Mind, Think Aloud
Schreibe einen Kommentar

Think Aloud | „Be Happy!“ Das Glück als Imperativ

habitsmag_The royal Tennenbaums_Kolumne Glück

Bild: The Royal Tennenbaums (Regie: Wes Anderson)

Don´t worry, be happy! Diesen einfachen Satz machte sich – in leichter Abwandlung – Mitte der 90er eine Kaffeemarke zum Slogan für ihre Werbung. Untermalt vom altbekannten Harmoniegesang und fröhlich fidelem Pfeifen wurde uns vorgegaukelt, dass es zum Glücklichsein nicht mehr bräuchte, als eine gute Tasse Kaffee. Hach ja, das waren noch Zeiten.

Heute gestaltet sich die Suche nach dem Glück da schon weitaus komplizierter. So scheint es zumindest. Gleichzeitig gab es wohl noch nie so ein Überangebot an Methoden und Mitteln zum „happy sein“ wie in unserer Gegenwart. In den Buchläden stapeln sich die Ratgeber, die uns allesamt völlige Erfüllung versprechen, wenn wir denn nur brav die Tipps befolgen, die sie uns mit auf den Weg geben. Inhaltlich reicht die Bandbreite von Esoterisch-Okkultem bis hin zu weltlich-rationalen Taktiken. Sozusagen Glück für alle, gepresst zwischen zwei Buchdeckel. Und auch die Zeitschriftenbranche scheint mit dem Glück ihr neues Lieblingsthema längst entdeckt zu haben. Von Neon bis Brigitte wechseln die passenden Titelstorys beinahe wöchentlich. Wem das Ganze mit dem Lesen zu anstrengend ist, weil das ja dann doch alles zu lange dauert, der bzw. die ist aber längst nicht verloren. Keine Sorge! Denn das Glücksversprechen gibt es heutzutage praktisch überall als Bonus obendrauf. Ganz vorne mit dabei: der Sport. Mach Yoga und finde zu dir selbst oder geh wenigstens ins Fitnessstudio aufs Laufband. Denn in einem gesunden Körper steckt ja bekanntlich ein gesunder (und glücklicher) Geist. Deshalb ist es auch wichtig, dass du dich gesund ernährst, womit wir auch schon bei Schritt Zwei wären. Viel Gemüse und Obst, wenig Kohlehydrate, noch weniger Fett und nach Möglichkeit kein Zucker, vor allem nicht den bösen industriellen. Dazu viel, viel Wasser trinken. Dann kommst du der Erfüllung schon ein wenig näher. Damit der Ansporn zwischen all der Schinderei nicht verloren geht, kaufst du dir noch schnell einen Fitnesstracker, so geht das alles auch ganz spielerisch. Wer will schließlich nicht den Highscore knacken.

Frances Ha_habitsmag_Kolumne_GlückBild: Frances Ha (Regie: Noah Baumbach)

Kauf dich glücklich!

Überhaupt ist shoppen eine ganz tolle (und schnelle) Möglichkeit, das Glück zu finden. Zalando präsentierte uns ja schon, wie Frauen vor lauter Glück ganz aus dem Häuschen geraten, wenn der Bote mit dem markanten Paket in Weiß, Orange und Schwarz an der Tür klingelt. Ähnlich hält es auch die Konkurrenz von JustFab. Die erzählt uns freudestrahlend, dass eine Frau nie, wirklich nie zu viele Schuhe haben könne und untermalt das dramatisch mit einer leicht debil grinsenden Dame vorm Schuhschrank. Auch Katjes verspricht in uns im aktuellen Spot gleich eine ganze Tüte Glücksgefühle. Dafür muss das kecke Mädel im Video auch direkt mal vor dem Frühstück eine ganze Ladung Lakritz naschen – na, wenn´s hilft! Verhältnismäßig einfach macht es sich auch der Schoko-Knusperriegel Kägi. Bei dem heißt es nämlich ganz einfach „Kägi ist Glück“. Ähnliches schreiben sich auch Joghurthersteller quer durch die Bank nur zu gerne auf die Fahne: Von Aktivia, der dabei hilft, unsere Darmflora einzupendeln und damit den Bauch zum Lachen bringt, oder Zott Jogolé, der Ende der 90er schon damit warb, dass es beim leichten Genuss des 0,1 % Joghurts darum geht, den Moment zu leben und zu genießen, hier sind den Glücksfantasien keine Grenzen gesetzt. Dazu noch eine Tasse Tee aus der Teekanne Tealounge und ein kleines Bad im Glück mit Kneipp. Werdende Eltern kaufen am besten bei Babymarkt, denn hier heißt es im TV-Spot ganz smart „Klick.Klick.Glück“. Nicht zu vergessen die Versicherungen und Banken, die uns das individuelle Glück versprechen. Schließlich wollen wir ja auch für eine erfüllte und abgesicherte Zukunft sorgen. Das Spiel ließe sich wohl ewig so weitertreiben. Was ich damit sagen will, ist denke ich klar.

Das Glück ist zum neuen Verkaufsschlager geworden. Was vor einigen Jahren noch die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit war, wird heute nur zu gerne um das Glück erweitert. Die Suche nach persönlicher Erfüllung scheint zum Allheilmittel geworden in einer Welt, die mehr denn je durch Chaos bestimmt scheint. „Was will ich vom Leben? Was macht mich glücklich?“ Diese zwei Fragen sind wohl so etwas wie der große Werbeslogan meiner Generation, vielleicht sogar unserer ganzen gegenwärtigen Gesellschaft.

somewhereBild: Somewhere (Regie: Sofia Coppola)

Der schnelle Weg zum Glück?

Doch hinter dem Ganzen steckt eigentlich nichts anderes als eine ziemlich fiese Mogelpackung. Wer nämlich eine ganze Tüte Katjes futtert, der bekommt im besten Fall Bauchschmerzen, während ständiges Baden im Glück weniger für allumfassende Happiness als vielmehr für schrumpelige Haut sorgt. Statt uns also intensiv mit der Frage nach den eigenen Wünschen auseinanderzusetzen und zu hinterfragen, warum wir vielleicht so sehr vom Gefühl getrieben werden, das Glück zu finden, greifen wir zur vermeintlich schnellen Lösung. Wozu Seelsorge betreiben, wenn schon ein paar wenige Euro völlig ausreichen, um wenigstens kurzzeitig den ganzen Druck von uns abzuschütteln. Kurzum: Dem Glück ist nicht nur die Prozesshaftigkeit abhandengekommen, der Kapitalismus hat es auch geschickt vereinnahmt und wir greifen genüsslich zu. Sara Ahmed spricht in ihrem Buch „The Promise of Happiness“ vom sogenannten Happiness Turn und beschreibt im Folgenden Ökonomie und Wissenschaft, die sich seit 2005 um das Glück herum gebildet haben. Ihrer Ansicht nach werde durch diese Vereinnahmung eine ganz besondere Art von Glück/lichsein produziert und gleichzeitig konsumiert, die wiederum und schließlich als eine Art Kapital akkumuliert werde. Passend dazu fragt das Missy Magazine in seiner aktuellen Ausgabe „Was denn nun eigentlich Glück dann aber bedeutet“ und gelangt schnell selbst zu der Antwort, dass selbst tragende Philosophen wie Immanuel Kant an dieser Frage schon gescheitert sind. Schließlich „ist der Begriff der Glückseligkeit ein so unbestimmter Begriff, daß [sic!], obgleich jeder Mensch zu dieser zu gelangen wünscht, er doch niemals bestimmt und mit sich selbst einstimmig sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle.“ [Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785]

Anders ausgedrückt: Die Suche nach dem Glück treibt uns deswegen an, weil sie sich auf ein weitgehend unbestimmtes Ziel richtet und die Erfüllung stets vergänglich ist. Für die Werbung muss das praktisch ein Stilmittel par excellence sein. Womit ließe sich denn wohl besser der Impuls zum Kaufen anregen. Ob das alles wirklich funktionieren kann, diese Antwort kennen wir wohl alle selbst. Wenn das Glück zum gesellschaftlichen Imperativ wird, rückt uns die Unzufriedenheit am Ende näher auf den Leib als uns lieb ist und die Krise des Subjekts ist praktisch vorprogrammiert. Glück lässt sich nun einmal nicht erzwingen, so ein schlaues Sprichwort. Die Krise aber leider schon.

Kategorie: Mind, Think Aloud

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *