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INTERVIEW |NEWMEN zur neuen EP FOND ON POND – “Uns reizt die Idee, uns auch einmal nonverbal zu artikulieren”

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NEWMEN gehören schon seit einer ganzen Weile zu unseren musikalischen Lieblingen und das völlig unabhängig von etwaigen persönlichen Zwischenmenschlichkeiten, die da so herrschen mögen. Seit heute ist mit “FOND ON POND” die brandneue EP unserer Frankfurter Lieblinge erhältlich – natürlich sowohl in digitaler Form als auch in Vinyl-Variante. Wir haben die Band kurzerhand zum Stelldichein gebeten und sie einmal genauer befragt, zur neuen Platte, dem Musikmachen im Allgemeinen und dazu, was wir in nächster noch so alles von den fünf erwarten dürfen.

FOND ON POND ist nach Rush Hush und Quick Millions eure dritte große Veröffentlichung. Was erwartet uns auf dieser EP und inwieweit unterscheidet sie sich von den anderen beiden Platten?

,Fond on Pond‘ war zunächst nicht als EP geplant. Wir haben bereits ein komplettes neues Album aufgenommen, das im Frühsommer 2017 auch erscheinen wird. Irgendwann haben wir festgestellt, dass es Sinn machen würde, einige Songs aus dieser Session im Rahmen einer EP zu vereinen. Daraus entstand dann die Idee zu ,Fond on Pond‘. Im Unterschied zu unseren vorangegangen Veröffentlichungen kann man sagen, dass ,Fond on Pond‘ um einiges luftiger und leichter klingt. Wir haben uns in der Klanggestaltung im Gegensatz zu unserer letzten EP noch weiter reduziert und versucht unsere Vorstellung von Sound mit noch weniger Mitteln umzusetzen.

Die Aufnahmen habt ihr in einer Finka in Spanien gemacht. Wie hat das den Sound der Platte beeinflusst?

Natürlich haben die Aufnahmen in Spanien unsere neuen Songs beeinflusst. Nicht nur, dass man sich von morgens bis abends ausschließlich mit der eigenen Musik befasst, auch die Tatsache, dass wir das Meer, einen eigenen Pool und alles andere, was zum schönen Leben gehört, direkt vor Ort hatten, lässt die Stücke im Gegensatz zu vorangegangenen Releases leichter klingen. Das Ganze ist uns aber eigentlich auch erst später aufgefallen, der Einfluss des Ortes war unbewusst, dafür aber wohl umso intensiver. Es ist nun mal ein Unterschied, ob man im verregnetem Deutschland in einem Kellerstudio sitzt, oder in Spanien einfach einmal kurz die Gitarre beiseitelegen kann, um sich im Pool zu erfrischen. Für jeden “Start-upper” wahrscheinlich so etwas wie der wahr gewordene feuchte Traum.

Auf der neuen EP brecht ihr deutlich mit den gewohnten Hörkonventionen, wenig Vocals, dafür ein deutlicherer Fokus auf dem Sound/dem Akustischen selbst. Das hat sich auch schon bei früheren Arbeiten angedeutet. Was ist die Idee dahinter?

Richtig. Schon auf unseren früheren Veröffentlichungen haben wir immer mindestens ein Instrumentalstück. Und einige der Songs mit Vocals sind ganz bewusst auch mit längeren Instrumentalpassagen versehen. Wir alle haben eine Vorliebe für instrumentale, sequenzbasierte und monotone Musik, sei es Steve Reich oder Kraftwerk. Uns reizt die Idee, nicht immer alles durch Sprache auf den Punkt zu bringen, sondern auch einmal nonverbal zu artikulieren. Instrumentalmusiken tendieren dazu, beim Hören einen Zustand des „Nicht-Denkens“ entstehen zu lassen. Einen kontemplativer Zustand, den wir jedenfalls temporär als absolut wünschenswert erachten.

Und wie entstehen eure Songs? Geht ihr da eher konzeptionell oder ganz intuitiv heran?

Das ist unterschiedlich. Einige Songs sind bereits in ihrer Entstehung konzeptionell angelegt, andere entstehen ganz intuitiv aus irgendeiner Stimmung heraus. Wenn wir irgendwann einige Songs zusammenhaben, merken wir meistens recht schnell, wo hin es gehen soll, und versuchen sowohl in der Klanggestaltung als auch im Thema einen Bogen zu spannen.

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(Cover design by Anna Nero)

Stichwort Nonkonformismus: Gesellschafts- und Kapitalismuskritik ist ein wichtiges Element eures Denken und Handelns – und natürlich eurer Musik. Das merkt man auch dem neuen Clip zu Camping Goods an. Könnt ihr uns das noch ein wenig näher erläutern? Und was denkt ihr grundsätzlich über das omnipräsente Credo von Arbeit als Ersatzreligion?

Beim Clip zu „Camping Goods“ haben wir uns von der Idee der Entropie, konkret von einem Essay des amerikanischen Land-Art Künstlers Robert Smithson inspirieren lassen. Uns reizte die Vorstellung, dass jemand an einem (Nicht-)Ort voll von Müll und Schutt auf Entdeckungsreise geht. Jeder will heute ein Entdecker sein, jeder Urlaub muss zum Abenteuer werden und am Ende soll man doch bitte an Weisheit reicher sein und die eigene Selbstoptimierung vorangetrieben haben. Diesem Drang und Zwang wollten wir mit ,Fond on Pond‘, wie auch mit dem Musikvideo einen Spiegel vorhalten. Wir haben also eine Art Anti-Sightseeing von “Unsehenswürdigkeiten” provoziert und mit den plakativsten, teils beklopptesten Parolen der Tourismusindustrie kombiniert, die wir im Internet finden konnten. Und natürlich halten wir wenig bis gar nichts von den Paradigmen der neoliberalen Arbeitswelt gar nichts. Gerade hier wird ja die Aufweichung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, wie wir es bei den Aufnahmen gemacht haben, als Lösung, als Ausweg propagiert.

Insgesamt geht es uns darum eine Lust zu wecken, Dinge zu hinterfragen, zu entdecken und zu entschlüsseln. Auch deshalb die Doppeldeutigkeit zwischen Bild und Text bzw. Bild, Text und Ton. Mit unserer Musik wollen wir eher einen Raum zu schaffen, in den man nicht nur mal reinschaut, und dann hat man schon alles kapiert.

Auch herrschende Geschlechterklischees werden von euch immer wieder in Frage gestellt. Im neuen Clip setzt ihr bewusst auf einen sehr androgynen Mann. Aber auch in eurem Namen schwingt das schon mit. Wie kam der Name zustande? Eine Frage, die euch sicher ständig um die Ohren gehauen wird.

In der zeitgenössischen Pop- und Rockmusik nimmt der heterosexuelle, weiße Mann leider noch immer die größte Sprecherrolle ein. Jedenfalls oft dann, wenn es angeblich ernster wird. Was auch immer das heißen soll… Der Bandname ist trotz bzw. aufgrund seiner Einfachheit für uns mit vielen Bedeutungen verknüpft. Zum einen reflektiert der Name die Männerbünde, die seit jeher für sich in Anspruch nehmen, das “Neue” in der Kunst zu begründen. Das ist eine fragwürdige Tendenz, die die Jahrhunderte bis dato überdauert hat. Zum anderen hinterfragt der Name neben Männlichkeitsimperativen in der Musik, die wir natürlich ablehnen, auch die Konstruktion des Neuen. Was soll in der Postmoderne bitte noch Neu(!) sein? Auch wenn die meisten noch die Idee der Innovation für sich in Anspruch nehmen möchten, ist der Begriff des Neuen leer uns hohl, existiert im besten Fall nur noch als Bezeichnung für die Re-Kombination des Vorhandenen und im schlechtesten Fall als Kaufanreiz in einer Zeit, in der es noch Neues zu konsumieren aber nicht mehr zu leben gibt. Weitere Bedeutungen unseres Namens können in dem Buch nachgelesen werden, das wir nächstes Jahr unter folgendem Titel publizieren werden: Idiosynkrasie und Idiotie. Der Bandname als Diskursfeld (Beck Verlag, 1.300 Seiten, 5,50 EUR).

Ihr macht inzwischen seit 2012 zusammen Musik. Eine lange Zeit, an der manch andere Band schon gescheitert ist. Wie geht man damit um und was hält das Kreative am Leben?

Wir haben einfach weiterhin Lust, die Musik zu machen, die wir gerne selbst hören möchten. Diese Lust hat sich bis jetzt zum Glück noch nicht gelegt. Solange das so ist, wird auch unsere Kreativität nicht schwinden. Wobei wir den Begriff Kreativität, wie man schon merkt, viel lieber mit „Lust“ beschreiben. „Kreativität“ ist auch so ein Begriff, der heute viel zu sehr von der falschen Seite besetzt wird. Stichwort: Selbstoptimierung.

Seit Mitte des Jahres seid ihr bei ferryhouse gesigned. Was dürfen wir erwarten und wie wichtig war dieser Schritt für euch persönlich? 

Wir sind natürlich überglücklich, bei ferryhouse in Hamburg gelandet zu sein. Das ist ein größeres Independent-Label, das natürlich Ressourcen hat und uns Möglichkeiten gibt, die wir so nicht hätten. Gleichzeitig haben die Leute da voll kapiert, um was es uns bei NEWMEN geht, und wir sind weit davon entfernt, uns dafür verbiegen zu müssen.

Eure persönlichen Highlights in diesem Jahr?

Wir waren im Frühjahr diesen Jahres mit dem Goethe-Institut in der Republik Moldau und haben dort auf einem Festival gespielt. Das waren drei unglaublich schöne Tage. „Chisinau“ die Hauptstadt, in der wir gespielt haben, ist definitiv eine Reise wert und ein absoluter Geheimtipp.

Ein Wunsch für 2017?

Bis jetzt war jedes neue Jahr ein Schritt nach vorne für uns. Wenn das 2017 so weiter geht, ist schon alles gut.

Wenn ihr es euch aussuchen könntet, wo und mit wem würdet ihr am liebsten mal zusammenspielen, völlig unabhängig, ob der Künstler noch lebt oder nicht.

Auch wenn es musikalisch überhaupt nicht passt, kann es im Moment nur einer sein. Bob Dylan. Aber auch mit Kraftwerk oder Michael Rother wäre es toll. Blondie oder Brian Ferry wäre auch klasse.

Und wo können wir NEWMEN demnächst live erleben?

Wir spielen Mitte Dezember ein paar Konzerte mit der kanadischen Band „HIGHS“. Berlin, Hamburg, Köln und natürlich in Frankfurt. Vorher sind wir noch für ein Konzert in Mannheim. Nächstes Jahr sind wir dann auch wieder ausgiebiger unterwegs.

FOND ON POND ist ab sofort digital und als Vinyl auf allen bekannten Plattformen oder beim Händler des Vertrauens erhältlich. Alle Tourdaten sowie regelmäßige News über die Band findet ihr auf Facebook

Kategorie: Culture, Listen, Talk

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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