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Girlpower-Interview | Alicja von Kooye

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Das Netz ist heutzutage inzwischen eine wahre Fundgrube an Magazinen, Blogs, Plattformen und Inspirationen und jeder Part ist für sich genommen so vielseitig und besonders wie ein bunter Strauß Blumen. Dennoch kommt es ziemlich selten vor, dass wir auf einer Seite länger als die obligatorischen zwei Minuten hängenbleiben, uns festlesen und uns ein Gefühl von tiefer Sympathie überkommt. Genau das ist mir aber vor nicht allzu langer Zeit passiert, als ich auf Alicja und ihr Blogzine Kooye stieß. Glücklicherweise hinterließ die Liebe ein Kommentar auf unserem Blog, ansonsten hätte ich womöglich gar nicht zu ihr gefunden. So hat es dann aber direkt bei dem ersten von ihr gelesenem und haarscharf in Worte gebrachtem Artikel Blümele all over. Oder: Back to Bürgerlichkeit ZACK und BOOM gemacht.

Ich persönlich täusche ja manchmal gerne eine besondere Geistesgegenwärtigkeit in Sachen Interior und Dekoration vor, dabei habe ich von all den Design-Innovationen und Interior-Must-Haves im Grunde gar keine Ahnung. Einrichtungsshops überfordern mich, ein paar Design-Klassiker bekomme ich namentlich noch zusammen und auch ein paar Trends schaffen den Sprung in mein Visier – das war es dann aber auch schon. Wie gut, dass ich nun endlich an Kooye geraten bin, denn Alicja ist eine wahre Expertin, wenn es ums Wohnen und Wohndesign, aber auch um Kunst, Musik, Literatur und Leben geht. Ihre Artikel sind erfrischend, detailverliebt und werfen gerne mal einen Blick hinter die Fassade bloßer Fakten in Richtung neuer Kontexte. Kooye ist also die Pflichtadresse für all die cleveren Jungens und Mädchens da draußen mit einem Faible für alles Geschmackvolle.

Doch wer steckt genau hinter diesem fantastischen Blogzine – wer ist Alicja, was beschäftigt sie und woher nimmt sie all den Gehirnschmalz für ihre tollen Texte? Et voilà, eine neues Girlpower-Interview!

Liebe Alicja, wie und wann kam dir die Idee zum Bloggen und was ist seitdem passiert?

Das war 2012 an einem sonnigen Nachmittag im gemütlichen Hinterhof eines Cafés in Freiburg. Ehrlich gesagt ist die Idee auch nicht mir selbst gekommen, sondern meinem Freund. Ich hatte das Abi gerade in der Tasche und brauchte irgendetwas, in das ich meine Fantasie und meine Schreiblust hineinfließen lassen konnte. „Mach doch ein Blog“ – und ich Blödi mach’ das dann auch gleich noch. ;-) Nein, ich hab’s halt mal ausprobiert und bin dann hängen geblieben. Und als dann das erste Feedback kam und Kooye auf anderen Blogs vorgestellt wurde, besonders über den schönen Bloglove-Artikel auf Journelles habe ich mich damals sehr gefreut, und ich irgendwann mein Gesicht in einer wirklich-echten Zeitschrift, der petra, entdecken durfte, habe ich gemerkt, dass sich doch Leute dafür interessieren, was man da so ins Internet und in die Tasten hackt. Dann wurde es ein Weilchen ein bisschen stiller um Kooye, ich musste ja nebenbei immer auch noch studieren. Eigentlich wäre es kein Problem gewesen, parallel trotzdem fleißig weiter an Kooye zu schreiben, aber da ich so ein kleines Reflexionsmonster bin, habe ich irgendwann so viel darüber nachgedacht, was ich da eigentlich mache, über welche Themen ich auf Kooye schreibe und wieso, weshalb, warum überhaupt, dass ich irgendwann einfach aufgehört habe. Das war das Gute am Anfang: Damals habe ich überhaupt nicht nachgedacht, sondern einfach gemacht. Mittlerweile plätschert es wieder ein bisschen mehr. Ende letzten Jahres gab es eine Totalrenovierung für die Webseite, die jetzt in neuem Glanz erstrahlt. Bis Mitte Juli bin ich nun erstmal mit dem Schreiben meiner Bachelorarbeit beschäftigt, mal schauen, wie viel dann auf Kooye landen wird. Ich nehme das ziemlich locker und schreibe dann einen Artikel, wenn es sich ergibt und ich Lust darauf habe. Da bin ich ganz frei, denn ich muss kein Geld damit verdienen und niemandem etwas beweisen. Es ist schön, einen Ort zu haben, an dem man spontan Ideen oder Themen mit einer interessierten, kleinen Masse teilen kann und es bringt unglaublich viel Freude, das für mich selbst Schönste und Interessanteste in einer persönlichen Ausstellung, wie so eine kleine, schreibende Kuratorin, mit Wörtern und Bildern zu einer immer länger werdenden Geschichte zusammenzuweben.

Schön gesagt. Was steckt hinter dem Namen „Kooye“?

Das ist ein reines Fantasiewort.

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Worauf legst du Wert bei deinem Blog?

Ein einheitliches Bild ist für mich bei Kooye wie die Butter auf dem Brot. Die Themen, über die ich schreibe, sind von mir ausgewählt und wenn möglich versuche ich, auch wenn es nur um die Vorstellung eines neuen Hockers geht, eine kleine Mini-Geschichte daraus zu machen. Oder eben einfach auf lockere Art zu erklären, warum jetzt gerade dieser Hocker auf Kooye gelandet ist. Fotos sprechen die eine Sprache, aber der Text dazu ist mir wichtiger. Ich will, dass die Leute lesen. Und wenn sie dann beim Lesen merken, dass da ein Fünkchen Alicja drin steckt, und der Text, wenn auch manchmal kurz oder vielleicht belanglos, in sich rund ist, bin ich schon zufrieden.

Blog schön und gut, aber möchtest du uns verraten, womit du dir deine Brötchen verdienst und was du daran magst?

Neben dem Studium habe ich meistens einen Job. Zuletzt habe ich in einem Hummus-Restaurant gearbeitet. Seit einem Jahr ist es ein besonderer Blumenladen – man könnte ihn, finde ich, künstlerisch nennen – bei dem ich aushelfe. Schon an meinem ersten Tag damals, ich musste kleine Sträußchen von einer Hochzeit abholen, auseinanderrupfen und auf dem Boden nach Sorten sortieren, wurde mir, wie ich da auf dem Boden hockte und von oben die Blumen betrachtete, klar, dass der Job genau das richtige für mich ist. Blumen anschneiden, putzen, Vasen spülen, Pflanzen einpacken, gießen, schwer schleppen gehört genauso dazu wie Kränze machen oder Sträuße binden. Ich bin ein großer Fan von meiner Chefin, sie ist der Inbegriff von Girlpower, und die Art, wie herrlich der Laden dekoriert ist – minimalistisch aber mit den wunderbarsten Blumen und Sträußen – entschädigt für jede Minute kalte Füße, die ich im Binderaum leider meistens habe. Und dazu sind Pflanzengrün, Blumenduft und die Arbeit mit den Händen sowieso Dinge, die extrem gut tun nach einem Tag Uni oder Schreiben.

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Blog und Studium plus Job – das ist manchmal sicher ein Spagat. Wie behältst du den roten Faden?

Indem ich das studiere, was mich beschäftigt, und was ich in einem übertragenen Sinn auch auf Kooye verarbeite. Es ist ein ziemlicher Luxus, sich mit Kunst, Ästhetik und Medien auseinandersetzen zu dürfen. Gerade bin ich an meiner Bachelorarbeit und ohne zu viel davon schwallen zu wollen, beschäftige ich mich darin tatsächlich mit der medialen Inszenierung von Interieurs. Passt also alles ganz gut zusammen.

Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?

Das ergibt sich immer wieder neu. Meistens trinke ich morgens einen Filterkaffee oder mache mir einen Espresso mit Hafermilch. Dann düse ich ein paar Sachen erledigen oder gehe in eine Vorlesung und setze mich danach an den Schreibtisch. Lange bleibe ich da aber meistens nicht sitzen, weil ich zwischendurch Termine habe, mich ab und an auf einen Kaffee treffe oder in die Uni oder in den Blumenladen muss.

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Was tust du gegen Schreibblockaden? Hast du überhaupt damit zu kämpfen?

Vor dem leeren Blatt sitzend, habe ich meistens gar keine Schreibblockaden. Das liegt aber wohl daran, dass ich mich eigentlich erst davor setze, wenn sich innerlich schon ein paar Sätze oder eine Idee zusammengebraut haben. Wenn es dann soweit ist, dass ich mich erst gar nicht vors leere Blatt setze, weil sich nichts mehr zusammenbraut, dann ist tatsächlich was faul. Das grummelt dann so vor sich hin, bis ich mal anfange, mit jemandem darüber zu sprechen. Meistens tut das gut, weil man sich beim Sprechen sortieren kann und die Gedanken nicht einfach so immer weiter kreisen, sodass man zu keinem Ergebnis kommt. Mir hilft es, wenn ich gesagt bekomme, dass ich doch eigentlich so spontan beim Schreiben bin, kraftvoll an die Aufgaben rangehe und es mir auch nichts ausmacht, wenn beim ersten Mal Tippen Lücken im Text sind oder sich ein paar Sätze anhören wie Hirnmatsch. Dann denke ich, ja, stimmt eigentlich, und hacke einfach etwas drauf los. Auch wenn es nur ein paar Wörter sind, die einem gerade im Kopf herumschwirren, befreit das schon. Das regt den (Schreib-)Kreislauf an und pustet den Kopf durch.

Was sind deine fünf liebsten Magazine – ob Print oder Online?

Online lese ich am regelmäßigsten This Is Jane Wayne, Journelles, auch Thisispaper oder Sight Unseen. Coffeeklatch finde ich gut gemacht. An Gedrucktem kann ich eigentlich nie genug haben, finde es aber schwierig, mich da festzulegen. Frieze und KubaParis finde ich interessant.

Was machst du in deiner Freizeit, wenn du nicht gerade im Netz unterwegs bist?

Kaffee und Kuchen mit Lieben, Bücher, Museum, Rennrad fahren, Yoga, Filme schauen, Wohnung umräumen und -dekorieren, Klavier spielen, auf dem Markt einkaufen und lecker kochen, Musik hören, malen, schöne Konzerte besuchen, ins Theater gehen oder Tanzstücke anschauen, einfach rumdüddeln.

Stichwort „Digital Detox“ – Ist das ein Thema für dich?

Nicht wirklich. Das Einzige, das ich gern ändern würde, ist, beim Bahnfahren oder Warten dauernd zu denken, dass irgendetwas wichtiges Neues passiert ist oder eine Nachricht eingegangen ist. In solchen Situationen würde ich gern einfach mal das Handy ein paar Stündchen liegen – und die Langeweile zulassen.

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Welche Eigenschaft schätzt du an anderen Menschen am meisten?

Ich glaube, am meisten schätze ich es, wenn jemand feine Fühler hat, also aufmerksam und sensibel für das Befinden anderer ist.

Was kannst du besonders gut?

Anderen eine Freude machen, Projekte angehen und durchziehen und meine ausgeprägte Fantasie in Sprache umsetzen.

Was stört dich an dir selbst am meisten?

Dass ich immer so viel über alles nachdenken muss, statt einfach im Moment zu machen. Ich bin wirklich unglaublich gut im Nachdenken, Analysieren und Fantasieren. Manchmal würde ich mir wünschen, die Dinge einfach so zu sehen, wie sie sind, statt so viel hineinzuinterpretieren.

Welche natürliche Gabe würdest du gern besitzen?

Handwerkliches Geschick wäre praktisch.

Was wolltest du als Kind werden?

Pianistin. Irgendwann wollte ich auch Archäologin werden, vielleicht weil das Wort so spannend klang, aber als mein Opa mir dann einmal daraufhin gesagt hat, dass man in dem Beruf den ganzen Tag alte, modrige Leichen ausgraben müsse, hatte ich nicht mehr so richtig Lust.

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Welches Buch liegt gerade auf deinem Nachttisch?

Da liegt ein ganzer Stapel, aber ich lese gerade abwechselnd Abigail Ulmans „Jetzt, alles, sofort“ vom Kein & Aber Verlag, „Die Kunst und das gute Leben. Über die Ethik der Ästhetik“ von Hanno Rauterberg und „Die Errettung des Schönen“ von Byung-Chul Han.

Was sind deine Lieblingsshops in Sachen Interior?

Ich bestelle ganz gern bei Kauf dich glücklich, Hello Frankie und Tschau Tschüssi. Ansonsten: Baumarkt. Und Blumenladen.

Wo soll es mit Kooye hingehen, gibt es da schon Pläne?

Erstmal einfach weiter. Ich habe da keine konkreten Ziele. Im Herbst ziehe ich für den Master in Kunstgeschichte nach Berlin und da wollen wir doch mal sehen, was das mit Kooye so macht. Ich bin selbst gespannt.

Liebsten Dank für das Interview, Alicja!

 

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Kategorie: Mind, Talk

von

Lola Fröbe

Das Köpfchen voller Mode – und dennoch Köpfchen? Eine Selbstverständlichkeit für die Dame, die seit jeher einen Hang zur Polarität kultiviert. Girlpower und Understatement sind die partners in crime. Lola kann sich mit den aktuellen Ready-To-Wear-Kollektionen ihrer skandinavischen und französischen Idole genauso stundenlang zufrieden aufhalten wie im Buchladen um die Ecke. Das Fräulein liebt Kopenhagen und Kafka, hat eine Schwäche für Männermode und schmissige Musikhits, ist aber auch für Kunst und Kitsch zu haben.

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