Mind, Think Aloud
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Think Aloud | Wie ich in der Stadt der Superlative erkannte, worauf es wirklich ankommt

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Ich sitze an meinem Schreibtisch, starre auf meine beweglosen Finger, die auf den Tasten meines Laptops ruhen, und denke nach. Es fällt mir schwer, das Gesehene und Erlebte in Worte zu fassen. Wie können Worte auch nur eine Facette der wohl glitzerndsten und makellosesten Stadt der Welt wiedergeben, im Angesicht derer ich dutzende Male in Schnappatmung verfallen bin. Der Übergang zwischen Traum, Utopie, Glanz und Gloria zur nüchternen Realität sind in Dubai fließend wie warmer, süßer Nektar. In keiner anderen Metropole sind Schwächen, wie etwa Armut, Schmutz oder Unhöflichkeit, so derart ausradiert wie in diesem Diamanten der Vereinigten Arabischen Emirate. Noch nie hatte ich unter vollem Bewusstsein, ergo jenseits des Kindergartenalters, einen vergleichbar reinen und geruhsamen Strand- und Wohlfühlurlaub, in dem es mir an rein gar nichts fehlte. Fernab der Sorgen des Alltags in schier nicht enden wollendem Luxus, war alles so einfach wie nie – und mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Glücklichsein, das braucht all diesen Überfluss gar nicht. Glücklichsein, das bedarf nur der bloßen Basics des Lebens.

Alles auf Anfang. Ich bin gestresst, als ich abends am Flughafen eintreffe. Ich bin den gesamten Tag von einer Ecke zur nächsten gewuselt, habe aufgeräumt, die letzten Mails verschickt, meinen Koffer gepackt, allgemeine Panik geschoben. Man kennt das ja. Als ich mein Gepäck aufgebe, fällt mir auf, dass ich viel zu früh dran bin. Auch gut, dann kann ich mich in den verbleibenden zweieinhalb Stunden dem Lesen widmen, das in all dem vorweihnachtlichen Chaos in den letzten Wochen vornüberfiel. Wenige Eindrücke des schillernden New Yorks der 50er Jahre später hebt das Flugzeug auch schon ab und ich schlage die folgenden sechs Stunden über den Wolken mit zwei Spielfilmen und Musik hören tot – an Schlaf ist bei all den körperlichen, von Platzmangel verursachten Schmerzen nicht zu denken. Ich konnte noch nie im Sitzen schlafen, story of my life. In Abu Dhabi angekommen, lege ich einen Staffellauf durch den riesigen Flughafen hin und sitze 30 Minuten später schon im Taxi nach Dubai. Es ist 8 Uhr morgens, die Sonne strahlt bei 22 Grad und ich weiß nicht, ob ich mich mehr über den strahlend blauen Himmel, die sich vor meinen Augen aufbauende Wüstenlandschaft oder all die Palmen freuen soll, die da eine Stunde lang an mir vorbeisausen. Im Hotel empfangen mich meine Eltern zum Frühstück und das kann ich tatsächlich gut gebrauchen. Ich sollte noch erwähnen, dass es sich bei unserer Residenz um das Hilton Hotel (meine Eltern haben in den letzten Jahren eine Art Spleen entwickelt) direkt am Jumeirah Beach handelt und wir dank der Hilton-Mitgliedschaft meines Vaters fortan in der Executive Lounge im obersten Stockwerk dinieren. Ich nehme Bissen für Bissen des auf den Punkt zubereiteten Rühreis, der gebratenen Champignons, vom Gouda und von der Honigmelone und mir wird gewahr, dass damit auch meine Reise in eine Parallelwelt voll Prunk, Luxus und Perfektion beginnt.

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Zwei Stunden Tiefschlafs später tippele ich die Treppenstufen vom Hotel zum Privatstrand hinunter, sacke zwischendurch noch mein riesiges Badetuch am Towel-Schalter ein, zwinge mich zur Contenance, die mir zunehmend schwerfällt, und lasse mich auf die Strandliege mit Blick auf das aquamarinblaue Meer fallen. Es ist ja nicht so, als ob jeder meiner Urlaube so aussehen würde. Während meiner Stockholmreise Anfang des Jahres haben Linda und ich uns jeden Morgen eine riesige Schale Couscous-Salat zubereitet und eingetuppert mitgenommen, weil das satt macht und auswärts essen oder bloß auswärts snacken ein zu großes Loch in unsere Geldbörse gerissen hätte. Auch die vorherigen Urlaube mit meinen Eltern waren nie besonders luxuriös. Als ehemalige DDR-Bürger war Urlaub an sich schon selten und hart erarbeitet; der einfache Ausflug an die Ostsee oder die Mecklenburgische Seenplatte im Ferienhaus etwas ganz Besonderes. Irgendetwas scheinen meine Eltern nach meinem Auszug von zu Hause dann aber richtig gemacht zu haben und ich hoffe, es war nicht nur eben jenes Ereignis. Aus diesem Grund fühlt es sich keineswegs selbstverständlich an, als mit der Kellner in seinem himmelblauen Hemd, den passenden Bermuda-Shorts und Strohhut den Mittagslunch an meine Liege bringt. Mein Vater nickt und ich lasse auf unsere Zimmernummer anschreiben – drei Ziffern, die ich mir genauestens einpräge, da ich sie in den kommenden Tagen noch öfter brauchen werde.

Das ist aber gar nicht das Außergewöhnlichste. Das Außergewöhnlichste ist, als ich zum ersten Mal meine Füße in das angenehme, Tutti Frutti-Eiskrem-blaue Meerwasser des Persischen Golfs setze und kurz darauf wie toll drauflos ins Wasser renne. Dieses Jahr war ich kein einziges Mal schwimmen und ich kann mich beim besten Willen an keinen Urlaub erinnern, an dem ich das letzte Mal im Meer baden war. Vielleicht war es vor Jahren an der Ostsee, die streng genommen ja gar kein richtiges Meer ist, nur ein Binnenmeer ohne „unendliche Weiten“ und all das. Ich lasse das Meer meinen Körper umspülen und fühle mich zum ersten Mal seit langem wirklich schwerelos. Es ist, als wüsche das Wasser alle Widrigkeiten des Alltags von mir ab, bis nichts mehr da ist, was mir Sorgen bereiten könnte. Ich bin unbeschwert, endlich. Ich versuche, mich so lange wie möglich von den Wellen hin- und hertreiben zu lassen und als meine Haut nach 35 Minuten fast so aufgeweicht ist wie ein voller Schwamm, trete ich langsam den Weg zurück zum Strand an. Dort angekommen wird mir bewusst, dass dies wahrscheinlich auch mein erster Urlaub überhaupt ist, in dem ich Muscheln sammeln kann. Und damit meine ich richtige Muscheln in Pastellfarben, denn die klitzekleinen von der Ostsee damals zählen nicht. Fünf Minuten später. Mit der Handvoll Muscheln, die ich angeschleppt habe, komme ich mir ein bisschen vor wie ein Kind und so sehen mich meine Eltern in diesem Augenblick auch an. Zufrieden lege ich mich in die Sonne, um mich von der Luft trocknen zu lassen. Ich fühle mich immer noch vollkommen unbeschwert und nun kommt eine dumpfe Vorahnung von Glückseligkeit hinzu. Vielmehr wird heute nicht passieren.

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Es ist Samstag, der 12. Dezember, und ich lege gerade im Highspeed-Fahrstuhl des Burj al Arab eine Fahrt in den 27. Stock des Luxushotels hin. „Mit einer Höhe von 321 Metern ist es das vierthöchste Hotelgebäude der Welt und ein Wahrzeichen der emiratischen Stadt Dubai. Aufgrund der segelförmigen Kubatur und seiner ausgesetzten Lage ist dieses Gebäude unverwechselbar. […] Das Burj al Arab wird häufig von der Presse als 7-Sterne-Hotel bezeichnet. Offiziell trägt es nur fünf Sterne, weil damit die bisherige Kategorisierung endet. Dennoch ist die Ausstattung weitaus großzügiger als es für fünf Sterne erforderlich wäre,“ Dank an das große, weise W des Internets an dieser Stelle. Das Hilton ist also noch zu toppen. Meine Eltern haben für diesen Nachmittag einen Tisch im hoteleigenen Restaurant zum sogenannten „Afternoon Tea“ reserviert. Meinen Vater will man erst nicht einlassen, da sein kurzärmeliges T-Shirt keinen Kragen besitzt und man ist schon dabei, ihm von hinten ein Jackett überzustreifen, doch da er lehnt dankend ab und zieht seinen langärmeligen Pullover drüber. Mich fragt man übrigens, ob ich schon 18 sei. Ich werde rot und kichere ein bisschen. Am Tisch niedergelassen erklärt uns unser Kellner das nun folgende Prozedere des „Afternoon Tea“, der aus fünf kleinen herzhaften und süßen Gängen besteht.

Alles schmeckt köstlich. Als mir zum dritten Gang das Blattgold auf meinem Cappuccino entgegenblinkt, weiß ich, dass ich in einer völlig unwirklichen Welt angekommen bin. Eine Welt, in der man mir jeden Wunsch von den Augen abliest; in der ich im Handumdrehen ein Extramenü bekomme, weil ich kein Gluten vertrage; in der ich mir vor dem Essen die Hände mit einem parfümierten Handtuch säubere, das mir die Kellner mit einer Silberzange reichen; in der mir diese Kellner auch die Stoffserviette auf den Oberschenkeln platzieren; in der auf den Toiletten ein Hermès-Flakon zum Frischmachen bereitsteht und in der alle von einer ungekünstelten Freundlichkeit sprühen, die mir in dieser Art noch nie zuvor begegnet ist. Alle in dieser Welt geben mir das Gefühl, etwas fraglos Besonderes zu sein; ein großartiger Mensch, allein durch meine pure Anwesenheit. Zweifelsohne ein Umfeld, in dem Narzissten und Egozentriker geboren werden. Aber auch ein Umfeld, das so gut zu mir ist, wie ich es auch zu mir selbst sein sollte. Und eigentlich nie bin. Bei all dem Leistungsdruck und Konkurrenzdenken, den Deadlines, dem Beweisen, informiert sein und Meinung haben müssen, bei all dem Ballast des modernen Daseins kommt ein ehrliches „Gut gemacht!“ zu mir selbst oft zu kurz. Da wird ein Rhetorikpatzer in einem Text zur Katastrophe; eine verpasste Vernissage oder Clubnacht macht mich zum Sozialfall; ein nicht eingelöster Kaffee mit dem coolen Girl von neulich zeigt mir, wie uninteressant ich bin und all die Jobabsagen angesichts meines ach so perfekten Lebenslaufs katapultieren mich vollends ins subjektive Aus. Und das ist auch der Punkt: Nur vor mir selbst scheine ich nie bestehen zu können. Andere sehen da scheinbar gar kein Problem an mir. Hm, vielleicht ist da wirklich keins.

Nach meinem zweiten Cappuccino mit Blattgold-Finish fühle ich mich gestärkt für einen Spaziergang durch die arabische Metropole. Dubai ist eine riesige, langgezogene Stadt, in der sich Wolkenkratzer an Wolkenkratzer reiht, sich Straßen und High Ways in kühnen Schlaufen an den modernen Neubauten und Villen vorbeischlängeln und Grünflächen, bis auf vereinzelte, angestrahlte Palmen, eher Mangelware sind. An jeder Ecke wird gebaut. Der Einzug der westlichen (Konsum-)Kultur zeigt sich nicht nur an den zahlreichen Filialen von Starbucks, KFC, H&M, Topshop und Carrefour, sondern auch an den großformatigen Anzeigetafeln, welche die Stadt drinnen wie draußen in eine Dauerwerbesendung verwandeln. Dubai zählt zu den weltweit meistbesuchten Städten und das Potenzial der reichen Touristen weiß die Stadt bestmöglich auszuschöpfen. Alles hier ist auf Touristen eingestellt. Mir sind in keinem anderen Land außerhalb Großbritanniens Verkäufer und Kellner begegnet, die derart einwandfreies Englisch gesprochen haben. In Dubai gibt es das luxuriöseste Hotel der Welt, wie wir bereits gelernt haben, das höchste Hochhaus der Welt, das Burj Khalifa, das größte Shopping-Center der Welt samt riesigem Aquarium, die Dubai Mall, es gibt die künstlich vor der Küste aufgeschütteten Inselanlagen wie The Palm und bald auch das größte Riesenrad der Welt. Ohne Zweifel, eine Stadt der Superlative, in der man zwischen all dem Augen aufreißen und Kopfschütteln schnell untergehen kann. Und genau das tut doch auch ein bisschen gut: untertauchen und los schwimmen. Hier ist man nur der gut betuchte Europäer – wenn man nicht gerade wie meine Eltern und ich für Russen gehalten wird – mehr nicht.

Meine Zeit in Dubai verbringe ich nun abwechselnd am Strand, im hoteleigenen Fitnessstudio – und das eigentlich nur wegen der Bollywood-Telenovelas (hier weiß man noch, was wirkliche, existenzbedrohliche Probleme sind), in Shopping-Malls und Gourmet-Restaurants. Mit viel mehr als den drei „S“ kann man in der Stadt seine Zeit auch nicht totschlagen: sonnen, speisen, shoppen. And repeat. Wahrscheinlich habe ich mir deswegen den ersten Sonnenbrand seit Jahren eingefangen (und Bikinistreifen, check), lange nicht mehr so gut(en Käse und Fisch) gegessen und so wichtige Dinge in meinen Besitz gebracht wie „Dubai“-Schlüsselanhänger.

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Inzwischen ist der letzte Urlaubstag angebrochen und ich habe mir vorgenommen, das Beste aus ihm zu machen. Also entspanne ich auf einer schattigen Strandliege (dank des bereits erwähnten Sonnenbrands darf ich nicht mehr in die Sonne) mit einem Buch auf den Oberschenkeln. Wie ich so daliege und aufblicke, weiß ich, dass es nichts Wichtigeres in dieser und allen anderen Galaxien gibt, als hier regungslos zu ruhen, zu lesen, die immer mal wieder vorbeitrottenden Kamele zu beobachten und ab und zu in den Persischen Golf zu steigen.

Das soll sich mal einer vorstellen. Ich, Miss „Alles unter Kontrolle“ und „700 PS Vollgas“, für die die Twerk-Life-Balance eher so etwas wie eine Work-Work-Balance ist, ich also bin der Meinung, dass es auf all diese Trophäen des Alltags gar nicht ankommt. Auch auf den Luxus in Dubai, das ganze Bling-Bling, die perfekte Fassade, den Glamour und das „Armani“-Mineralwasser kommt es keineswegs an. (Im Ernst, ich liebe Luxus – aber ich weiß beim besten Willen nicht, wie man damit umgehen soll. Sobald mir ein Kellner von hinten Mineralwasser nachschenken möchte, muss ich mich zwingen, nicht mit der Hand dazwischen zu gehen und mich wie ein Elefant im Porzellangeschäft zu verhalten.) Es gibt viel, viel Wichtigeres im Leben und das merke ich erst in der surrealsten Metropole der Erde. Es ist viel mehr wert, dass ich gerade mit meiner Familie Zeit verbringen kann, dass es allen gut geht, alle gesund und wohlauf sind. Wenige, wirklich gute Freunde sind mehr wert, Freunde, die man in jeder Situation anrufen kann, und nicht hundert flüchtige Bekanntschaften, die man selbstredend mag und die einen auf den Parties der Stadt mit High Five begrüßen, die aber oft nicht einmal wissen, was man außer dem Feiern noch so treiben könnte. Und vor allem geht es nicht darum, die Erwartungen anderer zu erfüllen – sondern es kommt allein darauf an, dass man in den Spiegel schauen und die Person, die einem entgegen blickt, mit ehrlicher Freude anlächeln kann, immer und überall. Eben ein bisschen so, wie in den 5 Sterne+ Hotels in Dubai. Dazu gehört auch, öfter mal nicht gefallen zu wollen, sondern ganz auf die blanken persönlichen Bedürfnisse zu hören. Und die sind meist nicht komplizierter, als nur mal eine kurze Pause einzulegen.

Diese Erkenntnis trage ich im Flieger ganze 6.000 km zurück nach Deutschland und sehne mich zwar nicht mehr nach all dem Pomp in Dubai, dafür aber nach der Sonne und dem Meer.

Der besonderste Moment dieses Urlaubs war dann übrigens auch nicht, als sonntags Punkt 18 Uhr die überdimensionalen Fontänen vor der Dubai Mall zu arabischen Gesängen losbrechen, Lichtschauspiel inklusive, und es so wirkt, als sei das alles nur für meine Eltern und mich als Gäste im Armani-Restaurant inszeniert. Nein, die schönste Situation war eine ganz beiläufige in unserem Hotelzimmer. Mein Vater kultiviert nämlich seit kurzem ein Faible für T-Shirts, deren Ursprung ich in der Trancekultur der 90er Jahre verorten würde, ganz viel Neon, ganz viel psychedelische Muster, much wow. Meine Frage, ob er gleich zum „Rave“ gehen wolle, zog fragende Gesichter nach sich, den ich nur mit hölzernen Erklärungen über „Techno“ beikommen konnte. Meine Eltern sind eben doch nicht mehr die Jüngsten, auch wenn ihr Kleidungsstil augenblicklich mehr nach Jugendkultur schreit als meiner.

Kategorie: Mind, Think Aloud

von

Lola Fröbe

Das Köpfchen voller Mode – und dennoch Köpfchen? Eine Selbstverständlichkeit für die Dame, die seit jeher einen Hang zur Polarität kultiviert. Girlpower und Understatement sind die partners in crime. Lola kann sich mit den aktuellen Ready-To-Wear-Kollektionen ihrer skandinavischen und französischen Idole genauso stundenlang zufrieden aufhalten wie im Buchladen um die Ecke. Das Fräulein liebt Kopenhagen und Kafka, hat eine Schwäche für Männermode und schmissige Musikhits, ist aber auch für Kunst und Kitsch zu haben.

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