Debate, Mind
Kommentare 1

Rassismus oder Dummheit | Mira Duma, H&M und die Macht von Sprache

Mira Duma_Header

Bilder: instagram.com/miraduma

2018 ist praktisch noch keinen Monat alt, da reiht sich im Netz schon eine Debatte an die nächste. Ruhm, Verachtung und Hass liegen dabei so nahe beieinander wie nirgendwo sonst. Das durfte dieser Tage auch die russische Influencerin, Style-Ikone und Geschäftsfrau Miroslava, kurz Mira, Duma am eigenen Leib erfahren. Eine unbedachte Instagram Story kostet die Geschäftsführerin von Büro 24/7 jetzt vielleicht sogar die Karriere. Alles übertrieben?

Man möchte doch eigentlich nur noch den Kopf schütteln und den gesunden Menschenverstand in Frage stellen. Kaum zwei Wochen ist es her, das H&M aufgrund eines Pullovers mit der Aufschrift „Coolest Monkey in the Jungle“ bis zum Hals im Shitstorm steckte, da schlägt Influencerin und Stil-Ikone Mira Duma exakt in die gleiche Kerbe. Ja, kann man denn wirklich so dämlich sein? Auslöser der jüngsten Netzdebatte war eine Instagram Story von Frau Duma, in der sie sich eigentlich für einen Strauß Rosen bedanken wollte, den Designerin Ulyana Sergeenko ihr zukommen ließ. Soweit so unbedeutend. Wäre da nicht die dazugehörige Note mit ins Bild drapiert gewesen, auf der gut lesbar für alle Folgendes geschrieben stand: „To my n****s in Paris.“

journelles-miroslava-duma-bryanboy

Bei dem im Bild ausgeblendeten Wort – in der ursprünglichen Nachricht übrigens vollständig ausgeschrieben –, welches ich an dieser Stelle mit Sternchen umschreibe, handelt es sich um das bereits viel thematisierte N-Wort, das einst für die Versklavung dunkelhäutiger Menschen stand. Es braucht kein dezidiertes Geschichtswissen, um zu erkennen, dass der Begriff bis heute aus gutem Grund ein daher äußerst kritischer ist. Bücher, Artikel und Filme zur Thematik gibt es zuhauf, unter anderem auch so eindrucksvolle Machwerke wie der Oscar prämierte Film „Twelve Years a Slave“ oder auch Tarantinos „Django Unchained“. Aber erst einmal zurück zum Thema.

Kaum, dass die Netzgemeinde auf Mira Dumas Post aufmerksam geworden war, da hagelte es auch schon Kritik. Die Gute bemühte sich derweil um Schadensbegrenzung und rechtfertigte den Inhalt der Notiz als Zitat eines Kanye West-Songs.

♥️🙏🏼

Ein Beitrag geteilt von Miroslava Duma (@miraduma) am

Auch Designerin Ulyana Sergeenko, deren Show beinahe zeitgleich im Rahmen der Paris Fashion Week stattfand, hatte alle Hände voll damit zu tun, eine Erklärung zu finden. Laut Twitter sollen einige Redakteure ihre Show sogar kurzfristig geskipt haben. Der Albtraum eines jeden Designers.

Sprache schafft Realität

Nun schützt Unwissenheit nun leider nicht vor Dummheit. So unbedacht das Ganze ursprünglich vielleicht gewesen sein mag, vor allem eines wird darin doch ganz besonders deutlich: die Problematik einer allumfassenden Ignoranz weißen Hegemoniedenkens. Wer hier Rassismus wittere, der sei im Grunde genommen selbst rassistisch. So die These einiger Kommentatoren, schon kürzlich im Rahmen der H&M-Debatte. Tja, wenn es nur so einfach wäre. Wer hier nämlich vornehmlich spricht, sind weiße Personen, die der westlichen Mittelschicht entstammen, ergo die Masse dessen, was wir unserem (hierzulande) gängigen Verständnis nach als Mainstream wahrnehmen. Und wer dieser Gruppe angehört, der muss sich erst einmal nicht zwangsläufig mit Themen wie Rassismus, Unterdrückung oder der Hinterfragung seiner eigenen Identität auseinandersetzen. Das stellt auch der britische Künstler Grayson Perry fest, dessen Buch „Descent of Men“ ich aktuell lese. Er beschäftigt sich darin mit der Konstitution von Männlichkeit und dem daran anknüpfenden Herrschaftsdenken. In einer Passage schreibt er: „When we talk of identity, we often think of groups such as black Muslim lesbians in wheelchairs. This is because identity only seems to become an issue when it is challenged or under threat. When our identity is working perfectly, we become unaware of it; when we are forced to become uncomfotably aware of our sex, race or class, it often signals bias in the system“. Anders gesprochen: Wir fangen erst dann damit an, gesellschaftliche Strukturen und vermeintlich repressive Mechanismen zu hinterfragen, wenn wir selbst betroffen scheinen. Die weiße Frau und der weiße Mann, um es einmal so plakativ auszudrücken, sind es nicht, die medial ausgeblendet bleiben, die in Horrorfilmen die Quotenperson spielen, deren Ableben spätestens zur Mitte der Handlung im Drehbuch steht oder die in westlichen Modemagazinen als eine Art Special Topic und Awareness-Faktor behandelt werden. Wer jetzt an ein Hirngespinst meinerseits glaubt, die Diskussion darüber lässt sich vielerorts verfolgen. Und sie ist längst überfällig. Mehr noch: Wie viel Kraft darin liegen kann, Missstände endlich offen auszusprechen, zeigte Ende 2017 eindrucksvoll die #metoo-Bewegung. Diesem wichtigen und mutigen Schritt ging allerdings ein langer Weg voran. Ein Weg, der für viele Frauen, die sich seit Jahrzehnten weigern zu schweigen, um die sie unterdrückenden Strukturen mitzutragen, einiges an Kraft gekostet hat. Ein Weg, der längst noch nicht zu Ende gegangen ist, wie auch die heftigen Reaktionen eines noch immer viel zu großen Gegenlagers zeigen. Dabei scheint die Grundaussage, so simpel wie richtig: nieder mit falschen Hierarchien, die nur aufgrund von Geschlecht und einer vermeintlichen Biologie greifen. Inklusion statt Exklusion. Nichts anderes manifestiert sich in der Forderung, die weiße Middle-Class möge in puncto Rassismus doch bitte endlich einmal aus ihrem gemütlichen Schneckenhaus herauskommen und einen Blick über den eigenen kulturellen Tellerrand wagen. Schauen wir uns nur einmal die vielen Fälle ungerechtfertigter Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA an. Angesichts dessen bleibt es doch sehr fraglich, inwieweit wir hier tatsächlich von Gleichberechtigung sprechen können. Zugegeben eine geladene Waffe am Kopf, ist auf physischer Ebene weitaus bedrohlicher als ein Wort in einem Brief, auf seelischer Ebene hat das Sprachliche aber mindestens genauso hohe Durchschlagskraft.

Aneignung und Umkodierung

So mancher mag vielleicht maulen, dass man sich allmählich an den Punkt bewege, an dem man ja gar nichts mehr sagen dürfe, weil mittlerweile alles auf die Goldwaage gelegt würde. Catherine Deneuve formulierte dazu infolge von #metoo sogar einen offenen Brief. Und ich gebe zu, auch ich habe mich zu Beginn des Jahres dabei ertappt, wie ich zunächst müde von al den langen Gesprächen und Streitereien gegen Ende des letzten Jahres, nicht gleich wieder mit lauter Stimme ins neue starten wollte. Für den Milliteil einer Sekunde dachte ich sogar „Jetzt kommt mal alle wieder runter“, und ich wäre am liebsten direkt wieder unter die Bettdecke gekrochen. Im nächsten Moment wollte ich mir angesichts dieses dummen Gedankens dann aber am liebsten auch schon wieder selbst eine Kopfnuss verpassen. Selbst wenn es „nur“ ein vermeintlich simpler Pullover ist, der die Gemüter erhitzt, sollten wir das trotzdem ernst nehmen. Dann haben wir, die wir gewissermaßen von außen auf das Thema schauen, noch lange kein Recht, über Relevanz zu urteilen. Und schon gar nicht dürfen wir das alles einfach ignorieren, nur weil es uns gerade zu unbequem erscheint. Die Welt befindet sich im Wandel. Mehr denn je, habe ich das Gefühl. Es ist etwas im Gange, etwas Großes vielleicht sogar. Meinungen werden radikaler, driften zunehmend mehr nach rechts wie links und auf Worte folgen immer häufiger auch Taten. Trotzdem bleibt Sprache nach wie vor eines der wichtigsten Mittel, um Gegebenheiten als solche zu manifestieren oder sie auszuhebeln. Durch Sprache manifestiert sich Macht, durch sie kann sie gebrochen werden. Daher ist die Aussage, man solle sich über einen lapidaren Schriftzug oder den Gebrauch eines einzelnen Wortes nicht gleich so aufregen, nicht nur eine ziemlich unbedachte Äußerung, sie ist vor allem auch radikal falsch und gefährlich. Dadurch werden hegemoniale Mechanismen, so falsch sie auch sein mögen, erst weitergetragen. Plädierte Gottfried Keller einst darauf, dass Kleider Leute machen, bin ich überzeugt davon, Sprache formt sie mindestens noch mehr. Sie konstituiert uns gesellschaftlich, verortet uns in Milieus und wir nutzen sie, um unsere innersten Gefühle zu vermitteln. Sprache ist Kommunikation, ist Austausch mit anderen, gleichermaßen aber auch Ausschluss, wenn ich es denn so will. Wenn also eine dunkelhäutige Person besagtes N-Wort benutzt, ist das auf Bedeutungsebene ein gewaltiger Unterschied gegenüber der gleichen Aussage aus dem Mund einer Person von weißer Hautfarbe. Hierbei geht es um Aneignung, um Umkodierung, darum etwas, das einen einst entwertete auf diese Weise zu verarbeiten und ein Stück weit hinter sich zu lassen. Nichts anderes versucht eine junge Bewegung von Feministinnen schon seit längerem auch mit Begrifflichkeiten wie „slut“ oder „bitch“. Aus ersterem ist sogar ein ganzer Walk entstanden.

Der Fall Mira Duma

Im Falle Mira Dumas hätte man grundsätzlich vielleicht noch ein Auge zudrücken können. So gut wie jeder kennt schließlich diese Fälle sprachlicher Unreflektiertheit, in die man manchmal tappt. Knifflig wurde es dann aber allerdings, als Brainboy – seinerseits Influencer mit millionenschwerer Followerschaft, ein Video aus dem Jahre 2012 aus der digitalen Rumpelkammer hervorzauberte. Dieses zeigte die Mira Duma, wie sie in einem öffentlichen Vortrag sowohl Brianboy als auch das Transgendermodel Andrej Pejic als „weird“ denunzierte und gleich noch hinterherschickte „thank God (that) there aren’t that many of them.“ Auf die Frage einer Zuhörerin, ob Genderrollen in der Mode zunehmend verwachsen, machte Duma den Sack schließlich endgültig zu als sie antwortete: „Honestly, I dislike that. Because somewhere, on TV or in a magazine, a little boy could see it and that boy wouldn’t understand it correctly, wouldn’t react correctly. And I think a certain kind of censorship and refined culture is needed here. (…)“

Von einem Ausrutscher kann da keine Rede mehr sein. Kein Wunder, dass der Hashtag #RacistMiraDuma im Netz bereits höchste Wellen schlägt und teils sogar zu einer Art digitaler Hexenjagd ausartet, wie auch Nike es in ihrem Artikel auf This is Jane Wayne beschreibt. Duma selbst scheint aus den Entschuldigungen kaum noch herauszukommen und so lautete es nach dem ersten Post in einem zweiten: “First things first, I am deeply ashamed by the comments I made in 2012. Frankly, I’m as shocked as anyone to be viewing that footage today, and to see for my own eyes how utterly offensive and hurtful my actions were back then. And when I consider that my comments were made in front of an audience of students, it makes them seem all the more insensitive and out of touch.“

So richtig glauben wollen ihr scheinbar aber nu die wenigstens. Das wäre wohl auch zu einfach. Ihre Karriere hat jedenfalls einen ordentlichen Knacks bekommen, wenn sie nicht vielleicht sogar schon halb am Ende ist. Der Onlineshop The Tot hat seine ehemalige Mitbegründerin bereits entlassen, die Kommentarfunktion bei Instagram hat sie selbst deaktiviert und öffentlich werden zunehmend Stimmen laut, der Dame auch ganz konsequent zu entfolgen. Auch mir dreht sich bei all dem der Magen um. Mein „Abonniert“ habe ich heute Morgen auf Instagram ebenfalls rückgängig gemacht. Doch ähnlich, wie die liebe Nike, möchte ich für die ganze Angelegenheit eine möglichst sachliche Auseinandersetzung fordern. Hashtag-Kampagnen und Shirts mit ironisch-wütenden Aufdrucken, wie sie Stylist Marc Goehring ins Netz stellte, drücken zwar den unmittelbaren Unmut aus und machen deutlich, dass es nicht OK ist, ein solches Verhalten in irgendeiner Weise noch länger zu tolerieren.

Bye Gurl @miraduma 🚫 Ein Beitrag geteilt von Marc Goehring (@marcgoehring) am

Wenn wir in den Themen Rassismus und Unterdrückung aber endlich vorankommen wollen, hilft es nichts, Hass mit Hass zu bekämpfen. Ein solches Vorgehen kann zwangsläufig nur in die Sackgasse führen. Höchste Zeit Diversität endlich in dem Maße anzuerkennen, wie sie es verdient hätte. Doch dazu müssen wir endlich lernen miteinander in Dialog zu treten. Nennt mich gutgläubig und naiv, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Und ehrlich gesagt, macht es mich allmählich müde, immer nur laut über andere hinwegzuschreien und dabei nichts anderes zu hören, als mein eigenes Echo.

Kategorie: Debate, Mind

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

1 Kommentare

  1. Danke für den differenzierten Artikel. Rassismus und Homophobie darf nicht ignoriert werden. Frau Duma befindet sich wahrscheinlich gerade in einer steilen Lernkurve nach oben…Echte Schönheit und wirklich guter Style bedeutet eben auch, Hirn und Herz zu haben.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *