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Mixtape | Nichts als zu viel Augenblick

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Von einem Extrem ins nächste: Sprachen wir gestern noch darüber, dass wir alle wie gehetzte weiße Kaninchen durch den Alltag hopsen, die Devices mit unseren To-Do’s immer auf Anschlag – genau da tauche ich wieder auf der Bildfläche auf, kehre zurück von eineinhalb Wochen verordneter Ruhe und Nichtstun. Unmittelbar vor dieser Periode lag ich auf einem königsblauen Zahnarztstuhl, zwei Weisheitszähne wurden knackend entfernt und sorgten im Anschluss dafür, dass ich weder feste Nahrung zu mir nehmen, noch irgendetwas anderes Sinnvolles machen konnte. Abgesehen von den pochenden Schmerzen und dem Kühlpad, das scheinbar samt rechter Hand an meiner Wange verwachsen war, sorgte die merklich nährstoffarme, breiige Ernährung für ein Energielevel im Bereich 0,1. So außer Gefecht gesetzt, blieben mir nur noch die seichtesten der seichten Filme auf Netflix; ein Buch oder eine Zeitung waren mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Eichhörnchens undenkbar.

Abgesehen von den anspruchslosen Liebesfilmen war da noch etwas, das sich bald vor alles schob und mit dem ich beim besten Willen nicht umgehen konnte: Langeweile. Ein klaffendes Loch voll Zeit, für meine Generation so ungewohnt wie abnormal, sodass es nur noch Ohnmacht bedeutet; und dessen spitze Kanten man bald mit nichts mehr auswattieren kann, denn auch Netflix ist endlich. Muße kann wunderbar sein, wenn wir sie annehmen. Wenn wir stattdessen gar keine Ruhe wollen, ist sie zäh und bitter. Letztlich wissen wir doch alle, dass wir eigentlich keine Ruhe haben wollen, weil wir verlernt haben, mit ihr und ihrer großen Schwester, der Langeweile, umzugehen. Sie wirft uns zurück auf uns selbst – und wir selbst sind uns schon lange nicht mehr genug. Wenn wir zu viel Zeit haben, wollen wir sie um jeden Preis loswerden. Das ist auch die Krux an dem wertvollsten Gut der Gegenwart: Wir sprechen ständig davon, dass wir zu wenig Zeit haben. Wenn dann aber genug da ist, reagieren wir ganz schnell allergisch darauf.

Die nicht ganz so einfache Lösung: leere Zeit aushalten. Je länger ich dem Nichts ausgesetzt war, desto besser vertrugen wir beide uns. Bald zählte ich nicht mehr die Stunden, bis meine Mitbewohnerin nach Hause kehrte oder etwas anderes passierte, sondern lernte die Langeweile zu schätzen. Laptop, Smartphone, Social Web und sogar Netflix schob ich bewusst beiseite und begnügte mich mit (seichten) Büchern, Hörbüchern, Magazinen und bald auch wieder der Zeitung. Ich schätze meine Zeit wert und bekam diese Wertschätzung wieder zurück: Denn neu entdeckte, aber auch alte Lieblingsmusik hört sich so viel besser und reiner an, wenn wir uns ganz und gar auf sie und den Augenblick konzentrieren.


The Last Shadow Puppets – Aviation


Grand Prix – Tandem Mortem I & II


Trümmer – Grüße aus der Interzone


Art Brut – Emily Kane


Abra – Roses


Kali Uchis – Rush


Me Succeeds – It Grows


Jessie Ware – 110%


Bat For Lashes – In God’s House

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