Ohr flüstern: „Was wäre gewesen, wenn?“

Kategorie: Mind, Think Aloud

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *