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Mixtape | Das weiße Kaninchen und die Zeit

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Lange gab es hier auf habits keine Musik mehr. Gerne würden wir euch dafür eine adäquate Erklärung liefern, die Wahrheit ist aber leider so einfach wie simpel: Wir haben es zeitlich einfach nicht gepackt. Zu viel Arbeit auf dem Tisch, noch mehr Termine im Kalender. Dazwischen Freunde, Leben und der Wunsch nach Ruhe und Schlaf. Letzteres kam und kommt ohnehin meist viel zu kurz. Wie oft ich vor Müdigkeit in den letzten Wochen und Tagen meine Nacht unfreiwillig auf dem Sofa verbracht habe, mag ich schon gar nicht mehr zählen. Nur woran liegt es bloß, dass Zeit zu etwas geworden ist, von dem wir mittlerweile immer weniger zu haben scheinen. Haben wir wirklich mehr zu tun? Oder haben wir einfach nur verlernt damit ordentlich zu haushalten?

Kürzlich laß ich bei Fräulein ein Zitat von Marina Abramovic, in dessen Kern durchaus eine ganze Menge Wahrheit steckt: „Unser größtes Problem ist die Technologie. Sie wurde erfunden, um uns zeit zu ersparen. In Wahrheit aber kostet sie uns Lebenszeit. Sie hat die menschliche Interaktion aus unserem Leben verdrängt.“ In der Bürowelt ist man sich schon länger einig, dass E-mails Fluch und Segen zugleich sind. Wo früher oft ein kurzes Telefonat ausreichte, um alle wichtigen Punkte eines Themas zu besprechen, wandern heute nicht selten 10-15 Textnachrichten hin und her, die ebenso viel Potenzial für Missverständnisse bieten, wie sie anonymes Palaver bleiben. Mit Kommunikation hat das ganze Einhacken auf die Tastatur am Ende nicht mehr all zu viel zu tun. Hinter dem Bildschirm bleiben wir alle gesichtslose, auf sich allein gestellte Neutrums. So ganz ohne Bedeutung, um an dieser Stelle Tocotronic einmal vice versa zu zitieren. Wir können mit jemandem 100 Emails schreiben, auf der Straße würden wir ihn in den meisten Fällen trotzdem nicht erkennen, weil wir sein oder ihr Gesicht eben noch nie gesehen haben und auch sonst keine physischen Merkmale der Person kennen. Das ist traurig. Und auch das hat irgendwie mit unserem Gefühl für Zeit zu tun. Denn ohne zwischenmenschliche Interaktion, ohne den Austausch mit anderen fehlen uns am Ende des Tages relevante Markierungspunkte für die Erinnerung. Wer permanent vom Laptop auf das Smartphone starrt und wieder zurück und abends vielleicht noch den Fernseher dazunimmt, ehe er sich schließlich müde und abgespannt ins Bett schafft, dem bleibt im Kopf nicht viel mehr hängen als ein undurchsichtiger Einheitsbrei. Dann ist es auch egal, ob wir 10 oder 20 Stunden wach waren.

Ein anderes Beispiel: Gestern Abend. Ich sitze mit Freunden in einer ziemlich witzigen Spelunke. Zum Beweis folgt das obligatorische Gruppenselfie, schließlich muss die Ironie des Abends ja mit der Welt geteilt werden. Und schwupps herrscht fünf Minuten lang sillstes Schweigen am Tisch. Alle Blicke sind in die Smartphones gerichtet, wo für Instagram, Snapshot und Co. bearbeitet, gefiltert, getextet und gehashtagt wird. Wir müssten das nicht tun. Und die, die jetzt denken selbst Schuld, da brauch man sich im Nachhinein auch nicht zu beschweren, die haben völlig Recht. Trotzdem ist in manchen Branchen die digitale Präsenz nicht ganz unerheblich. Damit hängt sozusagen der eigene Marktwert zusammen. Es werden Auren gebaut, Lebenszeichen gegeben und bewiesen, dass man trotz Arbeit eben auch noch ein Leben hat. Yeah, sind wir alle ´slammin! Manchmal ekelt mich das selbst an. Abschalten kann aber auch ich es nicht komplett. Worauf ich hinaus will. Wenn man all diese vielen kleinen Male, in denen man sich seinen bunt-falckernden Apps widmet, zusammennimmt, kommt schnell ein ziemlich dicker Batzen verlorener Zeit heraus. Die nicht nur auf Kosten von uns selbst geht, sondern vor all auch auf Kosten unserer Freunde.

Wird es also Zeit, Smartphones, Laptops, Tablets und Co. in die Tonne zu treten und stattdessen konsequent zu den rudimentären Basics zurückzukehren? Schaukelstuhl und Wein auf der Veranda, statt Hipsterbar und Selfiedruck? Eigentlich ja. In der Realität dürften einen so radikalen Schritt wahrscheinlich aber nur die wenigsten schaffen – mich eingeschlossen. Wir müssen dem Problem also irgendwie anders zu Leibe rücken. Es muss darum gehen, Zeit wieder als etwas für uns Relevantes ins Gedächtnis zu rufen. Sich bewusst zu machen, dass unser Dasein endlich ist und nach Ablauf der Sanduhr es keinen Neustart-Knopf gibt, wie beim Handy oder PC. Das nächste Mal, wenn das Handy an einem lustig-geselligen Abend klingelt tutet oder vibriert, sollten wir es vielleicht nur dazu in die Hand nehmen, um es bloß ein wenig tiefer in die Tasche zu schieben. Gleiches gilt für E-Mails und andere Direct Messages. Irgendwann haben wir Feierabend und darauf bestehen wir ab sofort. Punkt. Sofern wir kein Arzt in Bereitschaft sind, wird mit ziemlicher Sicherheit niemand sterben, wenn die Überarbeitung des unheimlich wichtigen Media-Konzepts erst um 9 Uhr morgens im Postfach liegt, statt schon um 1 Uhr nachts. Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel, auch wenn er da schon wieder anklopft, der faule Kompromiss.

Auf einen Versuch kommt es trotzdem an. Füße hochlegen, alle Fünfe gerade sein lassen und einmal ganz genau aufs innere Bauchgefühl zu hören. Das hat nämlich meistens Recht. Nur ignorieren wir es meistens ebenso, wie die liebe Zeit. In diesem Sinne: Happy Weekend!

Okta Logue – Diamonds and Despair


Zoot Woman – Living in a magazine


NEWMEN – The Return of the Reel


Warpaint – New Song


Lara Snow – Sometimes it´s enough


DENA – Trust


The Kills – Impossible Tracks


MO – Final Song


Yumi Zouma – Keep it Close to me

Kategorie: News

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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