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Interview mit Mirna Funk | „Es ist wichtig, die Schönheit von Widersprüchen zu erkennen“.

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Mit ihrem Debütroman „Winternähe“ ist Mirna Funk aktuell in aller Munde. Wir haben die Deutsch-Jüdin im Rahmen der Buchmesse zum Interview getroffen und uns mit ihr über ihre Wurzeln, ihr Leben in Berlin und die Vorurteile unterhalten, mit denen sie sich manchmal konfrontiert sieht.

Liebe Mirna, erst einmal Glückwunsch zum ersten Roman, der wirklich großartig geworden ist! Wie war es denn schließlich das fertige Exemplar in den Händen zu halten?

Mirna: Also das Verrückte ist – zumindest ging es mir so – wenn es dann tatsächlich soweit ist, ist das alles gar nicht mehr so faszinierend, wie man anfangs selbst noch erwartet hätte. Ich erinnere mich daran, dass bevor ich im November 2014 den Vertrag mit dem Fischer Verlag unterschrieben hatte, ich dachte: „Stell dir vor, du findest einen Verlag. Wäre es nicht total verrückt, wenn dein Buch tatsächlich gedruckt werden würde?“ In dem Moment findest du das alles noch ziemlich unvorstellbar. Als es dann aber wirklich soweit war und ich das fertige Buch in den Händen gehalten habe, bin ich doch relativ professionell an die Sache herangegangen und habe vor allem daran gedacht, was im nächsten Schritt alles zu erledigen ist. Ich finde es wichtig, in solchen Dingen ruhig zu bleiben und die Balance zu behalten. Man kann einfach nicht wissen, welchen Weg das Ganze nehmen wird. Deshalb versuche ich die Veröffentlichung sozusagen ein bisschen wie einen normalen Job zu sehen.

Hast du denn aber damit gerechnet, dass das Buch solche Wellen schlagen würde?

Mirna (lacht): Ich finde ja eigentlich gar nicht, dass das Buch solche Wellen geschlagen hat. Mir kommt es gar nicht so vor.

Tatsächlich? Ich persönlich kannte deinen Namen schon vorher von deinen vielen tollen Artikeln. Dann erschien das Buch und auf einmal ploppte dein Name überall auf. Vielleicht ist es schwer, das zu realisieren, wenn man selbst mitten im Geschehen steckt?

Mirna (überlegt): Ja, irgendwie gab es tatsächlich viele Reaktionen auf mein Buch – auch wenn es sich irgendwie gar nicht so anfühlt. Ich weiß auch nicht, vielleicht ist das meinem Pragmatismus geschuldet, dass ich das alles gar nicht so sehr wahrnehme.

Ich kenne das auch. Man beendet eine Sache und denkt, eigentlich sollte ich jetzt mal zur Ruhe kommen. Trotzdem sitzt man schon kurz danach wieder an etwas Neuem.

Mirna: Ganz genau. Seit Februar arbeite ich an meinem zweiten Roman. Außerdem habe ich einen Teilzeitjob angenommen, bei dem ich drei Tage die Woche das Magazin “Lucile” für das Schlaf-Label muun aufbaue. Ich gehe auch nach der Buchmesse ganz normal am Dienstag wieder ins Büro. Das mache ich jetzt seit September und es wirklich toll! Es tut mir einfach gut, wenn ich mich nicht nur auf eine einzelne Sache konzentriere, sondern unterschiedliche Dinge habe. Das nimmt den Druck raus.

Mir geht es da ähnlich, wie dir. Der Wechsel zwischen verschiedenen Tätigkeiten kann aber natürlich auch sehr anstrengend sein. Gab es irgendwann einmal den Punkt, an dem du dachtest: Jetzt brauche ich aber doch mal Ruhe?

Mirna: Ja, auf jeden Fall. Nachdem ich den Roman Ende Dezember beendet hatte und auch das Lektorat weitgehend abgeschlossen war, habe ich wirklich einfach mal zwei Monate Ruhe gebraucht. Ich war sehr viel Zuhause und habe die meiste Zeit fast apathisch im Bett verbracht. Irgendwie musste ich erst einmal realisieren, was eigentlich in den vorangegangenen Monaten passiert war und ich musste mich vor allem auch von dem Roman und den Figuren lösen. Auch das Schreiben habe ich schmerzlich vermisst. Es war also wirklich an der Zeit neue Kraft zu schöpfen und jetzt habe ich sozusagen meine innere Balance wiedergefunden. Zur Buchmesse bin ich auf keine einzige Party gegangen, sondern um 22:00 Uhr ins Bett. Es ist wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen. Dafür habe ich aber zum Glück tatsächlich ein ganz gutes Gefühl.

Dein Roman weist auch autobiographische Züge auf. Da stellt sich natürlich die Frage: Wie viel von Lola steckt in Mirna und wie viel von Mirna in Lola? Gab es Momente, in denen es für dich schwer wurde die Grenze zwischen dir und deiner Hauptfigur zu ziehen?

Mirna: Nein, das hatte ich gar nicht. Ich wusste, ich wollte bestimmte autobiographische Aspekte einbringen. Es sollte am Ende aber vor allem eine fiktive Geschichte sein. Lolas Familie ist ebenso konstruiert, wie die Liebesgeschichte zu Shlomo. Weder für ihn, noch für Lolas Großeltern gibt es reale Vorbilder. Ich selbst komme aus einer völlig anderen Familienkonstellation. Für mich war es vor allem wichtig, aus meiner persönlichen Erfahrung zu schöpfen und diese Figur, die ich kreieren wollte, dadurch noch authentischer zu machen. Grundsätzlich sind Lola und ich sehr unterschiedlich und ich habe mich immer mehr als jemanden gesehen, der die Geschichte der Figuren erzählt.

Die Handlung baut auf drei großen Bausteinen auf: Da wäre zum einen das Thema des modernen Antisemitismus, mit dem Lola sich in Berlin konfrontiert sieht, zum anderen der Krieg in Israel und seine Auswirkungen auf die Persönlichkeit der Mensch und zum dritten Lolas Thailand-Reise verbunden mit der Suche nach der eigenen Identität. Wie bist du dabei beim Schreiben verfahren?

Mirna: Ich habe alle drei Teile sehr isoliert geschrieben. Der Berlinteil ist in einer einsamen Hütte in Österreich entstanden, die einem Freund gehört. Dort habe ich knapp drei Wochen verbracht. Auch der Part in Thailand ist zurückgezogen auf einer Insel entstanden. Die meiste Zeit des Schreibprozesses über war ich tatsächlich fast ausschließlich von den Figuren umgeben und habe selten reale Menschen getroffen oder mit ihnen gesprochen. In Tel Aviv, wo der mittlere Teil des Buchs entstanden ist, habe ich den ersten Monat zur Recherche genutzt, mich viel mit Einheimischen unterhalten, die Stadt erkundet und Informationen gesammelt. Nach dieser Research-Phase, habe ich dann aber auch tatsächlich wieder völlig isoliert geschrieben.

Wie wichtig war es, dass der dritte Teil in einer Sphäre spielt, die mit ihrer omnipräsenten Ruhe so deutlich in Kontrast zu Berlin und Tel Aviv steht? War Bangkok sozusagen der einzig logische Ort, damit Lola zu sich selbst finden konnte?

Mirna: Der Roman war von Anfang auf drei Teile angelegt. Welche Entwicklung die Handlung dann aber in Thailand tatsächlich nehmen würde, war zunächst noch nicht klar. Ich hatte den Roman vorab strukturiert und eine erste Idee im Kopf, was in jedem Kapitel passieren muss, um den roten Faden nicht zu verlieren. Was mit den einzelnen Protagonisten aber im Detail passieren und wie sie sich entwickeln würden, da habe ich mir und ihnen immer Spielraum gelassen. Irgendwann hat sich der Prozess dann auch verselbstständigt und sich beinahe automatisch weiterentwickelt. Es gab mit einem Mal so ein intuitives Moment, das ich grundsätzlich auch habe einfließen lassen. Demnach war nicht von Anfang an klar, dass Lola in Thailand zur Ruhe finden würde. Aber die Figur wollte genau diese Entwicklung nehmen.

War es schwer für dich den Punkt zu finden, an dem die Geschichte abschließt oder lief die Handlung automatisch darauf zu? Musstest du dich selbst bremsen, um die Geschichte nicht ausufern zu lassen?

Mirna (überlegt kurz): Nein. Ich kann prinzipiell gut abschließen, was bestimmt eine Charakterfrage ist. Damit geht jeder Autor sicherlich unterschiedlich um. Ich hatte mir von Anfang an eine Idee für das Ende zurecht gelegt und es sollte vor allem auch immer ein offenes Ende sein. Nur, weil ich die Figuren verlasse, sind sie ja nicht tot. Ihre Geschichte geht ohne mich weiter und ich wollte, dass auch die Leser sich fragen, was passiert jetzt eigentlich mit den vielen Handlungssträngen, die noch nicht zu Ende erzählt sind? Die Geschichte geht sozusagen außerhalb meiner Erzählperspektive weiter.

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Du bist, wie deine Hauptfigur, Deutsch-Jüdin, deren jüdische Wurzeln auf der väterlichen Seite liegen. Das führt zum einen dazu, dass du von manchen Ausprägungen des Judentums gar nicht als Jüdin angesehen wirst. Fühlst du dich manchmal in deiner eigenen Identität in Frage gestellt, auch von Menschen, die dir eigentlich nahe stehen?

Mirna: In Israel kommt es tatsächlich sehr stark auf die religiöse Ausprägung deines Gegenübers an. Für die meisten Israelis und säkularisierten Juden spielt es überhaupt keine Rolle, ob nun meine Mutter oder mein Vater jüdisch ist. Bei ihnen bin ich ganz klar als Jüdin akzeptiert. Sobald der Glauben aber in die orthodoxe Richtung geht, bin ich nach halachischem Recht keine Jüdin. Juristisch ist es wiederum so, dass ich jederzeit israelische Staatsbürgerin werden kann, wofür ich inzwischen auch endlich das Go habe. Ich kann jetzt jederzeit Alija machen, kann dort aber prinzipiell nicht heiraten, weil das orthodoxe Rabbanut noch immer die Hoheit hat. Generell sehe ich mich in Israel aber eher selten mit Problemen konfrontiert, weil ich Vater-Jüdin bin. Es gibt dort, wie ich auch im Roman schildere, knapp eine halbe Million Juden väterlicher Abstammung und das ist gerechnet auf sechs Millionen schon eine ganze Menge. Auch wenn sich politisch durch die enge Verbindung zum Rabbanut noch nicht viel weiterentwickelt zu haben scheint, werden Vater-Juden im Alltag in Israel eigentlich völlig anerkannt.

Hast du das Gefühl, dass viele Deutsche irgendwie ein Problem damit haben, dass man gleichzeitig Deutsch und jüdisch ist und, dass sie vor allem in Diskussionen zum Nahost-Konflikt nicht wirklich wissen, wie sie mit ihrem Gegenüber umgehen sollen? Hast du dann manchmal das Gefühl dich verteidigen oder rechtfertigen zu müssen, obwohl du selbst ja auch die meiste Zeit in Berlin lebst und von außen auf die Geschehnisse schaust?

Mirna: Ich glaube, dass wir Menschen dazu neigen, zu pauschalisieren. Wenn uns jemand begegnet, der für uns das Andere symbolisiert, so wie ich dann eben Israel und das Judentum symbolisiere, wird man stellvertretend zum Adressat für alle anderen. Generell ist das auch nicht das Problem. Schwierig wird es erst, wenn sich die Personen mir gegenüber gebärden, als wären sie Experten, obwohl dem definitiv nicht so ist. Auch die Emotionalität mit der viele Deutsche oft an das Thema herangehen, lässt spüren, dass es hier eigentlich weniger um den aktuellen Konflikt geht, sondern mehr um etwas viel tiefer Sitzendes. Eine Diskussion über den Kaukasus würde meiner Meinung nach ganz anders und weniger emotional ablaufen.

Du beschreibst an mehreren Stellen im Roman das „Vergessen“ als ein grundlegendes Problem der Deutschen im Umgang mit ihrer eigenen Geschichte – und vor allem mit dem Holocaust. So sind jüdische Kinder schon in jungen Jahren in der Schule dazu angehalten, nach ihren Ahnen zu forschen. In Deutschland gibt es das so nicht. Ich finde deine Gedanken ziemlich schlüssig. Glaubst du, dass gerade aus diesem Wunsch des Vergessens in Deutschland letztendlich eine Art Unwissenheit resultiert, die – so bitter es klingt – den Holocaust zu einem Punkt im Lehrplan degradiert, dem vor allem jüngere Generationen nur noch mit Distanz begegnen können.

Mirna: Ja, total! Ich bin überzeugt davon, dass das Vergessen ein grundlegendes Problem in Deutschland ist. Als Jüdin sehe ich mich oft mit einem diffusen Schuldgefühl, konfrontiert, das seinen eigenen Ursprung gar nicht kennt. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart existiert eine große Lücke, die das überhaupt erst möglich macht. Ich denke es ist unumgänglich, sich mit seinen Großeltern und Urgroßeltern auseinanderzusetzen und dem, was sie möglicherweise getan haben. Auch wenn es vielleicht unangenehm sein mag. Um die eigene Geschichte zu kennen, reicht es nicht, sich nur mit den markanten Figuren, wie Göbbels, Göring der Hitler zu befassen. Außerdem waren einfach nicht nur diese wenigen Männer alleine für den Holocaust verantwortlich.
Wenn der Deutsche sich in seiner eigenen Geschichte endlich wieder ein bisschen wohler fühlen will, hat er die eine große Aufgabe, sich mit der eigenen Familiengeschichte zu befassen. Das ist nicht kompliziert. Ich habe das auch bei ein paar Lesungen angesprochen. Selbst wenn die Großeltern möglicherweise schon verstorben sind, gibt es die Möglichkeit in großen Archiven, wie dem Bundesarchiv, zu recherchieren. Alles, was man benötigt ist der Familienname und den Zeitraum 1933-1945 und schon flattern die Informationen herein. Schließlich wurde in dieser Zeit einfach alles dokumentiert. Es hilft einfach nicht, „nur“ Gedenkstätten zu besuchen und sich Schulwissen anzueignen. Das muss die große Mehrheit endlich verstehen. So findet einfach keine Auseinandersetzung statt. Die große Frage „Wie konnte das geschehen“, kann kein Holocaust-Überlebender beantworten. Denn das Opfer kann diese Frage nie beantworten, das ist die Aufgabe des Täters. Und diese eine große Frage zum Holocaust wäre schon längst beantwortet worden, hätte man die Täter auch moralisch zur Rechenschaft gezogen.

Wie kritisch siehst du es, wenn die NS-Zeit oder tragende Nazi-Figuren mittlerweile eher komödiantisch verhandelt werden. Ich habe da zum Beispiel die Verfilmung von „Er ist wieder da“ im Kopf. Persönlich sehe ich die scherzhafte Ironisierung einer Figur, wie Adolf Hitler, ja ziemlich bedenklich, denn das Lachen schafft im Bachtinischen Sinne nun einmal auch wieder Distanz. Wie siehst du das? Wo hört der Spaß hier auf und wird für jeden Holocaust-Überlebenden zu einem Schlag ins Gesicht?

Mirna: Ich habe den Film noch nicht gesehen, will es aber unbedingt! Besonders spannend ist es, dass es sich hierbei teilweise um ein dokumentarisches Werk handelt. Allein schon die Szenen von der Fußball WM oder die, in denen sich Touristen mit der Hitler-Figur fotografieren lassen – beides wird im Trailer gezeigt. Diese Stellen zeigen doch wie gern viele diese Figur irgendwie noch immer haben. Ich finde es wichtig, das wirklich einmal offen zu zeigen. Mehr kann ich zu dem Film aber wirklich noch nicht sagen, weil ich ihn, wie gesagt, noch nicht komplett gesehen habe. Nach den Ausschnitten zu urteilen, glaube ich im Moment aber, dass es wichtig war, dass ein solcher Film gemacht wurde.

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Stichwort „Angst“. Ich habe im Rahmen der jüngsten Messerattacken in Israel vor Kurzen in der Frankfurter Rundschau das spannende Zitat einer in Israel lebenden und arbeitenden Muslima gelesen: „Ich habe Angst vor der Angst der anderen“. Du selbst hast auch schon in Interviews beschrieben, wie schwer es für dich persönlich war, den Krieg direkt zu erleben. Könnte Angst tatsächlich ein Aspekt sein, der auf beiden Seiten zur Radikalität beiträgt und die Fronten verhärtet? Was glaubst du, müsste überhaupt passieren, damit auch nur ansatzweise eine Lösung gefunden werden kann?

Mirna (bestimmt): Es gibt keine Lösung. Davon müssen wir uns ganz klar verabschieden und das hat vor allem mit zwei Sachen zu tun.
Zum einen blicken wir inzwischen auf knapp 50 Jahre Okkupation zurück, bei der sich von Anfang an heftig dagegen gewährt wurde, eine Zwei-Staaten-Lösung überhaupt in Erwägung zu ziehen. Vielmehr wollte die palästinensische Seite , gleich einem bockigen Kind, nicht akzeptieren, dass man nun einmal nie alles haben kann. Allgemein war Kolonialisierung zum Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ja ein globales Phänomen, in dessen Anschluss oft wahllos Grenzen gezogen wurden. Das ist auch auf diesem Stück Land passiert. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches herrschte das Britische Mandat über mehrere Gebiete, die später zu Staaten wurden. Dazu gehörte auch das sogenannte Palästina. Das ein Gebietsname, aber nie ein Nationalstaat war. Das Prinzip des Nationalstaats ist ja eine relativ junge Erfindung. Trotzdem muss anerkannt werde, dass jetzt zunehmend das Bedürfnis nach einem eigenen Staat entsteht. Das geschieht auch in anderen Ländern und ist praktisch die logische Folge, wenn Grenzen gezogen werden, wo vorher keine existiert haben.

Zum anderen haben wir es aber auch mit einer Radikalisierung und Aufsplitterung sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite zu tun. Vor allem die Radikalisierung auf palästinensischer Seite scheint symptomatisch für die Entwicklung in den arabischen Ländern, wie auch die Beispiele in Syrien, dem Libanon oder in Ägypten zeigen. Es geht hier weniger um einen territorialen Konflikt, als vielmehr um eine Radikalisierung des eigenen Glaubens. Nehmen wir nur mal an, man würde zum jetzigen Zeitpunkt einen eigenen Staat für die Palästinenser schaffen. Es würde wohl erst einmal zum Bürgerkrieg kommen, bei dem Hamas, Fatah, ISIS und islamistischer Dschihad sich gegenseitig bekriegen und umbringen, bis irgendeiner übrig bleibt. Auch die christlichen Palästinenser und alle friedlichen Muslime würden dabei natürlich zu Schaden kommen. Und was würde dann aus den vielen arabischen Israelis? Die können ja dann auch theoretisch nicht mehr länger in Israel leben. Es müssten also knapp 1,7 Millionen arabische Israelis, die wohlgemerkt israelische Staatsbürger sind, umgesiedelt werden – unabhängig davon, ob die das überhaupt wollen. Schließlich lebt ein Großteil ja friedlich miteinander zusammen.

Übrigens gibt es diese innerpolitischen Auseinandersetzungen natürlich auch auf israelischer Seite. Nur lässt sich die Balance zwischen orthodoxen und säkularen Juden innerhalb eines starken Staates besser aufrechterhalten. Hier hat der demokratische Staat eine lange Tradition, in dem pluralistische Sichtweisen vereint werden können. Das hat man aber erst lernen müssen. Das hat auch in Europa seinerzeit nicht automatisch funktioniert.

Ja, das Scheitern der Demokratie haben wir ja leider auch im Hinblick auf den arabischen Frühling erkennen müssen. Es hat einfach nicht funktioniert, den Kompromiss zuzulassen.

Mirna: Das sehe ich genauso! Dazu kommt noch ein ganz anderes Problem. Wir haben es im Moment mit einer ganzen Reihe an 13-15-jähriger palästinensischer Jugendlicher zu tun, die finden, dass ein Märtyrer-Tod „cool“ ist. Da gibt es ganz aktuelle Beispiele und es wird darüber in den nächsten Jahren bestimmt noch viel geforscht werden. Ich sehe das ganz klar so: Mit ISIS haben wir die ersten Symptome eines popkulturellen Moments in solchen Attacken. Youtube-Star werden, darunter verstehen wir hier in der westlichen Welt Schminktutorials, in der arabischen Welt begeht man dafür leider immer häufiger eine Messerattacke oder ein Attentat, um als Märtyrer gefeiert zu werden. Leider oft sogar von den eigenen Eltern. Das spornt doch zusätzlich an. Die Tragweite hinter ihrem Handeln ist vielen vor allem jungen Menschen dagegen gar nicht bewusst und genau daraus resultiert dieser popkulturelle Gestus, der völlig neu ist und den wir aktuell beobachten können.

Meiner Meinung nach sind das letzten Endes auch Symptome dieser Lücke, zwischen kantischer Aufklärung und dem Glauben an Gott. Die Idee der Aufklärung als Ausweg aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit halten viele tatsächlich nicht aus. Übrigens auch hier nicht. Wer im Berghain raven geht, der kann mit seiner Mündigkeit ebenso wenig umgehen, wie der, der zu ISIS marschiert.

Oder der, der sein ganzes Leben der Arbeit verschreibt.

Mirna: Genau.

In Anbetracht der jüngsten Ereignisse: Wollen du und dein Verlobter nach der Geburt eures Kindes noch immer nach Tel Aviv zurück?

Mirna: Wir werden erst einmal in Berlin bleiben. Mein Verlobter Yaniv ist seit letzter Woche auch hier und ich bin sehr froh darüber. Trotzdem planen wir regelmäßig nach Tel Aviv zu reisen. Das hängt aber vor allem davon ab, wie sicher es dort ist. Warum sollten wir uns potenziell in Lebensgefahr begeben, wenn wir die Möglichkeit haben, sicher in meinem Apartment in Prenzlauer Berg zu leben. Das wäre einfach verrückt!

Für mich sind Messerattacken grundsätzlich auch noch einmal etwas völlig anderes, als die Raketenangriffe. Gegen die Raketen schützt dich der Iron Dome und es gibt den Alarm, der dich warnt. Das sind trotzdem alles schreckliche Erfahrungen, keine Frage! Aber den Messerattacken bist du hilflos ausgeliefert. Die haben kein bestimmtes Ziel und das macht es so schwierig mit ihnen umzugehen. Als Yaniv in den letzten Tagen noch in Tel Aviv war, habe ich sehr große Angst um ihn gehabt. Egal, ob der Einkauf im Supermarkt oder der Gang zum Schuster: Jedes Mal, wenn du dein Zuhause verlässt, siehst du dich irgendwie mit dem Tod konfrontiert. Das ist wirklich beängstigend!

Hoffst du, dass dein Roman ein Stück weit zur Aufklärung gegen etablierte Stereotype von Juden, Israelis, Palästinensern und dem Nahost-Konflikt beiträgt? Ich zumindest habe das Buch ganz klar so gelesen – und vor allem auch als Liebeserklärung an Tel Aviv und Berlin.

Mirna: Total. Der Roman ist zu großen Teilen während des Gaza-Kriegs entstanden und ich war natürlich sowohl von den Ereignissen, die ich selbst erlebt habe, aber auch davon, wie mit dem ganzen Thema umgegangen worden ist, natürlich stark beeinflusst. Deshalb soll der Roman auch ganz klar deutlich machen, wie wichtig es ist – nicht nur in Bezug auf den Israel-Palästina-Konflikt, sondern ganz allgemein – immer beide Seiten eines Menschen oder einer Sache zu betrachten. Es ist wichtig, Widersprüche anzunehmen und die Schönheit von Widersprüchen zu erkennen, statt sich immer nur wie ein Magnet sofort zu den vermeintlich einfachen Wahrheiten hingezogen zu fühlen. Ich würde mir wünschen, dass wir vielmehr an die Stellen schauen, an denen es komplex und widersprüchlich wird, die Stellen, an denen es kantig wird. Dort liegt oft viel mehr an Wahrheit verborgen.

Also geht es eigentlich auch darum, mit dem eigenen Denken zu brechen und sich selbst auch einmal von außen zu betrachten.

Mirna: Genau darum geht es. Viele reagieren darauf sehr empfindlich. Sie wollen um jeden Preis Recht haben und das ist nicht nur extrem nervig, sondern auch wirklich schade. Denn so kommt am Ende kein echter Dialog zustande. Wenn wir immer nur Recht haben wollen und uns mit Menschen umgeben, die unsere Meinung teilen, dann ist die Folge vielmehr ein endloses Monologisieren. Und das bringt einen nirgendwo hin. Wenn du immer nur jemanden hast, der dir deine Sichtweise bestätigt, entwickelst du dich am Ende nicht weiter.

Danke, liebe Mirna für das tolle Gespräch! Wir wünschen dir ganz viel Erfolg für den zweiten Roman und natürlich alles Gute für die anstehende Geburt!

Winternähe ist erschienen im Fischer Verlag.

 

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Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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