Alle Artikel mit dem Schlagwort: Music Friday

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Mixtape | All The Sad Young Men

Wie wir aus dem englischen Sprachgebrauch wissen, steht „Men“ nicht nur für das bloße „Mann“ im Sinne eines definierten Geschlechts – sondern fasst allgemeiner verwendet sämtliche Geschlechtsidentitäten als „Mensch“ zusammen. Und so fühlte ich mich nur für einen kurzen Moment nicht angesprochen, als Spotify mir diesen Song von Spector an einem Sonntagnachmittag in der Küche einer sehr guten Freundin in Leipzig vorschlug und praktischerweise sogleich abspielte. Und dann plötzlich sehr wohl: „I don’t want to make love, I don’t want to make plans, I don’t want anybody to want to hold my hand“, denn das war so ziemlich die Zusammenfassung von dem, was ich an diesem Tag ebenfalls nicht wollte – sonst aber schon und definitiv, scheinbar im krassen Gegensatz zum Großteil aller anderen Menschen, die mir in Berlin, Leipzig und anderswo begegnen. Das kann jede/r gerne handhaben, wie sie oder er möchte, wirklich, nur haben wir hier im Grunde des Pudels Kern, warum ich mit Berlin partout nicht richtig warm werde. Was ebenfalls ok ist. Ich hätte nur wahrscheinlich nie gedacht, dass ich einmal …

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Mixtape | Ruhe

Konzentration fällt mir derzeit schwer. Weil ich mich auf zu viele Dinge gleichzeitig konzentrieren muss. Denn das heißt ja bekanntermaßen genauso viel wie: zu viele Dinge gleichzeitig im Griff haben sollte. Doch je mehr ich unter meinen Griff bringen sollte, umso lascher wird dieser, und ich bin mir nicht sicher, ob man noch von Zupacken oder vielmehr dem Versuch, nicht loszulassen sprechen sollte. Mein iPhone beherbergt > 10 angefangene Notizen, die zu Texten und Artikeln wachsen sollen. An denen tippe ich in jeder freien Minute, ob nun in der S-Bahn, beim Warten auf den Kaffee oder in seltenen Fällen sogar beim Laufen – bis die Umwelt jäh nach meiner Anwesenheit verlangt, weswegen ich bisweilen einen verträumten, verwirrten, verdotterten Eindruck mache, so wie genau jetzt. Denn natürlich ist dieser Text auch zwischen dem Küchentisch und der Bürotür entstanden. Und immer, wenn ich nach einem Gedanken schnappen möchte, um ihn weiterzudenken, kommt mir ein anderer oder auch fünf andere dazwischen. Deswegen sehe ich mir dann an, was Instagram und andere Menschen machen. Oder mir fällt ein, dass ich …

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Mixtape | Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein

Seit kurzem höre ich wieder Tocotronic. Das Bewusstwerden dieses Umstands ging ganz organisch mit der Beobachtung einher, dass es vorher eine Zeit gegeben haben musste, in der ich Tocotronic nicht – oder viel richtiger: nicht mehr – gehört habe. Überrascht von dieser Tatsache habe ich mir dennoch nichts dabei gedacht, denn ich tue so viele Dinge bewusst oder unbewusst nicht, ohne einen größeren Sinn dahinter zu vermuten, dass sich das durchaus auch auf „Zuletzt gehörte Künstler“ auf Spotify auswirken kann. Hört man Tocotronic nach einer längeren Pause erneut, und das vielleicht auch in einer Situation, in der man sich wahlweise vierteilen oder doch zumindest den Beistand einer vierköpfigen Band vertragen kann, entfalten sich die poetischen Bestandsaufnahmen Dirk von Lowtzows und Kombo weit magischer als für gewöhnlich, weil eben nicht mehr gewohnt. Kaum habe ich die erste Verzückung der neuerlichen Identifizierung mit und Umarmung durch die Songs abgeschüttelt, ist es auf einmal ganz klar. Und zwar, wie viel Sinn gerade derzeit Tocotronic und im speziellen „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ für mich höchstselbst ergibt. Dazu sei gesagt, …

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Mixtape | Take Care Of Business

An manchen Tagen stehen alle Zeichen auf Retrospektive. Da kann es vorkommen, dass da auf der Bühne vor einem an einem lauen Spätsommerabend ein Künstler steht, den man vor ziemlich genau drei Jahren schon einmal in der gleichen Stadt gesehen hat – und schon hängt der Kopf im Wolkenreich der Erinnerungen. Meist bleibt es nicht nur allein dabei, denn es liegt in der Natur des Menschen, Vergleiche zu ziehen. Das Damals mit dem Jetzt abzuwägen, zu Analysieren, was sich seitdem verändert oder nicht verändert hat und was überhaupt alles passiert ist. Meist gilt der als erfolgreich, dessen Leben sich in besonders großem Maße um die eigene Achse gedreht hat. Ganz unabhängig von dem, was inhaltlich genau passiert ist – es gilt: Wandel ist als positiv einzuschätzen und Stillstand ist eher unangenehm. Womöglich liegt es in der bloßen Natur des Menschen, die sich an das Bestehende klammert und sich vor Neuem scheut. Wer diese grundsätzliche Angst überwindet, gilt immer als respektabler Gewinner. Außerdem lehrt uns bereits die Renaissance: Erneuerung ist erstrebenswert. Wer sich und andere aber rein …

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Music Friday | Devon Welsh

Manche Abende sind magisch und brennen sich nachhaltig in das Gedächtnis ein, weil sie völlig unvorhergesehen ganz großartig werden konnten. Gerade in Neukölln kann es passieren, dass man bei einem abendlichen Spaziergang vor einer Bar oder einem Off-Space hängen bleibt, weil von drinnen Musik von einem Konzert auf die Straßen tönt. So vollkommen ungeplant war das Konzert von Devon Welsh Anfang dieser Woche für mich zugegeben nicht, doch war ich mir ehrlicherweise nicht gewahr, dass es sich bei dem Kanadier um die eine Hälfte des kürzlich aufgelösten Duos Majical Cloudz handelte, die ich seit langem ausgesprochen mag. Als ich dann doch zusammen mit gut fünfzig anderen Menschen im Hauseingang der Bar lehnte, war es nicht sein doch so vertrautes Gesicht, durch das ich ihn erkannte, sondern die so unverkennbare Stimme. Und da war sie dann, die magische Wolke, die über allem und allen schwebte, sichtlich bewegte und ergriffene Zuhörer hervorbrachte und Fremde zu Freunden werden ließ. Erst im März diesen Jahres gaben Majical Cloudz ihre Auflösung bekannt, nach sechs Jahren gemeinsamen Schaffens und drei Longplayern. Gleichzeitig …

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Mixtape | Von Prioritäten und echten Freunden

Obwohl ich mich de facto schon seit knapp fünf Monaten zu den Ende Zwanzigjährigen zählen kann – das sechsundzwanzigste Lebensjahr ist doch so etwas wie die hölzerne Startklappe zum Sprint in eine neue Zeitrechnung – ist mir erst diese Woche etwas Zentrales bewusst geworden. Für die Pointe muss ich allerdings am Anfang beginnen, genau an der Startlinie einer ganz anderen Ära. Als ich nach Berlin kam, das ist nun schon fast zwei Jahre her, dachte ich, dass das große Abenteuer dieses Ortes darin bestand, von nun an auf so viele neue Leute wie nie zuvor zu treffen. Die Magie der Stadt, so erzählte man doch immer, bestand in der Vielzahl von Menschen, Lebensentwürfen, Kulturen, kreativen Energien – der schieren Unendlichkeit von Möglichkeiten, die man ergreifen oder die schlicht passieren und theoretisch in der totalen Selbstverwirklichung gipfeln können. Und tatsächlich, man trifft hier jede Woche, ja jeden Tag, so viele neue unterschiedliche und interessante Menschen: ob nun arbeitsbedingt, auf Events, durch Freunde oder auf Tinder. Das ist toll, wirklich toll und sehr interessant. Allerdings ist es doch so: …

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Mixtape | Forget It’s A Dream

Die Sonne scheint, wie so selten am Wochenende, und ich renne mit einer Freundin durch Berlin-Mitte. Genauer gesagt rennt sie gesichthoch ihrem Handy nach, die Linienstraße entlang, und ich hüpfe ihr hinterher. Uns ist warm und ob das wirklich nur am Wetter liegt, können wir gar nicht sagen, denn wir sind auf Pokémon-Jagd und zumindest eine von uns beiden nimmt die Sache ziemlich ernst. Seit einer guten Woche verschwimmen die reale und digitale Welt zu einem Spielbrett und man möchte ein „endlich“ hinzufügen, doch besser so etwas wie ein „und erhebt haufenweise persönlicher Metadaten“ meinen. Doch diesen Gedanken muss ich jäh beiseite schieben, schließlich müssen wir – viel wichtiger – nach neuen Pokébällen Ausschau halten. Da erscheint ein Bild von einer Graffiti-Banane auf dem Display (als Spot, wo man eben jene rot-weißen Bälle erhält) und mir fällt noch ein, dass ich diese heute schon einmal gesehen habe. Als ich zwei Sekunden später wirklich wieder vor der Banane stehe, frage ich mich, wie das um Himmels Willen sein kann, die Graffiti-Banane dort an der Wand und in diesem Spiel, tief im Smartphone drinnen. …