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La La Land | Streben nach dem großen Traum, oder: Glück gibt´s nur portionsweise.

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La La Land ist der Erfolgsfilm des Jahres. Doch warum eigentlich? Seit wann lockt ein Musical so viele Menschen ins Kino? Laura hat sich den Blockbuster endlich angesehen und erkannt, dass selbst der sonst so distanzierte Analytiker manchmal die Flucht vor der Realität braucht. Trotzdem kommt selbst das Glück 2017 nur noch gut verdaulich, homöopathischen Dosen.

Als ich mich vergangenen Dienstag aufmachte Richtung Kino, war ich anfangs noch skeptisch. Auf dem Plan stand La La Land, den ich wahrscheinlich als einer der letzten Popkultur affinen Menschen auf dem Planeten noch immer nicht gesehen hatte. Viel Zwiespältiges war mir ich in den letzten Tagen und Wochen über den Film berichtet. Von „grandios“ bis „überbewertet“ war im Urteil meiner Mitmenschen praktisch alles dabei. Dazu spülte eine riesige Werbemaschinerie die knallbunten Bilder des vermeintlichen Hollywood-Märchens regelmäßig auf die Bildschirme und damit in unsere Köpfe. Nicht zuletzt das bedingte wohl auch den ungeahnten Erfolg des Musicalfilms sowie dessen zahlreiche Golden Globe- und Oscar-Nominierungen.

Die Geschichte an sich ist verhältnismäßig schnell erzählt: Mia, gespielt von Emma Stone, und Sebastian, gespielt von Ryan Gosling, suchen jeder für sich ihr Glück in Hollywood. Die eine träumt davon, eine große Schauspielerin zu werden und tingelt eher mäßig erfolgreich von einem Casting zum nächsten. Bisher hat sie es aber maximal in eines der Cafés auf dem Warner-Gelände geschafft, wo sie kellnert. Immerhin liegt auf der gegenüberliegenden Straßenseite das berühmte Fenster aus Casablanca. Man darf also wenigstens weiterträumen. Sebastian dagegen lebt für den Jazz. Sein Traum von einer eigenen Bar platzte nachdem er von einem vermeintlichen Investor über den Tisch gezogen wurde. Seitdem spielt er, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, mehr gelangweilt-gezwungen als motiviert in verschiedenen Restaurants am Klavier, wo er mit dem Besitzer vor allem deshalb in Konflikt kommt, weil er dessen Playlist nicht spielen will. Außerdem lungert er wie ein geprellter Liebhaber vor einem ehemals berühmten Jazzclub herum, in der Hoffnung irgendwann hier seinen eigenen Laden zu eröffnen. Leider ist der inzwischen aber auch nur noch eine Salsa-Tappas-Bar. Trotzdem kommt abseits dieses geschichtsträchtigen Etablissements für ihn nichts in Frage.

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Diese Charaktere, die beide irgendwie nicht so recht wissen, wohin eigentlich mit sich, begegnen sich zum ersten Mal ausgerechnet an jenem Abend in jener Bar, in der Sebastian spielt, als dieser gefeuert wird. Draußen ist es Winter, was aber weniger das Wetter in L. A. erahnen lässt, als vielmehr, die entsprechende Einblendung. Während Mia sofort von Sebastian gepackt ist, blendet dieser sie kategorisch aus. Das ändert sich, als sie sich im nächsten Frühjahr auf einer Party abermals begegnen. Mit einem Mal ist es Mia, die den Ton angibt und Sebastian ziemlich von sich einnimmt. Was folgt ist die Entstehung einer wunderbaren Liebesgeschichte, die nicht nur die beiden zum Schmachten bringt, sondern mit ihnen auch den gesamten Kinosaal. Wie ein Uhrwerk greifen diese beiden Verlorenen ineinander, motivieren sich gegenseitig und pushen sich, ihre Träume unter allen Umständen weiterzuverfolgen. Und damit wären wir schließlich auch beim Knackpunkt der Geschichte. Denn wie so oft im Leben, verschieben sich auch bei diesen beiden mit zunehmender Routine die Prioritäten. Nachdem die erste Verliebtheit verfolgen ist, sind es vor allem wieder ihre persönlichen Träume, die den größten Platz in Kopf und Herz einnehmen. Kann Liebe unter diesen Bedingungen überhaupt funktionieren? Bleibt bei all der unerfüllten Sehnsucht überhaupt noch Platz für einen anderen Menschen? Oder muss man am Ende vielleicht die eine Sache opfern, um die andere zu verwirklichen? Mit diesen Fragen setzt sich La La Land auseinander. Aber das erfährt man erst, wenn man denn auch tatsächlich den Film sieht. Der Trailer erzählt da eine ganz andere Geschichte.

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Wie schon gesagt, während ich im Kinositz Platz nahm, war ich also skeptisch. Auch, weil Musicals nicht unbedingt zu jenen Genres zählen, denen ich etwas abgewinnen kann. Schon als Kind störten mich der viele Sing-Sang in Disneyfilmen, weil die Handlung dadurch unnötig in die Länge gezogen wurde, ohne wirklich etwas zur Lösung beizutragen. Ja, ich war eventuell schon damals ein ziemlich klugscheißerisches Kind, das nicht so leicht mit Effekthascherei zufriedenzustellen war. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls beschloss ich der Sache mit dem Musical noch einmal eine Chance zu geben. Und siehe da, kaum flimmerte das Opening „Another Day of Sun“ über die Leinwand war es um mich geschehen. So schnell hatte sich meine Stimmung noch nie von kränkelnd-genervt zu völlig glückselig gewandelt. Ich war baff und wollte bitte nie wieder etwas anderes sehen. Ein Wunder? Eher weniger. Vielmehr hat Regisseur Damien Chazelle ein geschicktes Paket geschnürt, das selbst Skeptiker wie mich unweigerlich packen muss.

Da wären zum einen die Hauptdarsteller. Über die Wirkung von Ryan Gosling, auf all jene, die sich dem Männlichen zugewandt fühlen, brauchen wir an dieser Stelle wohl nicht zu sprechen. Übrigens kann ich just in diesem Moment förmlich hören, wie mein eigener Herzmann entnervt mit den Augen rollt. Aber auch Emma Stone übt nicht nur auf mich persönlich einen unweigerlichen Reiz aus. Lange haben wir keine Hollywood-Schauspielerin mehr erlebt, die so nonchalant und entspannt rüberkommt wie diese Frau und stünde ich auf Frauen, ich fände Em wohl ziemlich scharf. Zusammen scheinen die beiden ein unschlagbares Duo. Hier stimmt vor allem auch die Harmonie.

Zum anderen begeistert der Film durch eine farbenfrohe Ästhetik, die in bester Wes Anderson-Manier daherkommt. Pastellfarben, Signalfarben, Primärfarben: alles kombiniert, gleichzeitig und nebeneinander. Die Set Designer haben ganz Arbeit geleistet und dafür ja auch verdient den Oscar erhalten. Das alles verleiht La La Land nicht nur einen ganz besonderen Zauber, sondern auch jenen Touch, den ich an dieser Stelle heruntergebrochen als universellen Hipster-Magneten bezeichnen möchte. Denn trotz der starken Buntheit und fröhlichen Atmosphäre, wirkt alles genauestens durchdacht und bis zur Perfektion konzipiert. Nichts ist willkürlich und schon gar nicht naiv. Da geht jedem Ästhetiknarr das Herz auf.

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Doch all das bringt schlussendlich nichts, wenn die Geschichte dahinter nicht stimmt. Und die wäre Erfolgsfaktor Nummer drei. Eine Geschichte, die zwar als Romanze beworben wird, bei der es am Ende aber vor allem um die Suche nach dem eigenen Platz im Leben geht. Davon fühlt sich im Jahre 2017 doch irgendwie jeder angesprochen. Vor allem aber jene, die selbst in irgend einer Kreativbranche oder als Künstler tätig sind und jeden Tag aufs Neue versuchen, den Fesseln bürgerlichen Daseins zu entkommen. In La La Land sehen wir unsere eigene Geschichte, wir kennen den Kampf dahinter und auch den Preis, den man dafür manchmal zahlen muss. So ist La La Land schließlich nichts anderes, als die geschönte Version der eigenen Misere. Mit einem Mal scheint das eigene Dilemma so viel bunter und leichter, als es das im Alltag ist. Vielmehr noch: Selbst wir verkopften Analytiker des Popkulturellen lehnen uns endlich wieder einmal zurück und lassen uns in die Handlung hineinsaugen. Statt distanzierte Betrachtung, geht es hier für eine kurze Zeit endlich einmal wieder rein um das affirmative Erlebnis. Das fühlt sich an, wie Urlaub von einem selbst, von all dem Chaos, das aktuell da draußen auf uns wartet. Trotzdem ahnen wir bereits, dass 2017 auch auf der Leinwand das Happy End kein Vollkommenes mehr sein kann. Es geht um entweder oder, um ex oder hop. Alles bekommen wir eben auch im Märchen nicht. Das klingt bitter, stimmt uns aber versöhnlich und beruhigt. Es zeigt uns, dass selbst unsere Helden am Ende nicht ohne Schrammen davonkommen. Wenn Glück tatsächlich bedingungslos greifbar wäre, unsere Existenz geriete aus den Fugen, wir würden daran vielleicht sogar zugrunde gehen. Für uns, muss es ein zeitlich beschränktes Konstrukt bleiben, damit wir weiter träumen können.

LA LA LAND (2016) Emma Stone as Mia

Und so scheint es letzten Endes fast logisch, dass jene, die sonst nach Musicals gieren und es, wie beispielsweise mein bester Freund beherrschen, den Kopf auszuschalten, um sich unabhängig von Genre und Prestige den cineastischen Vergnügungen hinzugeben, das Kino dieses Mal eher enttäuscht verlassen. Sie kann La La Land nicht packen, weil sie dem Zweifel am Schönen nichts abgewinnen können und das auch gar nicht wollen. Was sie vom Kino möchten, ist das sowohl als auch – vor allem wenn wir uns in einem kunterbunten Genre wie dem Musical bewegen. Doch La La Land ist ein Film für die Skeptiker unter uns, für jene, die nach der kurzen Wohlfühlauszeit wieder in das Chaos der Realität zurückkehren wollen – auch weil sie das vielleicht müssen. Wie gut das mit vergnüglich-exzentrischem Sing-Sang einhergeht, ich hätte es nicht gedacht. Und vor allem hätte ich niemals erwartet, dass ich mit dem Streifen seit Langem endlich wieder einen Film gefunden habe, der mich so sehr packt, dass ich ihn am liebsten direkt noch mal sehen möchte. Zumindest der Soundtrack läuft derzeit permanent im Hintergrund – erst Recht beim Schreiben dieses Textes.

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von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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