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Mixtape | Forget It’s A Dream

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Die Sonne scheint, wie so selten am Wochenende, und ich renne mit einer Freundin durch Berlin-Mitte. Genauer gesagt rennt sie gesichthoch ihrem Handy nach, die Linienstraße entlang, und ich hüpfe ihr hinterher. Uns ist warm und ob das wirklich nur am Wetter liegt, können wir gar nicht sagen, denn wir sind auf Pokémon-Jagd und zumindest eine von uns beiden nimmt die Sache ziemlich ernst. Seit einer guten Woche verschwimmen die reale und digitale Welt zu einem Spielbrett und man möchte ein „endlich“ hinzufügen, doch besser so etwas wie ein „und erhebt haufenweise persönlicher Metadaten“ meinen. Doch diesen Gedanken muss ich jäh beiseite schieben, schließlich müssen wir – viel wichtiger – nach neuen Pokébällen Ausschau halten. Da erscheint ein Bild von einer Graffiti-Banane auf dem Display (als Spot, wo man eben jene rot-weißen Bälle erhält) und mir fällt noch ein, dass ich diese heute schon einmal gesehen habe. Als ich zwei Sekunden später wirklich wieder vor der Banane stehe, frage ich mich, wie das um Himmels Willen sein kann, die Graffiti-Banane dort an der Wand und in diesem Spiel, tief im Smartphone drinnen. Und dann denke ich langsam, aber logisch „Ach ja, Augmented Reality“ und anschließend ziemlich betroffen „völlig Banane“. Tatsächlich kursieren noch weitaus überraschendere Nachrichten über Pokémon Go, doch sicherlich die bemerkenswerteste ist, dass das Spiel vergangene Woche „Porno“ als meistgesuchten Begriff bei Google verdrängt hat. Die Ähnlichkeit der beiden Worte mit P und O sei nur sachte angeschnitten, so wie man auf der Straße Gesprächsfetzen und unvollständige Sätze einzusammeln pflegt, zum Beispiel während der Suche nach Pikachu oder Rattfratz.

Auch am Abend ist das Spiel Gesprächsgegenstand und jeder gibt zu, der oder die Beste sein zu wollen. Wir sitzen auf dem Asphalt vor einer Bar, in der sehr gute Bands auftreten, die sehr guten 80’s Synth New Wave Pop spielen, weil man das in Neukölln so hört im Jahr 2016, und wir nehmen noch einen Schluck von unserem Späti-Getränk. Glücklicherweise summieren sich der hip-rustikale Ort und die fortgeschrittene Zeit zu einer Art Supernova der Coolness auf und verbieten jegliche kausal hype-getriebene Interaktion mit dem Handy (abgesehen von Tinder natürlich). Ausschließlich aus diesem Grund sind Gespräche überhaupt möglich.

Nur die Beats der Musik klingen nach elektronischen Lo-Fi-Geräuschen, so wie sich das gehört, und ein bisschen hört sich das an wie in einem surrealen Traum. Ein Traum, das ist „eine Folge von Bildern und Vorstellungen, die im Schlaf auftreten und an die man sich am Morgen manchmal noch erinnern kann“. So wie dieser Tage Meldungen auf unseren Bildschirmen aufploppen und wir manchmal nicht wissen, ob das gerade wirklich passiert oder wir doch nur träumen. Die Welt wandelt sich in an so vielen Orten in einen bösen Traum – NATO vs. Russland, Aleppo, Nizza, Baton Rouge, die Türkei und Würzburg sind nur die allerjüngsten, menschengemachten Vorkommnisse. Wir haben das Gefühl, etwas schwelt, ganz global und makrokosmisch gesehen, und schnell werden unsere kleinen Sensationen und Erschütterungen des Alltags unerträglich unwichtig.

Trotzdem laufe ich zwei Tage darauf ausgesprochen schneidig auf dem Laufband in der Gym, beobachte schwitzende Individuen, die ihren Sport ebenfalls sehr wichtig nehmen, ist ja schließlich reale Bewegung und nicht Augmented Reality. Menschen mit Wirbelsäulen biegen sich zum Pilates. Dann bleibt mein Blick aber doch wieder an etwas Digitalem hängen, oder zumindest Analogem, denn die Dame vor mit auf dem stationären Rennrad hat auf ihrem TV-Bildschirm eine Dokumentation auf Phoenix eingeschaltet. Und obwohl es nicht meiner, sondern ihr Bildschirm ist, schaue ich von ihr gesehen rücklings mit, ohne Ton, dafür mit 80’s Synth New Wave Pop auf den Ohren. Dort in dem kleinen Rechteck laufen Lamas in den verschiedensten Farben und mit kleinen und großen Schleifen im Fell von links nach rechts, ihre Hälse wackeln nur so in der Steppe; und die Bildunterschrift sagt „In schlechteren Zeiten“ und friert sich damit in mein Gedächtnis ein. Solange es noch bunte Lamas gibt, die in der Welt von links nach rechts laufen, kann es dann überhaupt so etwas wie „In schlechteren Zeiten“ geben? Kann es dann überhaupt irgendetwas „Schlechtes“ geben? Und ich möchte ein „Nein“ meinen, aber doch besser ein „Ich wünschte, aber blicken wir der Wahrheit ins Gesicht“ hinzufügen.

In diesem Sinne: Happy 80’s Synth New Wave Pop!


GENTS – Bonny


First Hate – White Heron


Communions – Forget It’s A Dream


VENN – Supernature


Promise Keeper – Porous Silk


Kelela – Rewind


Ice Age – Morals


Adam Green – Superstar Blues


GENTS – Young Again

Kategorie: Culture, Listen

von

Lola Fröbe

Das Köpfchen voller Mode – und dennoch Köpfchen? Eine Selbstverständlichkeit für die Dame, die seit jeher einen Hang zur Polarität kultiviert. Girlpower und Understatement sind die partners in crime. Lola kann sich mit den aktuellen Ready-To-Wear-Kollektionen ihrer skandinavischen und französischen Idole genauso stundenlang zufrieden aufhalten wie im Buchladen um die Ecke. Das Fräulein liebt Kopenhagen und Kafka, hat eine Schwäche für Männermode und schmissige Musikhits, ist aber auch für Kunst und Kitsch zu haben.

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