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Serien-Crush // LOVE – “We´ve all been there”

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Als ich über den Trailer zu LOVE, der neuesten hauseigenen Netflix-Produktion gestolpert bin, ahnte ich bereits, diese Serie könnte mir gefallen. Dass sie mich allerdings auf Anhieb komplett um den Finger wickeln und sich bereits mit Folge 1 in die Hitliste meiner All-Time-Favourite-Serien katapultieren würde, damit hätte nun wohl wirklich niemand gerechnet. So geht es aber scheinbar längst nicht nur mir. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es im Moment kaum jemanden, der nicht auch dem Wirwarr um Mickey und Gus verfallen ist. Sogar also knallharte Konkurrenz zu GIRLS wird die erste Staffel bereits gehandelt. Nach meinem persönlichen  fünfstündigen Binge-Watching-Marathon am vergangenen Sonntag bin ich so also inzwischen nicht nur um die Erkenntnis reicher, dass wir das Potenzial der sich zunehmend etablierenden Streaming-Plattformen definitiv nicht unterschätzen sollten. Wenn ich mich in der gegenwärtigen Serienlandschaft allgemein so umschaue, brennt mir vor allem ein Eindruck unter den Nägeln: Der Glaube an die große, wahre Liebe scheint ein ziemlich alter Hut zu sein!

LOVE beginnt mit gleich zwei Trennungen. Mickey und Gus, beide Anfang dreißig, könnten theoretisch glücklich sein. Ihre Heimat ist das sonnige L.A., wo beide „irgendwas mit Medien“ arbeiten, dabei einigermaßen gut verdienen und jeder von ihnen einen Partner an seiner Seite hat. Zumindest Gus ist zu Beginn auch noch fleißig damit beschäftigt, die gemeinsame Zukunft zu planen. Trotzdem werden wir Zuschauer schon mit der ersten Szene das ungute Gefühl nicht los, dass hier etwas ganz und gar nicht rund läuft. Im Gegenteil! Es knackt gewaltig im Gebälk. Abseits von Teppich-Shopping im Netz und halb leidenschaftlichem Sex bleibt nicht mehr wirklich viel vom vermeintlichen Glück übrig. Während die Liebe bei Gus in Wahrheit längst zur Alltagsroutine verkommen ist, der seine Freunde um jeden Preis zu entfliehen versucht, blendet Mickey den Trott mithilfe eines bunten Potpourris an Rauschmitteln aus. Wieder nüchtern, erweist sich der wild-leidenschaftliche Freund dann aber leider doch als ziemliche Lusche mit einem nicht unerheblichen Kokain-Problem und Mutterkomplex. Etwa wenn der Mitdreißiger von Mama zum Jeans kaufen abgeholt wird, weil er dem alleine offensichtlich nicht gewachsen ist. Es kommt, wie es kommen muss, die Trennung ist der letzte Ausweg und zurück bleiben zwei Gestalten, die nun endgültig in ihrem Leben festzustecken scheinen. Doch ist an all dem Leiden wirklich nur der Verlust des Partners schuld? Oder geht es hier an Ende nicht vielleicht soagr um etwas viel Grundlegenderes? Könnte es etwa sein, dass die vermeintliche Stabilität der Beziehung bisher nur geschickt das eigentliche Problem verborgen hat?

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Mit ihren Nöten scheinen Mickey und Gus jedenfalls nicht alleine. Schaut man sich Formate ähnlichen Kalibers an, fällt schnell auf, dass der Glaube an die einzig wahre Liebe scheinbar ordentlich ins Wanken geraten ist. Auf das große Happy End hoffen inzwischen nur noch größere Idioten. Ging es Anfang der 2000er bei Sex and the City und Co. – neben bergeweise Kleidung und ganzer Barvorräte an Cosmopolitans – noch vornehmlich um die Suche nach dem edlen Ritter, wissen wir spätestens seit Serien, wie GIRLS, und Filmen, wie Francs Ha: Beziehungen sind vergänglich und unsere Generation hat sowieso einen Knacks weg. Wir sind rastlos und leben nicht selten nach dem Credo „schneller, höher, weiter“. Wer bindet sich da schon freiwillig einen Klotz ans Bein. Schließlich kostet es ja schon genug Zeit, sich permanent mit der eigenen Person zu befassen. Die Sorgen und Nöte anderer erweisen sich da nur als zusätzliche Belastungsprobe für die eigene soziale Integrität. Bloß nicht festlegen, denn wer rastet, rostet und wer zu viel Balast mit sich herumträgt, der bleibt zwangsläufig auf der Strecke. Bindungsangst? Die gehört spätestens seit Tinder ohnehin zum guten Ton! Kurzum: Man darf das Glück deshalb nicht überstrapazieren. Die Korken kann man heutzutage schon knallen lassen, wenn sich die Person auf der anderen Seite nicht gänzlich als beziehungsgestört und psychopathisch veranlagt erweist.

Sollten wir uns also tatsächlich alle vom Ideal der Liebe verabschieden, um stattdessen der Idee vom großen Kompromiss Platz zu machen? Naja, ja und nein! Es ist schon wahr, dass wir der Liebe mittlerweile mit einer gehörigen Portion Misstrauen begegnen, doch kann genau die eben auch mehr als gesund sein. Wer in seinem Partner nicht den ultimativen Heilsbringer erwartet, der wird in der Regel auch seltener enttäuscht. Schließlich sind wir selbst ja auch nicht unfehlbar. Und schaut man sich einmal weiter in der filmischen Historie der Liebe um, scheinen die intensivsten und Erfolg versprechendsten Geschichten doch sowieso immer die zu sein, bei denen zeitweise richtig kompliziert zugeht. Das haben uns nicht erst Hannah (Lena Dunham) und Adam (Adam Shriver) in GIRLS vorgemacht (derzeitige Beziehungspausen dürften mit Sicherhheit noch nicht das endgültige Ende der Geschichte sein), sondern bereits Harry und Sally Ende der 1980er Jahre. Und selbst die Traumprinz suchende Carry Bradshaw landet schließlich in den Armen des Kerls, der in zwischenmenschlicher Hinsicht mehr als einmal richtig Mist gebaut hat.

Trotzdem markieren Serien wie LOVE und GIRLS eine Art Wendepunkt. Vorbei die Zeiten, in denen man gerade uns Frauen weiß machen will, die Erfüllung unserer Sehnsüchte sei an einen vollen Kleiderschrank, perfektes Auftreten oder einen anderen Menschen gekoppelt. Ab sofort dürfen auch wir endlich egoistisch sein und schlechten Seiten offen zeigen – so, wie es den Herren der Schöpfung schon seit Langem zugestanden wird. Hannah, Jessa, Mickey, Frances und Co. zeichnet nämlich vor allem eines aus: Sie machen Fehler, treten manchmal ins Fettnäpfchen oder verlieren die Contenance in Situationen, in denen man eigentlich von ihnen erwartet tadellos zu funktionieren. Mindestens bei Mickey verbirgt sich hinter der toughen Hülle im Grunde ein ziemlich verunsichertes Mädchen, dem das Erwachsenwerden ebenso zu schaffen macht, wie die plötzliche Notwendigkeit Verantwortung zu übernehmen und nach vorgefertigten Regeln zu spielen. Sie will ihre Wildheit nicht verlieren. Dafür kämpft sie mit aller Kraft. Wenn ihr alles zu viel wird, zieht sie sich in ihr Schneckenhaus zurück. Ganz gleich, ob sie damit andere vor den Kopf stößt. Im Zweifelsfall realisiert sie es sowieso nicht, zu sehr scheint sie damit beschäftigt, ihre eigenen Geister herauszufordern. Ganz wie wir es eben von uns selbst nur zu gut kennen. Vor allem ist es aber die latent wabernde Wut auf die Welt – und mehr noch auf sich selbst –, die Mickey, so authentisch und plausibel macht. Sie ist eine Frau mit Ecken und Kanten und dabei verkörpert nicht mehr länger die groteske Stereotypie klischeehafter Mädchenhaftigkeit, wie wir sie im TV und im Kino so oft vor Augen geführt bekommen haben. Vorbei die Zeiten, in denen Frauen perfekt erscheinende Wesen sind, die als Sidekick des Mannes eigentlich zu nichts anderem dienen, als ihm das Ego zu stärken und seine Fehler zu korrigieren. Ab sofort dürfen auch wir Frauen endlich unperfekt sein und uns als Egoistinnen einen feuchten Dreck um das Seelenleben anderer scheren. Wir sind nicht mehr länger gezwungen, uns in das enge Korsett veräußerter Erwartungshaltungen zu pressen. Wenn Mickey das Haus verlässt, trägt sie Adiletten mit Socken und selbst zum Date ganz nonchalant den Badeanzug unter der Mom-Jeans. Kleines Schwarzes und Highheels überlässt sie lieber den Damen, die noch immer nach dem Traumrprinzen suchen. Denn während die noch immer fest daran glauben wollen, dass ihr Glück in einem anderen Menschen verborgen liegt, haben unsere neuen (Anti-)Heldinnen alle Hände voll damit zu tun, die Liebe zu sich selbst wieder zu entdecken. Um die sollte es am Ende nämlich eigentlich doch gehen, ehe es um die anderen geht. Nur haben wir das irgendwie viel zu lange verdrängt. Deshalb lasst sie raus eure Neurosen, Fehler und Spleens, sie machen uns menschlicher als jeder Traumprinz es jemals könnte! Schließlich hat der seine Freundin auch nur nach dem Schuh ausgeucht.

Kategorie: Culture, Watch

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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