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Dress me Monday | Simple with a Twist

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Rollkragenpullover – & other Stories | Rock – MSGM via Farfetch | Handtasche – Mango | Sneakers – Reebok Classics via Zalando

Seit ich denken kann, liebe ich schöne Dinge, leider bin ich noch viel länger das Kind meines Vaters. Und das wird spätestens dann zum Problem, wenn es um schmucke Mode geht, die nicht nur in stilistischer Hinsicht ihren Preis hat.

Manchmal frage ich mich wirklich, ob meine Eltern mich bei der Geburt nicht vielleicht doch aus Versehen vertauscht haben. Meine Mom schwört jedenfalls bis heute völlig überzeugt, das sei unmöglich, und ehrlich gesagt, kann ich auch charakterlich absolut nicht leugnen, dass ich das Kind meiner Eltern bin. Wie aber konnte ich mich dann so entgegen meines restlichen Clans entwickeln. Wann kam der Punkt, an dem ich die andere Abzweigung genommen habe, jene, die mich mit einem Schlag in die Sphäre virtueller Kommunikation und schmucker Habseligkeiten katapultierte. Einer Welt, über die vor allem mein Vater oft nur den Kopf schütteln kann. Während seine Tochter nämlich einen Faible für Literatur, Sushi, guten Wein und Schuhe hegt, vertrat Papa schon immer die These, dass es pure Geldverschwendung sei, horrende Summen für schöne aber unnütze Dinge auszugeben. Außer, was Schuhe betrifft, den Tick habe ich nämlich von ihm. Weit mehr Sinne mache es doch die hart verdienten Groschen zu sparen oder wenigstens solche Sachen anzuhäufen, die tatsächlich auch einen praktischen Nutzen haben, wie etwa Waschmaschinen (die besitze ich bis heute nicht), ein kleines Eigenheim (dafür müsste ich ja die Stadt verlassen) und Rauchmelder (die werden einem ja inzwischen sogar staatlich aufgezwungen). Man wisse ja schließlich nie, was die Zukunft einmal bringt. Ich für meinen Teil kann meinem Vater diese Einstellung nicht einmal wirklich verübeln.

Denn während mein kleiner Bruder und ich im behaglichen Nest mittelständischen Wohlstands aufgewachsen sind und allerlei Zeit, Geld und Muße hatten, nach unserer „wahren“ Bestimmung zu suchen, mussten unsere Eltern ans Geld verdienen denken, um uns all das Herumgekrebst überhaupt erst finanzieren zu können. Es ist die klassische Geschichte der Babyboomer und ihrer Kinder, der Generation Y. Die einen machen die Arbeit, die anderen wachsen wie Gott in Frankreich auf. Beide fühlen sich im Recht, weil sie es jeweils nie anders kannten. Aber zurück zum Thema: Klar, dass natürlich auch Kleidung für meinen Vater eher zur Gruppe der nutzloseren Habseligkeiten gehört – zumindest, wenn es um teure Designerfummel geht. Deshalb kann es bisweilen durchaus auch einmal zu Spannungen kommen, wenn es darum geht, was ich beruflich mache. Ich schreibe über Mode, Lifestyle und Kultur. Wenn ich damit nicht zugange bin, tippe ich bergeweise E-mails in Sachen PR. Ergo, ich hocke den lieben langen Tag vorm Rechner und surfe auf Websites und Social Media-Kanälen, die für andere ausschließlich mit der eigenen Freizeit verknüpft sind. Das war am Anfang schier unvorstellbar. Wie oft musste ich an Sonntagen, an denen ich Wochenend-Redaktion hatte, betonen, dass ich gerade tatsächlich arbeite und, dass eine Deadline auch am Familienküchentisch eingehalten werden muss. Inzwischen hat sich das deutlich gebessert. Vielleicht hat mein Vater aber auch einfach nur resigniert. Wer weiß das schon.

In der Theorie mögen wir also inzwischen zwar einigermaßen auf einen Nenner kommen. Kompliziert wird es aber spätestens in der Praxis. Denn natürlich will jemand, der ständig über schöne Dinge schreibt, diese irgendwann nicht mehr nur noch anschauen, er will sie auch besitzen. Das ein oder andere Designer-Etikett lugt daher unlängst aus meinen Textilien heraus. Bisher war das aber entweder unteres Designer-Preissegment oder es handelte sich dabei um satte Sale-Schnäppchen. Spätestens hier bin ich nämlich eindeutig wieder das Kind meines Vaters. Ich könnte im Jahr eine Million verdienen, ab einer bestimmten Summe, tut mir jeder Kauf einfach weh. Dann zieht sich innerlich bei mir alles zusammen und ich durchlaufe Stimmungsschwankungen wie andere nach einer Trennungen.

Letztes Wochenende war es dann aber soweit: Hayashi, Frankfurts führende Adresse, wenn es um herrlich schöne Designer-Labels geht, läutete den Sale ein – und ich war fest entschlossen. Seit Monaten liebäugelte ich mit einem Pink-Rot karierten Rock von MSGM. Und weil 2016 (auch bei mir) ein stellenweise wirklich krampfiges Jahr gewesen war, dass mich oft an den Rand der seelischen bis körperlichen Erschöpfung trieb, beschloss ich, mich selbst endlich einmal zu belohnen. Mir etwas zu gönnen, weil ich hart arbeite, in den letzten Wochen sogar oft sieben Tage pro Woche und Freizeit mittlerweile fast ein Fremdwort war. Gesagt. Getan. Mit einer Freundin im Schlepptau enterte ich den völlig überfüllten Store, schnappte den Rock, stapfte in die Kabine und flog beseelt zur Kasse. Dort zückte ich die Karte, atmete kurz tief durch und bezahlte, die Summe, die bisher meine goldene Grenze für Kleidung gewesen war – vielleicht sogar ein klein bisschen mehr.  Mit der Tüte in der Hand verließ ich den Laden. Euphorie. Glück. Erstaunen. Ehrfurcht. Unwirkliche Leere. Habe ich das tatsächlich getan? Und hab ich es wirklich überlebt? Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich realisierte, dass die Hölle nicht über mir hereinbrechen und auch mein Vater nicht hinter der nächsten Ecke stehen würde, um mir die Ohren langzuziehen. Und da machte es mit einem Mal klick: Ich bin erwachsen und für mein Geld arbeite ich selbst. Wenn ich es von Zeit zu Zeit für sinnlosen Schnickschnack ausgeben will, ist das tatsächlich nur mein eigenes Bier. Diese Erkenntnis fühlte sich ebenso gut wie befreiend an. Trotzdem rief ich danach umgehend meine Mom an, um kleinlaut zu gestehen, was ich gerade getan hatte. Ihre Antwort, wie beinahe erwartet: „Aber der Rock ist auch wirklich schön. Den Rest will ich gar nicht wissen.“ So einfach kann es gehen.

Meinem Vater werde ich am Ende trotzdem besser nie erzählen, wie viel Geld ich da in Textil am Leib herumtrage. Besser ist das. Jedenfalls bin ich aber sehr froh, dass dieser Mann, mein Vater mich trotz all der verrückten Schwärmereien, die mir nun schon seit 30 Jahren im Kopf herumgeistern, so rational und weitblickend erzogen hat, dass solche Unvernunftskäufe trotz meines Jobs und des täglichen Umfelds, in dem ich mich bewege, auch in Zukunft keine Selbstverständlichkeit sein werden.

In diesem Sinne: Happy Monday.

Kategorie: Fashion, Trend

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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