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Stilkolumne | Warum Carrie Bradshaw meine Stilheldin bleibt

Carrie bradshaw_habits_stilkolumne

Bild: Screenshot Sex & the City (Opening Scene)

Whoop, whoop, ein Instagram-Account bringt uns Sex and the City wieder – zumindest den Style der Serie. Denn @everyoutfitonsatc will nichts anderes, als der Name schon sagt: Jeden Look von Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda an einem Ort sammeln. Klar, dass das Netz da natürlich begeistert ist und gar nicht genug davon bekommen kann. Schließlich hat kaum jemand anderes unseren Crush für das Textile so sehr vorangetrieben, wie die vier Damen aus Manhattan. Aber sind wir mal ehrlich, außerhalb der eigentlichen Trend-Epoche ist so mancher Look schon irgendwie ein optischer Kopschüttler. Knapp 15 Jahre später ist eben nicht mehr alles Gold, was einmal glänzte. Trotzdem würden wir für Carrie und Co. auch weiterhin die Hand ins Feuer legen. Nur wieso eigentlich? Was steckt hinter der Strahlkraft von Miss Bradshaw? Sind uns etwa die Stilheldinnen ausgegangen?

Hach Carrie, du hast uns gezeigt, was Mode ist! Keine lebt und atmet die Leidenschaft für das Textile so sehr, wie du. Miete? Egal! Der neue Treter von Manolo Blahnik funkelt aber auch zu schön im Schaufenster und sowieso scheint Kleidung doch immer die bessere Geldanlage. Hätten das nur auch Männer wie Aidan verstanden. Ihr hättet so glücklich miteinander werden können. Einer, der es zumindest später richtig gemacht hat, war Big, der wusste, dass die Frau an seiner Seite mehr von einem begehbaren Kleiderschrank träumt, als von einem fetten Verlobungsring. Da musste dann auch der Backofen nicht mehr länger als Hort für kuschelige Winterpullover herhalten. Und wie sehr haben wir mit dir mitgefühlt, wenn jemand deinen kleinen Schätzchen zu Leibe rücken wollte. Etwa, als dieser fiese Ganove, dir die geliebten Schuhe auf offener Straße direkt von den Füßen stahl und dich barfuß durch Manhattan laufen lies? Oder als Pete ein anderes Paar kurzerhand zum Kauknochen umfunktionierte. Grausam ist die Welt…

Really into Carrie’s Francophile look especially the bag of McDonald’s (S2/ EP12) #treschic #Imlovingit #CarrieBradshaw

Ein von Every outfit on Sex & the City (@everyoutfitonsatc) gepostetes Foto am

Zugegeben, das alles mag zunächst nach einem ziemlich schlechten Klischee klingen. Der Stereotyp des kauf- und trendsüchtigen Weibs, das ihr Erspartes lieber sinnfrei für ein paar Stücke überteuerten Stoff raushaut, statt an die wirklich wichtigen Dinge zu denken und deren vermeintliche Prinzesshaftigkeit wohl so manchen Mann in den Wahnsinn treibt. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn ginge es hier nur derart platte Rollenmotive, hätte die Serie wohl kaum ein Jahr lang durchgehalten. Der Reiz, der von Sex and the City ausgeht, ist einer, der sich zwischen den Zeilen entfaltet. Es ist jene Personifizierung von Mode als engem und gutem Freund, die vor allem die Figur der Carrie für Frauen jeden Alters und rund um den Globus so faszinierend macht. Aus ihrer tiefen Leidenschaft für Kleidung macht sie keinen Hehl und es ist ihr schlichtweg egal, ob sie overdressed sein könnte. Wenn ihr der Sinn nach etwas steht, trägt sie es und Punkt. Gleiches gilt übrigens im gegenteiligen Sinn für Miranda, die privat lieber mal underdressed und ungeschminkt das Haus verlässt, weil ihr die Zeit für unnötiges Styling schlichtweg zu schade ist. Von beidem sollten wir uns eigentlich dringend eine Scheibe abschneiden, führt uns das Ganze doch auf die Person zurück, um die es eigentlich in unserem Alltag gehen sollte, uns selbst – unabhängig von dem, was andere denken oder gar für richtig befinden.

Aber zurück zum Thema. Irgendwie ist es doch so, dass die Sex and the City-Girls eine Art Veräußerung jenes Parts in uns ist, der auch nur gerne einmal ausrasten und einfach das kaufen und ausleben würde, was ihm die Rationalität sonst verwehrt. Miete, Zahnart, Lebensmittel, Strom, Handy, Zukunft: Wir investieren in alles nur irgendwie nicht wirklich in uns selbst. Um das zu kaschieren, optimieren wir uns stattdessen, indem wir wie blöd sporteln, Superfoods mampfen und energetisch angereichertes Wasser trinken. Dabei geben uns Apps und Armbänder vor, wie gut unsere Leistung war und was wir bitte noch verbessern sollen. Kurzum: Der Exzess ist aus unserem Leben verbannt. Und das ist meiner Meinung auch der Grund, warum es uns so schwer fällt, heute noch ähnlich ambitionierte Stilheldinnen zu finden. Zwar gibt es auf dem internationalen Parkett durchaus eine handvoll Damen von deren Stil ich nicht genug bekommen kann – auch, weil ihnen der Spaß am Spiel mit Mode deutlich anzumerken ist und sie sich bei allem, was sie tun nicht zu ernst nehmen. Pandora Sykes, Leandra Medine und Chloé Sevigny gehören unter anderem dazu. Doch merke ich immer wieder, wie sehr ich mich in meiner eigenen Peer Group bewege. Dagegen fehlt es an einer Grand Dame, der wir alle gleichermaßen zu Füßen liegen. Und mehr noch: Über die letzten Jahre hat sich in der Fashionwelt viel zu sehr ein Konsens dessen festgesetzt, was einen guten Look ausmacht und viele folgen dem Prinzip schlichtweg eins zu eins. Wollte das Internet einst die Schmiede des individuellen Geschmacks werden, scheint es zunehmend doch eher die Gleichschaltung des Stils bewirkt zu haben. Doch wenn Mode gleichförmig wird, verliert sie ihren Zauber, dann weicht Begeisterung der Berechnung.

Wo aber Leidenschaft ist, da hat die Planerei keinen Platz. Da geht es um Impulse, um das eigene Bauchgefühl und darum, dieses kleine aber feine Etwas herauszukitzeln, das sich oft nicht mal in Worte fassen lässt. Genau darin hatte Patricia Field bei ihrem Styling für Sex and the City ein Händchen und sie hat es den Figuren, allen voran Carrie, sozusagen auf den Leib geschneidert. Der Rest ist Geschichte – Stilgeschichte.

Did you happen to notice my headscarf? It’s Chanel. (S5/EP8) #SamanthaJones #ScarfConcept #Chanel Ein von Every outfit on Sex & the City (@everyoutfitonsatc) gepostetes Foto am

Kategorie: Fashion, Trend

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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