Mind, Think Aloud
Schreibe einen Kommentar

Die Authentizität des Achselhaars. Symbol eines neuen Körperverständnisses?

achselhaar_hm-header_habits

Ist das denn jetzt eigentlich Revolution oder kann das weg? Vor Kurzem hatte ich bereits am Beispiel der Kampagne von Lonely mit Lena Dunham und Jemima Kirke darüber sinniert, ob weibliche Diversität in den Medien nun tatsächlich gefeiert oder doch vielmehr nur als effekthascherische Marketingstrategie genutzt wird. Schaut man sich die vielen weiteren Kampagnen an, die in den letzten Tagen und Wochen wie Pilze aus dem Boden geploppt sind, wird in jedem Fall ein augenscheinliches Interesse am Spiel mit sogenannten Normen deutlich, ob man der Botschaft dahinter aber immer so ohne Weiteres trauen sollte, das ist noch einmal eine ganz andere Frage.

Seit dem Wochenende geistert der neue Imageclip von H&M durchs Netz. In dem, ihr ahnt es schon, die vielen Ausformungen des weiblichen Körpers gezeigt werden. Gerahmt vom soulig gebügelten Musikhit „She´s a Lady“ bietet das Video neben den Klassikern Plus Size und ethnischer Vielfalt natürlich auch die Visualisierung von Alter. Doch keine Kampagne scheint ihre Botschaft derzeit zu treffen, wenn nicht mindestens einer der folgenden beiden Aspekte aufmerksamkeitsstark inszeniert wird: das Achselhaar und die Glatze. Beides hängt sogar irgendwie miteinander zusammen. Ein Gedankenspiel:

Egal, wo man gegenwärtig hinschaut, der Wuchs unterm Arm scheint ebenso, wie die Haarlosigkeit auf dem Kopf, vor allem für Frauen das Symbol der Revolte zu sein. Von subkulturellen Fotoshootings bis hin zu Mainstream-Kampagnen, gibt es kaum etwas anderes, dem derzeit so viel Strahlkraft zugesprochen wird, wie die Existenz bzw. Nicht-Existenz des Haars. Dagegen kann sogar der füllige Körper einpacken, der ohnehin schon längst in der Mitte der Mainstream-Plakatierung angekommen scheint. Ashley Graham und Co. haben Kurven sozusagen visuell massentauglich gemacht. In Modekampagnen schert sich mittlerweile kaum noch einer darum, wenn mindestens eine Frau besonders viel Raum einnimmt. Höchstens wenn das Gefühl entsteht, ihren Rundungen und Dellen sei mit Photoshop auf den Leib gerückt worden, sorgt das noch für große Skandale. Wen juckt es da, dass es in der Realität fernab unerreichbarer Hochglanzfantasien noch immer ganz anders aussieht und schlank(-sportlich) nach wie vor der Inbegriff von begehrenswert ist. Aber zurück zum Thema: Woher kommt denn jetzt diese neue Obsession für das vermeintlich Andersartige? Was macht den Reiz, vor allem den optischen aus?

Der Busch unterm Arm. Mehr ist mehr?

Beginnen wir mit dem Achselhaar. Hierin scheint endlich etwas gefunden, was noch nicht mit dem Schleier totalitärer Toleranz bedeckt ist. Sozusagen der blinde Fleck im omnipräsent-gesellschaftlichen Akzeptanz-Tenor. Hier geht es nicht um Bodyshaming, Bodysmashing oder Diskriminierung. Der Wuchs unterm Arm scheint tatsächlich etwas, über das man in bester Stammtischmanier und völlig ungeniert noch immer offen seine Meinung äußern kann. Vor allem, wenn es sich dabei um uneingeschränkten Ekel handelt. Seit ein paar Jahren gehört es daher auch in den meisten 80s-Rückblickshows zum festen Programmpunkt, irgendwann das berühmte Nena-Bild mit der wuchernden Achsel aus dem Hut zu zaubern, um anschließend in aller Öffentlichkeit und (wichtiger noch) in einvernehmlicher Gemeinsamkeit über den Busch unterm Arm den Kopf zu schütteln. Oder anders gesprochen: In unserer optimierungsvernarrten Gesellschaft gehört die körperliche Haarlosigkeit schlichtweg zum guten Ton. Inzwischen scheinen wir diesen Trend sogar so weit vorangetrieben zu haben, dass selbst Männer – jene Geschlechtsformation, die bisher weitgehend frei von derlei Körperzwängen blieb – zunehmend das Gefühl haben, ebenfalls blank ziehen zu müssen. Dient ja auch schließlich alles der Hygiene. Was waren wir doch früher dreckig! Wer dagegen aber das Wort für den Haarwuchs unterm Arm ergreift, der gilt schnell als suspekt. Der wird als anders gewertet. Da wundert es mit einem Mal kaum mehr, dass insbesondere Teenager, jene letzte Bastion der Rebellion, mittlerweile wieder lautstark für das Achselhaar eintreten. Hier scheint aktuell eine Art Subkultur zu entstehen, die anders als die unmittelbaren Generationen vor ihr endlich wieder den Konflikt sucht. Eine Gruppe, die nicht mehr blind dem Wunsch nach Anpassung hinterherläuft, sondern radikal bestehende Normen und Konventionen hinterfragt. Magazine wie das kürzlich gelaunchte „Sofa“ oder „Rookie Mag“, das mittlerweile fast schon als Institution angesehen werden kann, sind nur ein Beispiel dafür. Bedenkt man, welch großes auratisches Potenzial Jugend seit jeher auf die Mode ausübt, scheint es beinahe schon logisch, dass so mancher Aspekt zunehmend auch in den Mainstream ausstrahlt.

hm_glatze

Kahlschlag auf dem Kopf zur Selbstermächtigung?

Ebenso verhält es sich mit der Glatze, obwohl wir die Argumentation hier in gewisser Hinsicht umkehren müssen. Denn, was die Haarlosigkeit für den Körper ist, ist die wallende Mähne noch immer für den Kopf. Frauen mit langem Haar gelten als sinnlich und mindestens so erotisch wie begehrenswert. Dabei sind sie vor allem eines: verführbar. Die langhaarige Frau ist das Playboybunny, das Covergirl. Sie ist das schöne Objekt, das Mann sich zu eigen macht. So führen es uns Film, Fernsehen und Werbung mindestens seit dem Hollywood-Kino vor. Zum Vergleich: Die kurzhaarige Frau wird dagegen oft als jene inszeniert, die tough ist, sich nimmt, was sie will und damit sogar die Männer in die Schranken weist. Das lässt sich wohl nirgendwo besser beobachten, als in „Pretty Woman“, wo die selbstbestimmte Prostituierte unter dem künstlichen Bob eine lange Lockenmähne hervorzaubert, mit der sie schließlich zur Prinzessin an der Seite ihres finanziell potenten Retters wird. Oder denken wir nur einmal an Filme wie „Lost in Translation“ oder „Closer (deutsch: Hautnah“). Hier fällt ebenfalls auf, dass der Bob, vor allem in der Variante mit buntem Haar, immer dann zum Einsatz kommt, wenn die Frau zur Verführerin wird. Zum aktiven Part, der erobert und damit das vermeintliche Spiel der Geschlechterrollen umkehrt. In diesem Kontext wäre die Glatze im Prinzip nichts anderes, als die ultimative Aneignung von Macht. Demi Moore rasiert sich in „Die Akte Jane“ den Kopf kahl, um zum knallharten G.I. zu werden. Natalie Portman wird in „V wie Vendetta“ zwar zum Kahlschlag genötigt. Auch sie bricht dadurch aber schließlich mit ihrer alten Identität und wird zur kampfbereiten Mitanführerin der Revolte. Mit glatzköpfigen Frauen ist also nicht zu spaßen.

hm-subway

Und was machen wir jetzt damit?

Mit dem Eingang dieser Motive in die Realität des Mainstreams haben wir nun also endlich Images gefunden, die bereits auf den ersten Blick deutlich machen, worum es geht. Sie sind offenkundiger Ausdruck einer vermeintlichen Abkehr von herrschenden Normen. Sie sind jene Symbole, die es im Zeitalter des Bildes braucht, um eine Botschaft auf Anhieb verständlich zu machen. Hier bedarf es keiner weiteren Erklärung. Ähnlich verhält es sich übrigens auch mit der Enttabuisierung der Periode. Die schreibt sich die kleine H&M-Schwester Monki mit ihrem Monkifesto derzeit groß auf die Fahne.

Ist das jetzt aber gut oder schlecht? Darf der Mainstream sich diese Symbole des vermeintlich Subkulturellen einfach so einverleiben? Bleibt die Botschaft noch dieselbe? Wird unsere Selbstbestimmtheit damit wieder einmal in das Korsett eines allgemein gültigen Regelwerks gepresst? Gut möglich, dass der Mainstream die rebellisch bis revolutionäre Botschaft solcher Motive umcodiert. Nichts anderes geschah einst mit dem Punk. Oder geht es hier am Ende vielleicht gar nicht darum, ob wir den findigen Marketingabteilungen dieser Textilriesen nun den Ausverkauf der Emanzipation vorwerfen oder nicht? Viel wichtiger scheint mir, dass die permanente Visualisierung und Inszenierung des augenscheinlich Anderen gegen Irritation und Abscheu arbeitet. Je öfter wir etwas vor Augen geführt bekommen, desto mehr, prägt es sich ein, desto normaler wird es. Nichts anderes ist Emanzipation. Das Freimachen von Zwängen und Schranken. Und was das angeht, bleibt es egal, von wem nun die Bilder stammen. Je bekannter aber der Initiator, desto größer sogar die Streuung.

Außerdem fällt bei der aktuellen Kampagne von H&M noch eines auf. Mehr noch als in ihrer körperlichen Diversität sind die Frauen im Video insbesondere durch eines gekennzeichnet: Sie ecken an. Das Ideal der liebreizenden Dame, die sich stets korrekt verhält und darum bemüht, allen zu gefallen, ist letzten Endes nämlich ein weit größeres Problem, als es die Beschränkung des Körperlichen jemals war. Leider scheint sie auch noch immer ein umso größeres Tabu. Zeit also, den nächsten Schritt anzugehen.

Kategorie: Mind, Think Aloud

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *