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Close Reading | Sheila Heti – Wie sollten wir sein

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Aktuell wabert der Name Sheila Heti vor allem im Zusammenhang mit dem Buch „Frauen und Kleider“, das sie zusammen mit den Autorinnen Leanne Shapton und Heidi Julavits geschrieben hat, durch die deutsche Medienlandschaft. Doch die kanadische Autorin hat weit mehr zu bieten, als nur einen gekonnten Blick auf Mode und deren gesellschaftliche Funktion. Was Heti interessiert, sind die Menschen im Allgemeinen, ihr Wesen, ihre Beziehungen und ihre Existenz, die aus den vielen Verknüpfungen mit der Welt um sie herum entsteht. Ihr vorangegangener Roman, „Wie wir sein sollten“, der 2014 bei Rowohlt erschienen und inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich ist, widmet sich genau dieser nuancierten Betrachtung menschlichen Seins und stellt vor allem eine Frage: Was passiert eigentlich, wenn das, was wir selbst nur zu gerne als unsere eigene Natur begreifen, uns mit einem Mal den Spiegel vorhält und unerbittlich die andere Seite, jenseits des schönen Scheins, entlarvt? Was tun wir dann? Und überhaupt „How should a Person be?“, wie der englische Originaltitel die Sache noch treffender formuliert.

Im Mittelpunkt der semifiktionalen Erzählung steht die Mittdreißigerin Sheila, die gerade frisch von ihrem Ehemann geschieden ist und eher erfolglos über einer Auftragsarbeit für ein feministisches Theater brütet. Dessen Inhalt soll irgendetwas mit Frauenfreundschaften zu tun haben soll, doch Sheila steckt fest. Nicht nur in ihrer Kunst, auch in ihrem Leben. Das Ende ihrer Ehe belastet sie mehr, als sie wahrhaben will und auch der Wunsch einzigartig zu sein und Großes zu schaffen, entspricht mehr einem Wunschtraum als der Realität. Während sie mit zunehmenden Selbstzweifel fest von ihrer inneren Hässlichkeit überzeugt ist, erscheint das Dasein ihrer Freunde, allesamt Personen aus dem kreativen Milieu Torontos, umso begehrenswerter. So auch ihre beste Freundin, die Künstlerin Margaux, die sich für Sheila beinahe zum Inbegriff einer in sich geschlossenen Persönlichkeiten manifestiert. Bewaffnet mit einem Kassettenrekorder, beginnt die suchende Sheila schließlich die Gespräche mit ihren Freunde aufzunehmen und hofft in der Fixierung deren Worte, den rettenden Anker für sich selbst zu finden. Doch der vermeintlich gute Plan, das spannende Projekt, erweist sich schnell als großer Fehler. Als sie Margaux die Transkription ihrer Gespräche überreicht, sieht sich die sonst so selbstsichere Künstlerfreundin nämlich in ihrer größten Ängste getroffen und ist tief verletzt. Weil es Sheila aber ohnehin nicht mehr gelingt, die Einsamkeit in unterdrückendem Sex zu ertränken, ergreift sie schlagartig die Flucht. Raus aus Kanada. Irgendwohin, in eine Stadt, die große Künstler und namhafte Persönlichkeiten hervorgebracht hat – New York. Doch auch hier realisiert sie bald, dass es gar nicht so einfach ist vor seinen eigenen Geistern zu fliehen und so bleibt ihr schließlich nur noch die Flucht nach vorne,  die Auseinandersetzung mit dem eigenen inneren Monster.

Hetis Roman wurde nicht nur in den USA als eines der großen Werke unserer Zeit gefeiert. Der New Yorker lobte das Buch in höchsten Tönen. Das deutsche Feuilleton stimmte ein und zog nicht nur einmal die Parallele zu Lena Dunhams Serie Girls. Schließlich geht es auch hier um den Blick auf Frauenfreundschaften inmitten der sogenannten „white creative class“ und nicht zuletzt um die Suche nach dem eigenen Ich. Mit ihrer episodenhaft angelegten Erzählung trifft die Kanadierin den Zahn der Zeit, wenn sie die Querelen einer Generation beschreibt, die sich nicht mehr länger mit der Eintönigkeit bestehender Konservativen zufrieden gibt, sondern der vermeintlichen Sicherheit mal selbstbewusst, mal hochmütig den Rücken kehrt, um in der Kreativität die eigene Erfüllung zu suchen. Mit radikal entlarvender dabei aber nicht minder mitfühlender Geste, schreibt Heti über jene Momente des Stagnierens und der damit einhergehenden Angst im eigenen Tun, den Ansprüchen, der anderen nicht zu genügen. Wann ist der Mensch er selbst und wann gaukelt er anderen nur etwas vor, in der Hoffnung, dass diese nicht die Hässlichkeit hinter der hübsch dekorierten Fassade entlarven? Hetis Figuren sehnen sich allesamt nach Beständigkeit, gleichzeitig sind damit aber völlig überfordert. Ein Phänomen, das ebenso so schizophren wie typisch für unsere Zeit zu sein scheint und dass sich auch hier nicht nur einmal im Bild verstörender, entwürdigender Sex-Affären entlädt, die doch irgendwie so konträr zur sonst so emanzipierten Oberfläche der Hauptfiguren erscheinen.

Was also tun? Wie kann eine mögliche Lösung unserer selbst geschaffenen Probleme aussehen? Heti beantwortet sie uns nicht. Wer mit diesem Anspruch an ihr Werk herangeht, dürfte wohl bereits nach den ersten Seiten enttäuscht sein. Aber das ist schließlich auch gar nicht ihr Anspruch. „Wer sollten wir sein?“ ist schließlich kein Selbsthilfebuch für ein besseres, glücklicheres Leben. Vielmehr ist es ein präziser Ausschnitt unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Heti selbst beschreibt das Prinzip ihres Schreibens als „constructed reality“, basiert der Roman doch tatsächlich auf Tonbandaufnahmen von Gesprächen mit ihren Freunden. Dementsprechend sprunghaft und assoziativ wirken zuweilen auch die Dialoge ihrer Figuren. Nur selten finden die Unterhaltungen einen runden Abschluss, ganz so, wie das wahre Leben seine Geschichten nun eimal schreibt.

Und noch etwas erscheint Sheila Hetis Erzählung so unglaublich erfrischend, schafft sie es doch, weibliche Subejkte einmal ganz ohne die Suche nach Liebe zu erschaffen. Im Fokus steht stattdessen eine Frauenfreundschaft, in die vermeintlichen Traummänner einfach keinen Platz haben. Was die Figur Sheila dagegen einst an der Ehe faszinierte, war weniger das Gefühl der Geborgenheit oder die Hoffnung den eigenen Seelenverwandten gefunden zu haben. Es war und ist der Prozess vielmehr der Veräußerung, die Überhöhung bestimmer Gefühlsregungen und Emotionen durch eine bewusste Ausgestaltung, die sie in ihren Bann ziehen. Nein, hier muss Frau sich nicht über das Lieben und Leiden zum Mann konstituieren, das bleibt episodenhaftes Beiwerk. Stattdessen existiert sie als eigenständiges, in sich abgeschlossenes Wesen, dessen persönliche Suche auf ein höheres Ziel gerichtet ist.

Kategorie: Culture, Read

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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