Mind, Think Aloud
Schreibe einen Kommentar

Think Aloud | Als das Lachen uns im Halse stecken blieb. Trump ist Präsident.

usa-election

„Wir sind im Zeitalter des Populismus angekommen“ titelt der Spiegel heute Morgen in einem seiner ersten Kommentare zur Wahlnacht in den USA. Donald Trump wurde vom amerikanischen Volk zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Was ursprünglich kaum einer für möglich gehalten hätte, ist seit dem heutigen Morgen (mitteleuropäischer Zeit) bitterernste Realität. „Unfassbar!“ „Sprachlos!„ „Das kann nicht wahr sein!“ Die Kommentare sausen nur so durchs Netz. Kollektives Unverständnis stellt sich ein. Auch bei jenen, die nicht in den USA leben. Schließlich geht es hier noch immer um die größte Weltmacht, die dieser Planet hat. Wie konnte das bloß passieren und vor allem, was sind denn jetzt die Konsequenzen?

Wenn wir ehrlich sind, hatten bis zuletzt wohl tatsächlich nur die wenigstens geglaubt, dass der buchstäbliche „Worst Case“ eintreten könnte. Noch vor knapp einem Jahr, als ein gewisser amerikanischer Milliardär mit nicht ganz so großer medialer Integrität verkündete, er wolle das Oberhaupt der vereinigten Staaten werden, haben wir alle herzlich gelacht. Keiner hat den größenwahnsinnigen Deppen mit der markanten Fönfrisur ernst genommen, nicht einmal die Republikaner selbst. Auch als der gleiche Mann tatsächlich als Kandidat besagter Partei in den Wahlkampf einzog, zeigten die Mundwinkel der Mehrheit noch amüsiert nach oben. Endlich mal etwas theatralischer Pep im sonst so ernsten bis trockenen Umfeld der Politik. Entertainment statt nur Information, anders ausgedrückt: Infotainment vom Feinsten. Amerika hat dieses Prinzip schließlich selbst erfunden und groß gemacht. Da ist doch nichts dabei. Nun ja, seit gestern Nacht sind wir alle schlauer und das Lachen ist uns mitsamt all unserer Memes und witzigen Sprüchen längst im Halse stecken geblieben.

Der Hund hat sich in den eigenen Schwanz gebissen. Nach einem erbitterten Wahlkampf, der zuletzt praktisch nur noch einer Schlammschlacht unterhalb der Gürtellinie glich und bei dem sich längst nichts mehr um eine ernsthafte Debatte zu drehen schien, haben die Amerikaner gewählt und damit gleichzeitig ihre eigene Zerrissenheit besiegelt. Vielleicht auch ihre sagenhafte Dummheit, aber das wäre jenen gegenüber unfair, die so hart für ein anderes Ergebnis gekämpft haben. Drücken wir es besser so aus: Der tiefe Riss, der sich schon lange in der Welt breit macht, zwischen fortschrittlich und rückwärtsgewandt, zwischen arm und reich, zwischen progressiv und konservativ, zwischen human und rassistisch, zwischen Bildung und völliger Verblödung, er hat in den USA nun einen traurigen Gipfel gefunden. Daraufhisst nun ein Mann seine Flagge, der in den letzten Wochen vor allem eines bewiesen hat, nämlich dass er ziemlich laut und aggressiv brüllen kann.

Doch was steckt überhaupt hinter all dem Geplapper und Gezeter, dass Donald Trump in den letzten Tagen und Monaten von sich gegeben hat. Inhaltlich ist da zunächst nicht viel Konkretes zu holen. Da sind sich ausnahmsweise sogar einmal die zahlreichen sogenannten Experten einig, die heute Morgen mindestens genauso verstört dreingeblickt haben, wie der Großteil von uns. Eine Mauer wollte Trump er bauen, um die bösen Mexikaner aus dem eigenen Land fernzuhalten. Außerdem soll jeder Bürger eine Waffe tragen dürfen und achja, die böse Hillary Clinton will er noch hinter Gitter bringen. Den Rest wird sein stetig auf signalroten Mützen zur Schau getragener und von Ronald Reagan stibitzter Wahlkampfslogan schon richten. „Let´s make America great again!“ Well, USA, dann fangt mal an…

Die deutsche Regierung konnte ihre Bestürzung jedenfalls nur schwer verbergen, Vladimir Putin dagegen jubelt. Ein gruseliges Vorzeichen. Tritt man nun nämlich wieder einen Schritt zurück und schaut sich das globale Gesamtbild an, dann wird das Ganze schnell symptomatisch. Da haben wir Frankreich, in denen der Front National nach den Anschlägen auf Paris unheimlich in der Popularität zugelegt hat. Wir haben Deutschland, in denen Pegida und AFD teilweise mit Parolen um sich schmeißen, die einen ganz bösen Beigeschmack haben, wenn man die eigene Geschichte betrachtet. Und ähnlich wie auch damals schon und im nun im Fall der USA nahm man auch jene Partei nicht ernst. Solange bis sie praktisch schon in der eigenen Haustür stand. In der Türkei traut sich kaum noch ein Journalist sein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrzunehmen, während Polen bis vor Kurzem alles daran setze, Frauen die Abreibung eines ungewollten Kindes zu verbieten. Nimmt man das alles zusammen, entsteht daraus ein Mosaik aus Hass, Gewalt, Rückschrittlichkeit, Konservativismus und Kurzsichtigkeit. Kurz gesagt: Populismus vom Feinsten. Garniert mit einem Hauch Faschismus. Donald Trump hat sich öffentlich und in völliger Überzeugung als Rassist platziert. Seine Politik gilt dem sogenannten White Male und ich rede hier bewusst und ausschließlich vom sogenannten Männlichen. Frauen nehmen bei ihm eine untergeordnete Rolle ein. Sie sind Objekte, deren Wert sich nach dem sexuellen Potenzial richtet. Das hat er selbst mit bestem chauvinistischen Vokabular vor knapp elf Jahren so formuliert. Welche Frau will schließlich auch nicht von einem reichen Sack zwischen die Beine gefasst bekommen… hallo? Geht´s noch?! Die Mehrheit des Volkes hat ihn trotzdem gewählt – oder vielleicht auch gerade deshalb und sich dabei bewusst gegen eine Frau entschieden, die ihrerseits zwar ebenfalls aus gutem Grund nicht unumstritten war, aber doch wenigstens durch inhaltliche Vorbereitung und humanistisches Engagement brillierte. Das ist erschreckend und irgendwie auch ziemlich, ziemlich dumm. Dafür möchte ich eigentlich nicht einmal die richtigen Worte finden. Sie wären alles andere als jugendfrei.

Wir haben jetzt lange genug daran geglaubt, dass sich alles schon irgendwie wieder von alleine einrenken wird. Doch mit Tatenlosigkeit und Urvertrauen kommen wir ab sofort offensichtlich nicht mehr weiter. In den USA sind bereits die ersten – vornehmlich jungen – Leute gegen das Wahlergebnis auf die Straße gegangen. „Not our president“ skandieren sie und eröffnen dabei gleichzeitig den Blick auf ein noch ganz anderes Problem. Eines, das spätestens dann bekannt vorkommt, wenn wir uns das Brexit-Referendum ins Gedächtnis rufen. Wieder einmal scheinen jung und alt meilenweit auseinanderzudriften. Während ein Großteil der Bevölkerung unter 45 nach vorne schauen will, werden ihnen von den alten immer wieder Steine in den Weg gelegt. Auch das vielleicht eine Ursache für die allgemeine Politikverdrossenheit rund um den Globus, die Jugendliche stattdessen lieber Youtube-Schmink-Tutorials anklicken lässt.

Was nun folgt, bleibt abzuwarten. Ein Lichtschimmer: Auch als Präsident kann Donald Trump nicht alleine entscheiden. Es ist nun am Kongress die wahnwitzigen Parolen dieses bigotten „Bullys“ weitgehend einzudämpfen. Hoffen wir, das wenigstens das gelingt.

Lustig ist an all dem letztendlich aber nichts mehr. Viele scheinen müde. Ein Großteil der Menschen scheint es satt zu haben ständig zu funktionieren und dabei das Gefühl nicht loszuwerden, man trete auf der Stelle. Doch kann es nie der richtige weg sein, die Augen zu verschließen, um sich der sinnlosen Berieselung, dem Entertainment hinzugeben. Denn wer aufhört zu denken und die Dinge zu hinterfragen, dem kommt auch bald die Freiheit abhanden. Wer zu müde wird, sich mit der Welt in der er lebt, wirklich auseinanderzusetzen, der läuft Gefahr lauten Parolen und populistischer Propaganda anheim zu fallen. Schließlich maßen sie es sich an, die Kompliziertheit der Welt in einfachster Verkürztest abzubilden und dabei auch gleich noch die Lösung unmittelbar auf dem Silbertablett zu liefern. Doch so funktioniert das Ganze nun einmal nicht.

Bildung und Weitsicht sind ebenso wie die Freiheit an sich Rechte und Werte, die nicht einfach so vom Himmel fallen. Das mag für uns, die sogenannte White Class der westlichen Welt schwer vorstellbar. Schließlich haben wir nie etwas anderes erlebt. Doch die schöne Blase, in die unsere Großeltern und Eltern, die sogenannten Baby Boomer, uns liebevoll gebettet haben, ist mit einem Schlag geplatzt und wir sind ziemlich hart auf dem Boden der Tatsachen gelandet. „Geschichte lehrt uns, dass sie sich ständig wiederholt, leider findet sie so wenige aufmerksame Schüler“, las ich heute Morgen auf Twitter. Wahre Worte. Leider.

Und so bleibt fraglich, ob Satire und Memes uns aus dieser Misere retten können. So gern ich angesichts der vielen Reaktionen im Social Web an einen Bachtinischen Umgang mit der Realität – der Distanzierung durch Lachen – glauben möchte. Vielleicht müssen wir uns dieses Mal eingestehen, dass wir die Sache nicht einfach mit ein paar Jokes aussitzen können. Denn Entertainment hat uns ja vielleicht sogar erst in die ganze Scheiße reingeritten.

Kategorie: Mind, Think Aloud

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *