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Mixtape | Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein

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Seit kurzem höre ich wieder Tocotronic. Das Bewusstwerden dieses Umstands ging ganz organisch mit der Beobachtung einher, dass es vorher eine Zeit gegeben haben musste, in der ich Tocotronic nicht – oder viel richtiger: nicht mehr – gehört habe. Überrascht von dieser Tatsache habe ich mir dennoch nichts dabei gedacht, denn ich tue so viele Dinge bewusst oder unbewusst nicht, ohne einen größeren Sinn dahinter zu vermuten, dass sich das durchaus auch auf “Zuletzt gehörte Künstler” auf Spotify auswirken kann. Hört man Tocotronic nach einer längeren Pause erneut, und das vielleicht auch in einer Situation, in der man sich wahlweise vierteilen oder doch zumindest den Beistand einer vierköpfigen Band vertragen kann, entfalten sich die poetischen Bestandsaufnahmen Dirk von Lowtzows und Kombo weit magischer als für gewöhnlich, weil eben nicht mehr gewohnt. Kaum habe ich die erste Verzückung der neuerlichen Identifizierung mit und Umarmung durch die Songs abgeschüttelt, ist es auf einmal ganz klar. Und zwar, wie viel Sinn gerade derzeit Tocotronic und im speziellen “Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein” für mich höchstselbst ergibt.

Dazu sei gesagt, dass ich in dem Abschnitt meiner Adoleszenz, in der man für gewöhnlich derartige Differenzen mit seiner Umgebung intellektuell verwaltet, nie Kontakt mit der Band hatte. Deutsche Musik steckte in der Schublade “doof” und die Hamburger Schule war mir als Begriff sicher untergekommen, doch sicher nicht als musikalisches Genre. Nun, ein gutes Jahrzehnt später, möchte ich lauthals mitsingen, oder doch nur halbschüchtern im Takt mitnicken, und finde, dass die Gitarren genauso schrammelig und wütend gehören wie in “Drüben auf dem Hügel” oder “Freiburg”. Den Grund dafür kann ich mir nur derart erklären, dass das Desillusionierte in den Gitarren eine Art Ungleichgewicht kompensieren soll. Das Zuwenig an Authentizität, Empathie, guten Energien (oder auch “Vibes”, wie man inzwischen sagt) sowie das Zuviel an Zuviel. Die Welt, in der ich mich derzeit bewege, hat das Existentielle verloren, und ich bin es, die ständig ausbalanciert. Nur fühlt sich das manchmal nicht wie Ballett an – so wie früher – sondern ich fühle mich mitunter vielmehr wie Atlas mit einem vollständigen Himmelsgewölbe auf den Schultern. Und genau deswegen möchte ich aktuell am liebsten Teil einer Jugendbewegung sein. Und höre weiter Tocotronic.

In diesem Sinne: Wenn schon keine vierköpfige Band, dann doch zumindest eine vierköpfige Gang.


Tocotronic – Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein


GURR – No New Friends


Tame Impala – Forty One Mosquitoes Flying In


Warpaint – Whiteout


SALES – Big Sis


Exit Someone – Fade 2 Black


Solange feat. Sampha – Don’t Touch My Hair


Dan Croll – From Nowhere


Unknown Mortal Orchestra – Multi-Love


Bon Iver – 33 “GOD”


Benjamine Clementine – I Won’t Complain


The Beatles – A Day In The Life


The Beatles – Strawberry Fields


Weyes Blood – Generation Why


Stabil Elite – Mellow


Tocotronic – Gegen den Strich

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