Mind, Think Aloud
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Think Aloud | Falsche Normen.

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Manchmal steht die Welt von einem auf die andere Sekunde völlig Kopf. In letzter Zeit leider viel zu häufig. Während wir uns hierzulande zunehmend mit Fremdenhass samt rechtspopulistischer Parolen auseinandersetzen müssen, und als Frauen angesichts aktueller Fälle einmal mehr das ungute Gefühl haben, dass ein „Nein“ aus unserem Mund offensichtlich noch immer nicht wirklich gilt, stockt den USA angesichts blanken Hasses der Atem. Dort stürmte am letzten Wochenende ein Fanatiker einen bei Lesben und Schwulen beliebten Club und schoss wahllos um sich. Ein Terrorakt? Ja. Der spielt hier aber offensichtlich nur eine Nebenrolle. Vielmehr ging es dem Täter darum, Menschen zu töten, die in seinen Augen die falschen Personen lieben. Und das ist im Jahre 2016 nicht nur ziemlich erschreckend, es ist vor allem ein Armutszeugnis für die Menschheit an sich. Noch immer scheint es für viele ein Faszinosum zu sein, dass Männer, Männer lieben und Frauen, Frauen. Dass es Menschen gibt, die sich in ihrem angeborenen Geschlecht nicht wohlfühlen. Und dass die Kleinfamilie bestehend aus Mutter-Vater-Kind nicht für alle das perfekte Ideal ist.

Ich würde gerne glauben, dass wir weiter sind als in den 50ern, als schwule Männer, lesbische Frauen und all jene, die zwischen dem kulturell determinierten Geschlechstersystem aus männlich und weiblich, wegen ihrer Sexualität um ihr Leben fürchten mussten. Als Frauen noch an den Herd gehörten und Männer über sie bestimmten. Doch es fällt mir zunehmend schwer! Viel zu sehr habe ich in letzter Zeit das Gefühl, dass wir zurückfallen in alte Konservativismen. In Muster, die uns vorgaukeln, dass heterosexuelle Liebe genauso richtig und selbstverständlich sei, wie das Klischee vom starken Mann und der schwachen Frau. Doch wisst ihr was: Heteronormativität ist nichts anderes als ein künstlich geschaffenes Konstrukt, dessen Wortstamm „normativ“ bereits auf die ordnende, wie strukturierende Wirkung verweist. Michel Foucault macht das in seinem Werk „Sexualität und Wahrheit Band 1. Der Wille zum Wissen“ schon in den 1940er Jahre schon deutlich und auch „Simone de Beauvoir“ und „Judith Butler“ arbeiten die Artifizialität des vermeintlich Natürlichen klar und sachlich heraus. Letztere spricht sogar vom Phänomen der Zwangsheterosexualität, die im Zuge kapitalistisch motivierter Fortpflanzungsstrukturen erst zur Verleumdung der Homosexualität führt. Doch so wissenschaftlich will ich an dieser Stelle gar nicht argumentieren. Einfacher gesprochen, ist das, was wir als Geschlecht und Norm sexuellen Begehrens ansehen, am Ende nichts anderes als eine Form kultureller Erziehung – sozusagen eine Konditionierung unserer Person zugunsten eines vermeintlich sozialen Gemeinwohls. Jegliche Argumentation über die einzig wahre Natur des Menschen ist nichts anderes als völliger Bullshit!

Umso mehr wird es endlich Zeit, dass wir Eintreten für das Recht auf Freiheit für alle – egal, wen sie lieben oder welchem Geschlecht sie angehören oder nicht angehören. Sie alle sind Menschen, wir alle sind gleich. Da gibt es keine Ausnahmen! Es wird Zeit die eigenen Grenzen im Kopf, endlich einmal zu hinterfragen. Denn Frauen sind genauso selbstbestimmt, wie Männer. Die wiederum müssen nicht immer alles alleine wuppen und sterben nicht an ein wenig Hausarbeit. Und ach ja, Homosexualität ist keine Krankheit, die sich durch Elektroschocks oder dergleichen heilen lässt. Sie ist eine Form von Liebe, die mindestens genauso ehrlich und tiefgründig ist, wie das heterosexuelle Pendant. In meinem Freundeskreis sind es in der Regel sogar die schwulen Paare, die die intakteren Beziehungen pflegen.

Kategorie: Mind, Think Aloud

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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