Look, Outfits
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Outfit | Shadowplay

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Manchmal vergessen wir, dass sie noch existieren. Doch ja, es gibt sie noch – die Klassiker und Lieblinge, die uns schon lange auf unserem Weg begleiten. Wir streifen sie über und sie legen sich um uns wie der Arm eines treuen Freundes. Wenn wir sie bei uns haben, kann uns nichts passieren. Wir gegen den Rest der Welt. Natürlich reden wir hier immer noch über ein Kleidungsstück, ein materielles Dings, nicht mehr und nicht weniger als etwas Stoff, das unseren Körper verhüllt. Und doch ist da über die Jahre etwas Geschichte drin hängen geblieben. Bruchstücke von Erinnerungen, von der ersten Radtour an den See im Sommer, von dem magischen Glitzern des Sonnenaufgangs zu schwebenden Tönen zwischen dem Hier und Nirgendwo, von Begegnungen, die sich zu echten Freundschaften verdichtet haben.

Von diesen Geschichten und ganz bestimmten Lebensphasen erzählt nicht nur Kleidung, sondern auch Filme, Serien und die Bands, Alben und Songs, die uns damals berührt haben. Den einen wird Tocotronic’s „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ zutiefst aus der Seele gesprochen haben, die anderen werden mit „The O.C.“ oder „Garden State“ für immer ein explizites Gefühl einer lange vergangenen Zeit verbinden. Ein Gefühl, dass binnen weniger Augenblicke wieder erwacht, bei den ersten Takten einer Melodie, dem ersten Flimmern der Szenen, ja sogar bei ganz vertrauten Gerüchen oder Redensarten. Zack, schon baut sich vor uns ein völlig möbliertes Gedankenkonstrukt auf, in dem wir uns sicher fühlen, weil es so vertraut ist. Wir waren schließlich schon einmal hier, kennen es in- und auswendig.

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Ein bisschen so geht es mir, wenn ich diese hautfarbene Chiffonbluse von der Kleiderstange nehme. Wenn ich sie trage, spüre ich auf der Haut nicht nur den flüchtigen Stoff, der beinahe nicht da zu sein scheint, sondern auch alle Erinnerungen, die Kapitel eines Romans, durch welche mich diese Bluse hindurch begleitet hat. Ich sehe Gesichter, höre Namen und fühle Stimmungen. Diese Bluse ist eines der wenigen Stücke, die ich schon mein Eigen nenne, seitdem ich mit dem Bloggen begonnen habe – mehr als fünf Jahre schon. Wie sehr ich mich in diesen fünf Jahren verändert habe, und da spreche ich keineswegs von Äußerlichkeiten, erscheint mir manchmal wie die Binnenhandlung einer eigenen, mehrere hundert Seiten langen Novelle. Auch die Bluse trage ich heute anders als damals (damals tatsächlich gerne zu dem Noch-Mehr eines kurzen Chiffonrocks in Weinrot oder Schwarz, stets hochgeschlossen). Heute ebenfalls hochgeschlossen – aber anders, mit Rollkragen und zur derben Jeans. Die Zeit des Mädchen-Mädchens sind scheinbar vorbei, inzwischen mime ich viel geschickter den lässig-eleganten Tomboy. Nur ein Hauch Blumen sind noch geblieben.

Passenderweise spielt in diese Zeit vom Gestern auch das titelgebende „Shadowplay“ von Joy Division mit hinein, an das mich die Bilder durch ihr getupftes Lichtspiel erinnern. Sowohl Song als auch Band entdeckte ich für meine Verhältnisse relativ spät, nämlich erst zu Beginn meiner Zwanziger, und doch erwischten sie mich so nachhaltig, dass ich noch heute auf die ersten Klänge eine direkte Verbindung zu einer ganz und gar jugendlichen Gefühlswelt spüre. Vielleicht ist es gar die Gefühlswelt, welche die Band in „Disorder“ beschreibt – I’ve been waiting for a guide to come and take me by the hand. Could these sensations make me feel the pleasures of a normal man? New sensations bear the innocence, leave them for another day. I’ve got the spirit, lose the feeling, take the shock away. – und die uns nicht nur am Ende der Adoleszenz, sondern vor allem als junge Erwachsene immer und immer wieder einholt, wegspült und den Boden unter unseren Füßen wie Sand gleich mitreißt. Vielleicht ist es aber auch nur das kurze Aufflackern einer sorgfältig konservierten Flamme, die wir ganz nah am Pulsschlag der Gegenwart mit uns tragen.

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BluseAmerican Apparel (ähnliche hier, hier) | Rollkragenshirt – American Apparel (ähnliches hier) | Mom Jeans – Monki (ausverkauft, ähnliche hierhier) | Tuch – Ganni | Tasche – Rika (in Braun hier, ähnliche hier) | Schnürschuhe – COS (ähnliche hierhier) | KetteIn God We Trust

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Kategorie: Look, Outfits

von

Lola Fröbe

Das Köpfchen voller Mode – und dennoch Köpfchen? Eine Selbstverständlichkeit für die Dame, die seit jeher einen Hang zur Polarität kultiviert. Girlpower und Understatement sind die partners in crime. Lola kann sich mit den aktuellen Ready-To-Wear-Kollektionen ihrer skandinavischen und französischen Idole genauso stundenlang zufrieden aufhalten wie im Buchladen um die Ecke. Das Fräulein liebt Kopenhagen und Kafka, hat eine Schwäche für Männermode und schmissige Musikhits, ist aber auch für Kunst und Kitsch zu haben.

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