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Mixtape | Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren

Es ist doch so: Manchmal denkt man, und manchmal denkt man mehr. Manchmal ist da nur Harmonie, Gelassenheit, vielleicht auch nur bloße Hinnahme, Stillschweigen über das Dasein, während man sich routinemäßig von Tag zu Tag hangelt; zeitweilig als Balanceakt, aber ohne darüber viele Worte oder Gedanken zu verlieren. Das mag wie Apathie klingen, aber manchmal hilft uns das dabei, ohne größere Verwirrungen und Blessuren durch den Alltag zu kommen. Bisweilen kommt es aber vor, dass eine kleinere oder größere Erschütterung anklopft, ein Satz, eine Beobachtung, ein Gedankenspiel, ein Buch, ein Gespräch, Emotion. In den vergangenen Wochen war es irgendwie eine Mischung aus allem, das sich nicht nur über meinen Alltag legte, sondern nach einem Seitenblick, recht, links, vorn, hinten – überall irritiertes Stutzen, Empörung, Wut, große Gesten.

Es geht um die Geschichten, Zwischenfälle, Begegnungen in einer Gegenwart, die niemals freier, niemals unverbindlicher, niemals schneller, entblößter und selbstverliebter war als heute. Eine Zeit, die uns die größtmögliche Freiheit verspricht. Eine Freiheit, die wir nicht abschlagen können, die so allgegenwärtig und groß ist, dass uns die Antwort vorweggenommen wird. Wir können nicht „Nein“ zur Freiheit sagen, wir haben keine Wahl, sind stumme Opfer des Plurals der Möglichkeiten, die in der Unendlichkeit enden, ja wir denken stets im Plural der Möglichkeiten, der Unendlichkeit, und legen uns nie (vollkommen) auf eine Möglichkeit fest. Wir denken im Konjunktiv, der Möglichkeitsform, im Könnte-Sein; der Indikativ ist uns zu begrenzt, wir möchten uns von der Ist-Form losmachen, das Könnte wird zum Sollte. Nichts ist von diesem Sollte ausgenommen, es setzt ein Ausrufezeichen, das zur Perfektion auffordert, hinter unseren Beruf, unsere Stadt, Freunde, Familie, unseren Körper und hinter die Liebe. Die Kehrseite dessen ist die ewige Suche, das Sich-Nicht-Zufrieden-Geben, die Unfähigkeit zur Befriedigung, das Übergehen von Menschen und von Glück zugunsten unserer Selbst. Wir haben verlernt, Berufen, Städten und Freunden eine Chance zu geben, verlernt zu verweilen, sondern hüpfen im Trippelschritt weiter voran, denn hinter der nächsten Ecke wartet womöglich noch so viel mehr. Wir können uns nicht mehr auf eine Sache einlassen, alles um uns herum für diese eine Sache ausschalten, zeigen kein Interesse mehr an den Dingen, brennen nicht mehr für etwas, verzeihen nichts und niemandem mehr, am wenigsten uns selbst, jede noch so kleine Imperfektion an den Dingen ist uns ein Dorn im Auge und die willkommene Ausrede, uns direkt wieder zu lösen, noch bevor wir an etwas haften konnten.

Tatsächlich habe ich in den vergangenen Wochen viel darüber nachgedacht, über die Umstände, unter denen wir leben, habe mit einigen Menschen gesprochen und je älter der Abend wurde, desto lauter wurden wir. Ich habe mich gefragt, ob diese und jene Unzufriedenheit gerechtfertigt ist, ob ich sie rechtfertigen muss, und welche Konsequenzen ich daraus ziehen sollte. Was das alles für mich bedeutet, das kann ich inzwischen Punkt für Punkt zu einem Umriss verdichten. Was das alles für uns alle und die Zukunft bedeutet, das möchte ich mir allerdings nur im flackernden, so sicheren Kerzenschein einer Kneipe zusammen mit einer Handvoll Freunde ausmalen.


El Perro Del Mar – Walk On By


Underworld – I Exhale


Warpaint – Ashes To Ashes


Cigarettes After Sex – Nothing’s Gonna Hurt You Baby


Best Coast – Boyfriend


Isolation Berlin – Fahr Weg


The National – Anyone’s Ghost


Beach House – Somewhere Tonight


Andrew Bird – Imitosis


Arcade Fire – Afterlife


Jeff Buckley – I Know It’s Over


Die Goldenen Zitronen – If I Were A Sneaker


Palais Schaumburg – Deutschland kommt gebräunt zurück


First Hate – Funny Urge

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