Body, Mind, News, Think Aloud
Schreibe einen Kommentar

Think Aloud | Die Delle im Blick. Was Lena Dunham und die Glamour uns vor allem zeigen

glamour-cover-dunham

Lena Dunham und die Frauenzeitschrift Glamour. Unterschiedlicher lässt es sich eigentlich nicht über den weiblichen Körper sprechen. So zumindest bisher meine allgemeine Ansicht. Aber siehe da, manchmal gehen sogar Brokkoli und Schokolade zusammen, oder besser gesagt: Cellulitis und das Cover eines Frauenmagazins.

Es ist etwas im Gange, was die Inszenierung des weiblichen Körpers betrifft. Allein im letzten Jahr gab es ausgiebig Gelegenheit bestehende Körperbilder zu diskutieren und sich zunehmend für andere Perspektiven zu öffnen. Das haben wir unter anderem auch hier, hier und hier getan. Trotzdem stehen wir in der Debatte um mehr weibliche Diversität in den Medien und jenseits davon noch immer relativ weit am Anfang. Viel zu oft müssen Frauen jenseits Kleidergröße 34 abschätzige bis verletzende Blicke und Kommentare einstecken. Vor allem in der Anonymität des Netzes scheint die Hemmschwelle für Gehässigkeit sehr gering. Aber auch den analogen Alltag sollte man bei Weitem nicht unterschätzen. Da sollten wir uns nichts vormachen. Eine, die seit jeher gegen diese normierte Engstirnigkeit angeht, ist die von uns viel gelobte und zitierte Lena Dunham. Mit klaren Worten und reichlich visueller Strahlkraft tritt die New Yorkerin seit jeher gegen vermeintliche Normen auf und überzeugt damit sogar Instanzen alter Körperbilder von ihrem Kampf, wie auch das jüngste Beispiel zeigt:

Seit vorgestern zählt voraussichtlich dank Miss Dunham nun auch die Glamour zu jenen Medien, die scheinbar endlich erkennen, dass es sich lohnt, über den Tellerrand weiblicher Inszenierungskonventionen zu schauen. Anlässlich des baldigen Starts der neuen und leider letzten GIRLS-Staffel präsentierte das Frauenmagazin auf dem Cover seiner US-Ausgabe die vier Hauptdarstellerinnen der Serie, Allison Williams, Zosia Mamet, Jemima Kirke und Lena Dunham. Letztere wie gewohnt körperbetont und völlig befreit von vermeintlich geltenden Schönheitsidealen. Und siehe da, die sonst so sehr auf Models und Size Zero Starlets getrimmte Frauenzeitschrift macht tatsächlich mit und gestattet entgegen ihres sonstigen Pathos Miss Dunham nicht nur die Shorts, sondern verzichtet auch darauf die Dellen an den Beinen weg zu retouchieren. Klar, dass sich das rasend schnell im Netz verbreitet und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Geht es hier aber wirklich nur um die viel beschworene Effekthascherei und den Versuch mit den auratischen Symbolfiguren einer Generation neue Leser zu locken oder steckt da vielleicht mehr dahinter? Es hat jedenfalls ganz den Anschein.

Lena Dunham steht zu ihrem Körper – um jeden Preis. Dafür hat sie selbst lange genug mit sich ringen und auch viel einstecken müssen. Umso deutlicher tritt sie für ihr Verständnis von Female Empowerment nun nicht nur mit ihrer Serie GIRLS ein, sondern auch regelmäßig im Lenny-Newsletter sowie ihrem Podcast “Women of the Hour”. “Not done with getting my picture taken … but done with allowing images that retouch and reconfigure my face and body to be released into the world. … The gap between what I believe and what I allow to be done to my image has to close now. If that means no more fashion-magazine covers, so be it”, schrieb sie schon vor einer Weile, wie auch Man Repaller im Hinblick auf das aktuelle Glamour-Cover noch einmal zitiert. Gesagt getan, und zwar konsequent. So landete auf dem Cover der aktuellen Glamour nun also ein Bein, das eigentlich so gar nicht zum sonstigen Image passen will. Doch hier wird es erst richtig spannend. Während Medien wie Unternehmen in der Regel nämlich spätestens jetzt dazu tendieren, den vermeintlichen Makel als emanzipative Geste herauszuheben, um sich indirekt für die Abweichung von der Norm zu rechtfertigen, verzichtet die Glamour selbst auf jeglichen Kommentar. Das Cover ist raus, es steht in den Läden und damit gut. Wie damit umgegangen wird, bleibt jedem selbst überlassen. Das vermeintliche Understatement zeigt mehr als jede andere Geste, dass wir es bei dieser Inszenierung nicht mit der Abkehr vom Eigentlichen zu tun haben, sondern mit einem Körperzustand, der bei Weitem mehr der Realität entspricht, als gephotoshoppte Zartheit auf dem Schenkel. In den letzten 365 Tagen sind mitunter viele Ausformungen des weiblichen Körpers sichtbar geworden. Mal mehr, mal weniger glaubhaft. Was aber einmal offengelegt wurde, kann nur schwer wieder vertuscht werden. Je öfter wir einem Bild begegnen, desto mehr nutzt sich das ihm inhärente Effektpotenzial ab. Irgendwann wird auch die stärkste Irritation ein Stück weit gewöhnlich. Oder anders ausgedrückt: Was uns vielleicht gerade als ein weiterer Schritt für Female Empowerment und Abkehr von stilisierten Normen erscheint, verkörpert vielleicht morgen schon für Folgegenerationen den Standard. Foucault geht davon aus, dass unser Verständnis von Wahrheit ein fließendes ist. Es ist ein Prozess, der einem steten Wandel unterliegt. Daher sind vermeintliche Normen auch nie unumstößlich geltend, sondern entfalten sich immer im Kontext von Zeit, Wissen und Macht. Vielleicht erleben wir gerade jenen spannenden Punkt, an dem ein altes Bild kippt, um Platz zu machen für ein Neues. Und Veränderung ist insgesamt ja nie falsch. Es kommt drauf an, was wir drauß machen. Selbst wenn auf der nächsten Ausgabe der Glamour also wieder ein schlankes Model prankt, ab sofort wissen wir und auch die sogenannten Entscheider, dass es auch anders geht. Höchte Zeit also für die anderen nachzuziehen.

Kategorie: Body, Mind, News, Think Aloud

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *