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Monday Muses | Lena Dunham und Jemima Kirke als Lonely Girls

Lena Dunham Jemima Kirke_Lonely Girls

Lena Dunham und Jemima Kirke machen ab sofort Werbung für Lingerie. Doch hier geht es nicht nur um den vermeintlichen Reiz, von Spitze und Co. Mit der Kampagne setzen sich die Freundinnen und Girls Co-Stars einmal mehr für die Emanzipation des weiblichen Körpers ein… und mindestens die Mainstream-Medien springen darauf an. Welch Ironie.

Ende der Woche fegte ein Sturm der Begeisterung durchs Netz. Der Grund so simpel, wie scheinbar leider auch besonders: Lena Dunham und Jemima Kirke präsentieren sich für die neuseeländische Brand Lonely in verführerischer Wäsche. Unretuschiert, ganz so, wie ihr Körper eben ist, mit allen Dellen und Unebenheiten. Und spätestens hier erklärt sich das obige „leider“. Nun scheint es erst einmal gar keine große Sache, wenn die beiden Schauspielerinnen sich derart entblättert zeigen. Schließlich haben wir die beiden auch in Girls schon mehr als einmal nackt gesehen. Warum also der Hype? Hier kommt die Wäschemarke Lonely selbst ins Spiel. Die schreibt sich nämlich schon seit Längerem auf die Fahne, Fotos gänzlich ohne Retusche und Photoshopexzesse zu publizieren, um so die Diversität des weiblichen Körpers zu betonen. Noch mal ganz langsam: Ein Lingerie-Label, das auf echte Frauen statt optisch getunter Femme Fatales setzt? Das schreit ja fast nach einem Skandal, aber mindestens nach einem WOW….! Aber Sarkasmus beiseite: Grundsätzlich ist so ein Ansatz natürlich eine gute Sache, vor allem, wenn ein Unternehmen die Idee konsequent durchzieht und nicht nur auf den einmaligen Marketing-Effekt setzt. Angesichts zunehmender Social-Media Hypes und Körper-Challenges kann diese Herangehensweise eigentlich gar nicht genug gelobt werden. Trotzdem ist es irgendwie auch ziemlich traurig, dass so etwas im Jahre 2016 überhaupt noch von Bedarf ist.

Noch immer regiert vor allem in den Medien das Bild der schlanken, hochgewachsenen Elfe, mit schmaler Taille, süßem Schmollmund und mindestens einem kleinen prallen Apfel-Po. Nur kommt dieses Ideal längst nicht mehr von „oben“. Der Schlankheitswahn ist inzwischen viel eher hausgemacht. Auf Instagram, Snapchat und Co. konkurrieren ganz normale Mädchen zuhauf um den begehrtesten Body. Fitnesswahn und Körper-Tuning-Apps erledigen den Rest. Wer noch immer glaubt, all die armen unschuldigen Mädels werden von oben manipuliert, der hat die letzten Jahre wohl so einiges nicht mitbekommen. Einzig in die Sache mit den Brüsten scheint mittlerweile etwas Bewegung gekommen zu sein. Denn während die Pop-Welt noch immer eher ein C-Körbchen als Ideal ansieht, giert in der Modebranche alles nach dem beinahe knabenhaften A-Cup. Der Rest allerdings bleibt statisch und bringt Jahr für Jahr ungemein viele Mädchen wie Frauen dazu, sich selbst in ihrer Haut unwohl zu fühlen. So richtig unwohl. Bodyshaming nennt sich das im Netz-Chargon und den gibt es längst nicht mehr nur noch bei kräftigen bis dicken Frauen. Inzwischen werden auch immer mehr schlanke Damen, die dem begehrten Ideal entsprechen, von anderen beschimpft, gemobbt und nicht selten als krank bezeichnet.  Neid ist hier der Stein, der alles ins Rollen bringt. Doch wozu das Ganze überhaupt? Warum werden Frauen so sehr vom Drang beherrscht, sich ständig mit anderen messen zu müssen? Warum ist der weibliche Körper noch immer so etwas wie ein öffentliches Allgemeingut und in seiner Physis nie gut genug? Und weshalb zum Teufel, sollte Frau weniger liebenswert sein, nur weil ihr BMI über 19 liegt?

Das Gegenteil von Schlank

Lena Dunham stellt sich seit jeher gegen all diese falschen Ideale. Dabei benutzt sie geschickt das Moment der Irritation, um unser Augenmerk auf den blinden Fleck in der eigenen Wahrnehmung zu deuten. Ihr Körper, dessen Maße so gar nicht medientauglich scheinen, bewegt sich selbstbewusst-entblößt vor der Kamera und bricht dadurch mit den vermeintlichen Konventionen einer herrschenden Medienästhetik. Die sich daran anschießende Debatte zeigt dabei auf zweierlei Weise, dass es bis zur tatsächlichen Befreiung von aufoktroyierten Körpermaßstäben noch ein weiter Weg ist. Während die einen das nämlich gar nicht sehen wollen und entsprechend lautstark kommentieren, feiern die anderen Dunhams Mut zur Offenherzigkeit, als rebellischen Akt gegen vorgefertigte Körpernormen – und pointieren damit gleichermaßen des Pudels Kern. Der korpulente Körper existiert in unserer Gesellschaft nämlich schlichtweg nur in Abhängigkeit zum schlanken Ideal. Er ist das Andere dessen, was wir als optisch „richtig“ empfinden. Und noch eine Sache sorgt bei genauerer Betrachtung für Verwunderung: Absurderweise loben meist genau jene Dunham am lautesten, die den Trend zu dünner Makellosigkeit sonst fördern. Schließlich ist Emanzipation inzwischen genauso angesagt, wie Feminismus selbst. Da sollte so ein wenig Solidarität mit dem Weiblichen ruhig mal drin sein. Verkauft sich schließlich gut, wenn man betont, wie böse Photoshop doch eigentlich für uns alle ist. So zwischen Diätipps und Promi-Körperbashing kommt das wirklich, wirklich gut.

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Aus diesem Grund hinterlässt die Lena-Jemima-Bilderflut am Ende wohl nicht nur bei mir einen faden Beigeschmack. Weder die Idee ist falsch, noch darf man Lonely einen Vorwurf machen, dass sie ihren Ansatz mithilfe prominenter Persönlichkeiten wie Jemima und Lena verbreiten wollen. Den positiven Effekt sollte man ganz im Gegenteil nicht unterschätzen – nicht nur im Hinblick auf die Verkaufszahlen. Doch sollten wohl mindestens so einige Medien angesichts ihrer Lobpreisung wohl einmal genauer darüber nachdenken, ob es mit einem kurzen Beitrag zum Thema schon getan ist? Solange das Daily Business sonst nämlich nur aus Elfen, Models und unerreichbaren Schönheiten besteht, bleibt jedes „Hurra“ auf die Unterschiedlichkeit des weiblichen Körpers nichts anderes als eine leere Plattitüde oder anders ausgedrückt: eine scheinheilige Verkaufsstrategie.

Kategorie: Mind, Think Aloud

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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