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Mode 3.0? // Auferstehung oder Untergang – Was kommt nach dem großen Hype?

Die Modewelt steht Kopf – und das nun schon seit einer ganzen Weile. Während dem einen Haus der Chefdesigner abhandenkommt, kündigt das andere grundlegende Umwälzungen an. Beim Dritten wiederum wird derzeit gemunkelt, was das Zeug hält. Egal, wie wir es drehen und wenden. Am Ende bleibt bei allen meist nur ein großes Fragezeichen. Fast scheint es, als befände sich die Branche in Katerstimmung. Ist uns allen etwa schwindelig geworden, weil das Modekarussell sich in den letzten Jahren viel zu schnell gedreht hat? Wird es womöglich Zeit einen Gang runterzuschalten oder sogar kurz einmal ganz anzuhalten, um anschließend den Rückwärtsgang einzulegen? Stehen wir etwa vor der nächsten großen Mode-Revolution?

Im vergangenen November brachte eine News die sonst so schöne Welt der Mode mit einem Schlag ziemlich ins Wanken. Raf Simons nahm seinen Hut und kehrte Dior den Rücken. Nach nur knapp dreieinhalb Jahren. Kurze Zeit zuvor hatte bereits Alexander Wang mit seinem Weggang von Balenciaga für Aufsehen gesorgt. In seinem Statement gab der Raf Simons an, dass diese Entscheidung ganz bei ihm gelegen habe. Er sei Dior sehr dankbar, für das Vertrauen, dass man ihm geschenkt habe, wolle sich aber von nun an ausschließlich auf sein eigenes Label und persönliche Dinge konzentrieren. Eine klare Ansage und trotzdem alles ziemlich vage. Seitdem gibt es immer wieder neue Vermutungen, warum die Liaison zwischen Simons und einem der renommiertesten Modehäuser unserer Zeit eine so kurzlebige war. Depression? Burnout? Hatte sich der zurückhaltende Raf Simons mit dem Versuch in solch gewichtige Fußstapfen zu treten, vielleicht doch zu viel aufgeladen? Oder war am Ende etwa der permanente Zwang der medialen Sichtbarkeit die Ursache für seinen Rückzug?

Raf Simons

Denkbar wäre es. Denn kaum hatten wir uns von der Schreckensnachricht erholt, da erhob auch schon der nächste große Name seine Hand, um uns ein letztes „Bye Bye“ zuzuwinken. Alber Elbaz, das war für viele längst ein Pseudonym für Lanvin – mehr wohl noch, eine untrennbare Symbiose, die spätestens seit der Designerkollektion für H&M auch dem Mainstream ein Begriff gewesen sein dürfte. Umso trauriger sein plötzlicher Abgang nach 14 Jahren als Creative Director bei dem französischen Traditionshaus. Doch soll es hinter verschlossenen Türen schon länger gebrodelt haben. Angeblich gab es zunehmend Auseinandersetzungen zwischen Elbaz und dem Vorstand von Lanvin. Auch hier sollen der Druck zur ständigen Neuerfindung des Labels und der Zwang permanenter Sichtbarkeit die Ursachen gewesen sein. Elbaz fand bei seiner Rede anlässlich der Night of Stars in New York wenige Tage nach seinem Abgang jedenfalls indirekte aber deutliche Worte, die bei allen Beteiligten wohl ein ziemlich fades Beigefühl hinterlassen haben dürften:

„Ich glaube jeder in der Mode braucht dieser Tage mehr Zeit. Wir Designer haben mal als Couturiers angefangen, mit Träumen, Werten und Gefühlen. Dann wurden wir Kreativ-Direktoren. Heute sind wir für das Image zuständig, dazu da, dass die Bilder gut aussehen. Die Regel lautet: The screen has to scream. Laut-Sein ist zum neuen Standard geworden […] Ich bevorzuge aber die leisen Töne. Das ist tiefsinniger und hält länger.“

Alber Elbaz

Und nun?

Damit wären wir wohl tatsächlich an einem ganz essentiellen Punkt der Sache angekommen. Denn das Gleichgewicht aus Zeit, Genie und Träumerei scheint zunehmend zu kippen. Sowohl Raf Simons, als auch Alber Elbaz gelten als eher scheue zurückhaltende Personen. Und schaut man sich andere Designer an, scheint dieser Charakterzug sie allesamt zu einen. Egal ob Christian Dior, Yves Saint Laurent oder Martin Margiela, das Rampenlicht scheuen sie eher, statt sich darin zu baden. Doch während letztere noch die Chance auf den persönlichen Rückzug hatten, weil Mode etwas Elitäres war, ohnehin nur einem kleinen Kreis vorbehalten, verlangt man den Couturiers heute ab, sich zu inszenieren wie die Kardashians. Das mag manchem tatsächlich in der Natur liegen, Karl Lagerfeld oder Marc Jacobs sind wahre Meister darin. Und spätestens seitdem Kanye West in der Modewelt mitmischen will, gibt es mindestens einen in der Branche, der die Selbstinszenierung in perfekter (selbstüberschätzter) Kür auf die Spitze treibt. Doch den anderen Designern, jene geistreichen Köpfe, die wir für ihre Kreationen so verehren, tun wir damit wohl definitiv nichts Gutes. Wir saugen sie aus, wie eine leere Safttüte, indem wir sie zwingen entgegen ihres eigentlichen Wesens zu handeln. Zerren sie vor die Kamera und stellen sie aus wie Zootiere. Und mehr noch: Wer seine Energie in die permanente mediale Sichtbarkeit steckt, dem bleibt selten noch die Zeit wirklich zu erschaffen. Aber wozu auch?! Schließlich ist doch dann längst nicht mehr der Zauber des Textilen relevant, sondern lediglich dessen planare Abbildung in den sozialen Medien – von der man verlangt, dass sie den nächsten großen Hype auslöst.

Dann wäre da noch der Faktor Zeit. Das ist nämlich tatsächlich etwas, was der Branche zunehmend abhandenkommt. Insgesamt präsentieren die großen Häuser mittlerweile jährlich zwischen sechs bis acht Kollektionen. Wann in diesem Schmelztigel aus präsentierten Trends und Stücken, was dann aber wann schließlich real an den Stangen hängt, da verlieren selbst gestandene Modefachleute inzwischen oft den Überblick darüber. Wo man früher maximal zwischen Herbst/Winter und Frühjahr/Sommer unterschied, besteht heute die Notwendigkeit der permanenten Neuerung. Kaum, dass ein Look den Laufsteg wieder verlassen hat, kursiert er bereits massenhaft im Netz – und seine omnipräsente visuelle Verfügbarkeit sorgt für die gnadenlose Abnutzung des Reizes. Das Textile wird zum bloßen Image, das den großen Modeketten nicht selten als Vorlage dient. Diese setzen ohnehin längst auf Fast Fashion, eine Pervertierung modischer Schöpfungskraft, deren Resultat nicht selten Kollektionen sind, die im Monatstakt wechseln.

Doch wo soll das hinführen? Glauben wir etwa wirklich, dass Kreativität und Genie sich zum Sklaven wirtschaftlicher Rentabilität machen lassen? Tillman Prüfer, seines Zeichens leitender Moderedakteur beim ZEITmagazin, vertrat dazu auf der letzten Mode & Stil Konferenz anlässlich der Berliner Fashion Week eine ganz klare Meinung: Wenn es fortan nur noch um Likes und Konsumierbarkeit gehe, laufe die Mode Gefahr sich selbst abzuschaffen. Wenn wir ihrer Entstehung eine immer schnellere Taktung aufzwingen, berauben wir sie letztlich ihres grundlegenden Charakters. Dann fehlt ihr die Zeit um sich mit den gesellschaftlichen Symptomatiken ihrer Gegenwart auseinanderzusetzen und diese Phänomene sichtbar zu machen. Vielmehr bleibt ihr dann nichts anderes übrig, als bereits Existierendes wieder und wieder zu reproduzieren – bis sich schließlich beliebig wird.

Neue Wege?

Burberry

Kürzlich brachten wieder neue News das Netz beinahe zum Zusammenbruch – und nein, es war nicht Kim Kardashians Hintern. Niemand Geringeres als Burberry, das britische Traditionshaus schlechthin verkündete grundlegende Umwälzungen für die Präsentation seiner nächsten Kollektion. Statt wie gewohnt die Stücke jeweils in einem halben Jahr Vorlauf zu zeigen, soll ihre Präsentation nun genau in der Saison stattfinden, in der sie auch erhältlich sein werden. „Shop the Runway“, sozusagen und die wohl größtmögliche Demokratisierung der Mode. Vorbei die Zeiten, in denen Redakteure und Einkäufer jene auserwählten waren, die bereits lange vor dem Konsumenten wussten, was uns in der kommenden Saison erwartet. Spätestens seit auch die digitale Welt zunehmend Einzug in die Fashionwelt gehalten hat, ließ sich das ohnehin nicht mehr konsequent durchsetzen. Und als Antwort sollen nun die Konsumenten einfach von Anfang an den gleichen Status wie das Fachpublikum erhalten? Ob diese Formel aufgeht? Ich bin mir da längst nicht sicher! Schließlich laufen Designer und Modehäuser mit diesem System doch jede Show aufs Neue Gefahr, sich finanziell zu übernehmen. Wer garantiert denn, dass die Kollektion, die zum Zeitpunkt der Präsentation längst in einer bestimmten Marge auch produziert sein muss, sich wirklich so erfolgreich verkauft, wie angenommen? Wo bleibt die Filterfunktion, um aus all dem Sammelsurium aus textilen Stücken noch einen roten Trendfaden für die kommende Saison zu legen? Was passiert mit den Redakteuren und Einkäufer, die bisher doch stets als Gatekeeper fungiert haben? Werden sie in dem ganzen Konstrukt etwa überflüssig oder etwa nur noch schönes Beiwerk, dass zum eigenen Überleben bald genauso unter Druck gerät, sich selbst medial erfolgreich zu inszenieren? Erste Anfänge dessen zeichnen sich ja schon längst ab. All das sorgt zumindest bei mir für ein unwohles Ziehen in der Magengegend. Die breite Masse dagegen feiert die Tatsache, von nun an direkt dabei sein zu können im Modetrubel – der Traumfabrik der Fashionfans. Längst hat auch Tom Ford verkündet, das Burberry-Modell für sich aufzugreifen. Kurzerhand wurde sogar die Show auf der New York Fashion Week gecancelt.

Am Ende bleibt die Frage, wo das alles hingeht. Schafft es die Branche sich mit dieser Entwicklung am eigenen Schopf aus dem Sumpf herauszuziehen oder manövriert sie sich durch das heftige Strampeln am Ende nur noch tiefer hinein? Und wie steht es um die Gerüchte, dass Phoebe Philo nach der nächsten Saison Céline den Rücken kehre wolle? Bleibt es bei dem Dementi? Wir werden es sehen! Fakt ist: die Modewelt steht vor einem radikalen Umbruch. Die Branche, wie wir sie bisher kannten, steht vor der Entscheidung, ob sie sich dem Zwang immer rasanterer Kommunikation unterwerfen will oder all dem Trubel den Rücken kehrt und sich im Kreise eines kleinen, auserwählten Publikums wieder in ihre Ateliers zurückzieht. Fast wäre es ihr zu wünschen. Denn kein Livestream der Welt, wird je den Zauber des Textilen bis ins kleinste Detail einfangen können und zeitlicher Druck schluckt am Ende jede Aura. Und so klingt es fast absurd, dass ausgerechnet ein mediales Abziehbild, wie Kanye West, es sich bei der New Yorker Fashionweek herausnimmt, Zeit für sich und seine Kollektion zu beanspruchen. Während andere die Models in Windeseile über den Laufsteg jagen, verharren sie bei ihm in völliger Stille und Unbeweglichkeit. Sodass es am Ende tatsächlich fast so scheint, als stehe die Modewelt endlich wieder einmal für einen Augenblick lang still.

Inspirational #yeezy

Ein von @goharutyunyan gepostetes Foto am

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