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Think Aloud | Die Ehe für alle. Liebe all Over

Killed my mother

Bild: I Killed my Mother (Regie: Xavier Dolan)

Sie ist beschlossen, die “Ehe für alle”! Heute Vormittag beschloss der Bundestag in einer ersten Abstimmung mit eindeutiger Mehrheit von 393 Stimmen das Ja für die gleichgeschlechtliche Ehe. Ein wichtiger, historischer Schritt, der gleichzeitig deutlich macht, wie viel trotzdem noch immer im Argen wird. Führt man sich einmal vor Augen, dass noch bis vor knapp 50 Jahre Homosexualität als Krankheit galt, die mit Elektroschocktherapie zu heilen versucht oder sogar direkt gesetzlich geahndet wurde. Ein Prinzip, das in vielen Teilen der Welt leider noch heute Gang und Gebe ist.

Man muss sich das einmal vor Augen führen: Menschen werden verfolgt und diskriminiert, weil sie jemanden lieben. Um nichts anderes geht es hier. Wen interessiert schon das jeweilige Geschlecht dahinter. Heterosexualität ist ohnehin nichts anderes, als ein tradierter Mechanismus, eingeschrieben ins kulturelle Gedächtnis, dessen hegemoniale Position daraus resultiert, dass viele sie für gegeben ansehen, ohne ihre Richtigkeit zu hinterfragen. Anders ausgedrückt: 2017 ist Modell Vater, Mutter, Kind in vieler Hinsicht überholt. Es gibt Patchworkfamilien, Paare, die in sogenannter wilder Ehe zusammenleben, Menschen, die alleine sind, weil sie es wollen, andere, weil der Deckel zum Topf einfach noch nicht gefunden ist. Was legen wir uns da zusätzliche Hürden in den Weg, indem wir uns auf das vermeintliche Schlüssel-Schloss-Prinzip beschränken? Geht es am Ende nicht um den viel besagten Charakter und sollte der nicht entkoppelt von jeglicher Körperlichkeit sein? Wie kann die Kanzlerin da über die Gewissensfrage argumentieren? Das Hierarchiemodell, das sie damit aufmacht, ist meiner Ansicht nicht nur hochproblematisch, es scheitert vor allem auch am eigenen Gegenstand. Denn in dieser Frage geht es nicht um Gewissen, es geht darum, endlich zu verstehen, dass ein Mensch nicht weniger wert ist, nur weil er nicht einer vermeintlichen Norm entspricht. Norm ist ihrerseits immer ein artifizielles Konstrukt. Und wer an dieser Stelle mit dem Buzzword “Natur” ankommen will, dem sei gesagt, dass es auch im Tierreich Homosexualität gibt. Da habt ihr eure Urinstinkte.

Wie dem auch sei. Die Ehe für alle ist ein wichtiger Schritt, für den es höchste Zeit war. Gleichzeitig sollte betont werden, dass der Beschluss nicht bedeutet, dass jedes schwule oder lesbische Paar jetzt zwangsläufig heiraten muss – so wie eben manche Heteropaare sich bewusst dagegen entscheiden. Denn auch die Ehe führt ein gewisses Wertemodell mit sich, dem sich 2017 nicht mehr zwangsläufig jeder anschließen muss – auch das noch vor einigen Jahren undenkbar. Am ende geht es um das Recht auf freie Entscheidung, darum, die Wahl zu haben, ganz gleich, zu welchem Geschlecht eine Person sich hingezogen fühlt. Daran ist nichts falsch, war nichts falsch und wird nie etwas falsch sein.

Here´s to all my gay friends! #lovelovelove

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von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Was für die einen nach Schizophrenie par exellence klingt, ist für diese Dame ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Lookbooks Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücherläden und (skandinavische) Mode sind ihre Schwäche, Filme und Kultur das Terrain auf dem sie sich zuhause fühlt. Die Frankfurterin mit der tiefen Liebe zum Berliner Leben redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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