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Read | „Das Ende der Liebe“ von Sven Hillenkamp

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„Die Liebe wird wieder sein, was sie einst war. Ausnahme, Seltenheit. Die Liebenden werden wieder, wie Millionäre oder Rollstuhlfahrer, zu einer kleinen Minderheit.“ Jeder Single, Ex-Single oder Ewig-Liebe-Suchender dieser, unserer Zeit wird diesen Prolog aus dem Buch Das Ende der Liebe von Sven Hillenkamp zweifelsohne bestätigen können. Gerade wer sich in Großstädten wie Berlin, Hamburg, München oder Köln dem Spektakel der Suche nach einem passenden Partner aussetzt, stößt früher oder später an die Grenzen seiner eigenen Vorstellungen oder die der Anderen. Oft wissen wir nicht, ob das Überangebot der Städte nun Segen oder Fluch ist – mindestens ein Mal hat aber sicher schon jeder von uns seine Stadt oder Generation verwünscht.

Für all jene, aber auch alle anderen, stellt Das Ende der Liebe eine Art moderne Bibel dar, welche die Mechanismen zwischenmenschlicher Beziehungen der Gegenwart illustriert und erklärt. Puzzlestück für Puzzlestück setzt sich das Bild einer Generation zusammen, die das Lieben verlernt hat, weil es die Welt nicht mehr zulässt. Mit einer so poetischen wie klaren Sprache tänzelt Hillenkamp von Gedanke zu Gedanke, haucht Worte von Leichtigkeit und Genialität, die das Buch zu einer wahren Offenbarung machen. Das Buch ist so komplex wie die Gegenwart, deswegen seien nur einige Punkte des Inhalts im Folgenden skizziert.

Unsere Zeit zeichnet eine so große, unbeschnittene persönliche Freiheit aus, dass alles möglich scheint. Da wir diese Unendlichkeit der Möglichkeiten vollständig ausschöpfen wollen, wird eine immer wieder neu stattfindende Selbstverwirklichung zum Ziel all unserer Wünsche, Träume und Handlungen. Eine Einschränkung durch die Festlegung auf eine Möglichkeit, also einen Partner – aber auch einen Job, eine Stadt und einen Freundeskreis – scheint uns unerträglich. Infolgedessen geben wir uns mit immer weniger zufrieden, finden jederzeit einen Fehler an den Dingen und unserem Leben, schrauben die Ansprüche nach oben und sind niemals im Sein, sondern immer im Könnte-Sein. „Die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten ist also keine Welt, in der jeder alles erreichen kann. Sie ist vielmehr eine, in der jeder denken muss, dass er noch mehr erreichen könnte. Die ganze Last des Schicksals liegt auf den Schultern des Einzelnen, weil er nicht mehr weiß, nicht mehr wissen kann, wo die Grenze verläuft zwischen den Möglichkeiten, sein Leben (und Sterben) zu beeinflussen, und der Unmöglichkeit, dies zu tun.“

Der Rattenschwanz dieser Ohnmacht zieht sich durch unsere Gedanken, unser Verhalten und die Interaktion mit unserer Umwelt, in allen Bereichen – wir wollen nicht mehr und nicht weniger als alles. Jede Chance ist eine Chance, die es wahrzunehmen gilt und zwar sofort, auch (und vor allem) in der Liebe. „Die Freiheit, jemanden zu küssen, ist tatsächlich der Zwang, jemanden zu küssen. Die Menschen, die ihre Freiheit nutzen, müssen sie nutzen. Sie müssen trinken und müssen küssen. Die Geschwindigkeit der Menschen in der Freiheit ist die Geschwindigkeit des freien Falls. Die Menschen tun alles beim ersten Mal. Wie auch der Stein beim ersten Mal zu Boden fällt. Auch er kann nicht warten in der Luft.“ In Zeiten von Selbstoptimierung, Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken und Leistungsdenken wird jede Entscheidung für oder gegen einen Belang im Leben aber auch gleichzeitig zu einer aktiv getroffenen Wahl, die uns selbst anzulasten ist. Ein anhaftender Teil von uns und ein Indiz für unseren erlesenen (oder weniger erlesenen) Geschmack, für den wir uns vor anderen und vor uns selbst permanent rechtfertigen müssen.

Da die Liebe und Partnersuche genau das seit jeher nicht war – keine Frage von Rationalität und Kalkül, sondern von Impuls und Emotion – wirkt sich die unendliche Freiheit unserer Zeit genau dort am auffälligsten aus. „Sich zu verlieben war einst eine Hingabe an einen plötzlich Erscheinenden, eine höhere Kraft, Ausdruck einer schicksalhaften Begegnung, einer sogenannten Seelenverwandtschaft. Jetzt wird es zu einer Frage des Handelns, der Selbstbeherrschung.“ Und das kennen wir doch selbst: Noch bevor wir mit einem potenziellen Partner zusammenkommen, haben wir schon zig Male im Kopf überdacht, ob und aus welchen Gründen er oder sie zu uns passt – oder noch öfter: nicht zu uns passt. Für die Magie der Begegnung, des Kennenlernens und der Einzigartigkeit des Gegenübers sind wir nicht mehr empfänglich. Aus Vorherbestimmung und Schicksal wird Übereinstimmung und Match, am laufenden Band, Ende nicht in Sicht.

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„Früher wollten die Menschen sich mittels der Liebe eine Existenz schaffen. Die freien Menschen dagegen wollen sich mittels der Liebe entwickeln, sich selbst überschreiten. Sie verfolgen mit der Liebe ebenfalls den Zweck, doch dieser Zweck liegt nicht mehr in der Welt, sondern in ihrem Selbst, er ist ein unendlicher innerer Prozess, nichts, was in Objekten (einem Zuhause, einem Kind oder auch nur in den ideellen Objekten einer Zweisamkeit, einer Geborgenheit) zur Ruhe kommen könnte. Die freien Menschen denken sich das Glück als Entwicklung, nicht als Existenz. Sie denken es sich als sexuelle Ekstase und das Ekstase der Selbstüberschreitung, als Aus-sich-Heraustreten durch Lernen und Selbstverbesserung.“ Pointierte Aha-Momente wie diese bevölkern das Buch von der ersten bis zur letzten Seite und machen es zur Pflichtlektüre über unsere Generation und unsere Gefühle. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, denn jede Zusammenfassung bleibt doch hinter dem Tiefgang von Das Ende der Liebe zurück. Stattdessen sollte sich jeder dieses Buch einfach selbst besorgen und sich selbst wiedererkennen, schmunzeln und fluchen.

Nur noch ein letztes Wort vom Autor über das Buch: „Stets befürchte ich, dass ich nur die Wahrheit niedergeschrieben habe, wo ich Seufzer aufzuzeichnen wähnte.“ Amen.

In diesem Sinne: Wir sprechen hier selten Must-Read’s aus – aber dieses Buch ist mit absoluter Sicherheit eines.

Kategorie: Culture, Read

von

Lola Fröbe

Das Köpfchen voller Mode – und dennoch Köpfchen? Eine Selbstverständlichkeit für die Dame, die seit jeher einen Hang zur Polarität kultiviert. Girlpower und Understatement sind die partners in crime. Lola kann sich mit den aktuellen Ready-To-Wear-Kollektionen ihrer skandinavischen und französischen Idole genauso stundenlang zufrieden aufhalten wie im Buchladen um die Ecke. Das Fräulein liebt Kopenhagen und Kafka, hat eine Schwäche für Männermode und schmissige Musikhits, ist aber auch für Kunst und Kitsch zu haben.

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