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Debate | G20 – Die Hölle war abszusehen

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Editor’s Note: Der Beitrag zum G20 Gipfel mag zunächst ein ungewohntes Thema hier auf dieser Seite sein. Doch beschäftigen sowohl Lola, als auch ich uns nicht nur mit den schönen Dingen des Lebens. Das Interesse an Politik und Gesellschaft gehört spätestens seit dem Studium als fester Teil zu mir. Ich habe selbst schon auf Demonstrationen gestanden und laut meine Meinung skandiert, ich engagiere mich seit Jahren feministisch und bin mit meiner manchmal radikalen Einstellung zu verschiedenen Punkten auch schon mehr als einmal angeeckt. Das alles ist wichtig, das alles ist gut. Dialog – egal ob sachlich leise oder laut streitend – bildet erst die Basis, auf der Neues Entstehen kann. Was in Hamburg gerade passiert, geht uns alle etwas an. Die Ereignisse markieren einen gesellschaftlichen Wandel, der schon lange unterschwellig brodelt und den wir endlich nicht mehr länger ignorieren dürfen. In vielerlei Hinsicht. Aus diesem Grund launchen wir hiermit offiziell die Rubrik Debate, in der wir solchen Themen ab sofort in regelmäßigen Abständen angehen und diskutieren wollen.
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Ich sitze im Zug von Berlin zurück nach Frankfurt, scrolle durchs Netz und hole mit stockendem Atem auf, was während der letzten Tage in meiner Blase nur in Ansätzen zu mir durchgedrungen ist. Der G20 Gipfel hält Hamburg auf Trab. Was sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag im Schanzenviertel ereignet hat, entzieht sich beinahe jeder Verprachlichung. „Alle unsere Befürchtungen sind eingetreten“, wird Polizeisprecher Timo Zill zitiert. Und tatsächlich schaut man sich die Bilder an, erhält man schnell den Eindruck man betrachte ein Kriegsgebiet. Der Demo-Claim „G20 Welcome to Hell“ hat sich bewahrheitet und spätestens in der vergangenen Nacht einen traurigen Höhepunkt erreicht. Im Schanzenviertel liegt kein Stein mehr auf dem Anderen. Geschäfte wurden geplündert, Autos in Brand gesetzt, die Polizei feuert mit Wasserwerfern, sprüht Pfefferspray und prügelt, was der Schlagstock hergibt. Entsprechend ist auch die Berichterstattung durchtränkt von Krawall und Gewalt. Polizei, Demonstranten, Autonome, Presse: Die Lage ist auf allen Seiten angespannt. Es kommt zu Übergriffen, wo keine nötig wären, gleichzeitig sorgen einzelne Parteien immer wieder gezielt dafür, dass die Anspannung bis zum Zerbersten anwächst. Es erweist sich als schwieriges Unterfangen, in diesem Chaos noch den Überblick zu behalten. Inzwischen scheint das auch niemand mehr wirklich zu wollen. Wie die Demonstration selbst, haben sich auch die Meinungen radikalisiert – auch fernab der Hansestadt im restlichen Teil des Landes. Meine Facebook Timeline, die mich in den letzten Tagen vornehmlich auf dem Laufenden gehalten hat, teilt sich in zwei Lager. Jene, die klar auf Seiten der Polizei stehen und Demonstranten als linke Ratten abstempeln und jene, die von Polizeistaat sprechen und die Gegenseite zu unschuldigen Heroen stilisieren. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Um rationale Argumente und Verstehen geht es ohnehin längst nicht mehr. Das wird auch daraus deutlich, dass die friedlichen Protestbekundungen kaum Beachtung finden. Die Welt wollte den Skandal, sie hat ihn bekommen.

Dabei stellt sich vor allem die Frage, hätte das alles nicht verhindert werden können? War es nicht abzusehen, dass es zur Eskalation kommen würde? Was Hamburg derzeit erlebt ist nämlich nichts anderes als das kolossale Versagen der Bundesregierung. Wie geistig beschränkt muss man sein, um eine der meist diskutierten globalen Regierungszusammenkünfte in eine Stadt zu legen, in der die linke Schule Tradition hat – mehr noch zum kulturellen Alltag gehört? Eine Stadt, in der schon der erste Mai den Rechtsstaat alljährlich vor größte Herausforderungen stellt. Und warum wählt man als Tagungsort auch noch ausgerechnet eine Location, die praktisch im Epizentrum linker Gesinnungshaltung liegt? Das ist mir ein Rätsel, über das ich nur den Kopf schütteln kann. Vor wenigen Tagen las ich, dass Hamburg sich für den G20 Gipfel in besonderer Weise anbot, da es eine offene Weltstadt sei, die all den vielen Staatschefs mitsamt ihrer Entourage Beherbergung böte. Das hätte meiner Ansicht nach allerdings auch im erzkonservativen München geklappt, ebenso im schnöseligen Düsseldorf und sogar in meiner Heimat Frankfurt, wo man der linken Kultur unlängst die Luft zum Atmen abschnürte und dem schnöden Mammon zum Fraß vorwarf. Ja, Donald Trump hätte mit seinem Heli wahrscheinlich auch am Starnberger See ein Landeplätzchen gefunden und diverse Scheichs eine grüne Wiese für ihre Kamele. Ich sehe an dieser Stelle jedenfalls kein Pro, dass die vielen offenkundigen Kontras in irgendeiner Weise überwiegen könnte.

Weil man dann aber doch für den Notfall gewappnet sein wollte, entwickelte man findige Köpfe einen Sondereinsatzplan, der mehrere Millionen verschlang und von dem sie glaubten und uns vor allem glauben machen wollten, dass er schon irgendwie greifen würde. Wochenlang wurde darüber berichtet, geholfen hat es am Ende nichts. Auch das war zu erwarten gewesen. Kein Demonstrant, der für seine Meinung einsteht, wird sich abschrecken lassen von einem massenhaften Konvolut an Polizisten, Autonome noch weniger. Nun ist das Geschrei groß und die ersten Verantwortlichen müssen um ihren Kopf fürchten. Beinahe gönnt man es Scholz und Co. Man gönnt ihnen das Chaos, das derzeit über Hamburg hereinbricht. Es ist der Weckruf, den unsere elitäre Regierung vielleicht endlich braucht, um nicht mehr länger die Augen vor der Realität verschließen können. In der Welt läuft etwas gehörig schief. Dachten wir letztes Jahr um diese Zeit noch, die AFD sei der Höhepunkt allen Übels, wissen wir jetzt, sie war bloß der Vorbote. Trump, Kim Jong Un. Syrienkrieg, Raketentests. Armut, Klimawandel. Welthunger. Terror durch den islamischen Staat, durch rechts und eben auch durch links. Die Massen haben es satt sich länger von leeren Worthülsen einlullen zu lassen und an Versprechungen zu glauben, die ohnehin nie eingelöst werden. Was folgt ist die Radikalisierung auf allen Seiten. Die mondäne Mitte läuft in diesem Trubel zunehmend Gefahr, von Anfang an gar nicht mehr gehört zu werden.

So wichtig ich es finde, den Austausch zu pflegen und das zu kitten, was die Kategorie Mensch über viele Jahre hinweg verbockt haben, so sehr bin ich auch davon überzeugt, dass der G20 Gipfel schlussendlich nichts anderes ist, als der unnötige Schwanzvergleich machtgeiler Politiker. Es dreht sich dabei vor allem um die Konsolidierung des eigenen Herrschaftsanspruchs – zur Not auch auf dem Rücken des eigenen Volkes. Bauernopfer nennt man einen solchen Zug beim Schach. Das ist ein Armutszeugnis, eines, für dass die Entscheider in ihren marmorverkleideten Elfenbeintürmen nun endlich die Quittung bekommen. Ich bin gegen Gewalt, gegen wilde Zerstörung. Außerdem tut es mir weh, dass meine linke Gesinnung durch ein paar hirnlose Randalierer erneut in der Kritik steht und von anderen als ebenso böse verteufelt wird, wie die Haltung gen rechts. man muss sich die einseitige Berichterstattung des Privatfernsehens nur einmal anschauen. Ich möchte am liebsten Kotzen und ihnen entgegen schreien hinterfragt doch bitte erst einmal euer eigenes vor Emotionen triefendes Infotainment. Das macht das Ganze nämlich auch nicht besser. Das ist traurig und hilft keinem weiter. Leider glaube ich aber auch daran, dass die Revolution selten ohne Gewalt und Wut auskommt. Viel zu selten hat das beharrliche Verargumentieren des eigenen Standpunkts wirklich zu einem sichtbaren Ergebnis geführt. Inhaltliche Auseinandersetzung ist etwas, mit dem sich ein Großteil der Menschheit ohnehin schwer zu tun scheint. Doch Taten sind sichtbar, sie lassen sich nicht ignorieren. Im Zeitalter der Bilder sind sie polemisch gesprochen nichts anderes als die visualisierte Ablehnung Zurschaustellung einer Meinung. In diesem Fall die radikale Ablehnung des Systems. Anders gesprochen: Taten sind Zeichen, sind Symbole. In Frankreich rollten seinerzeit Köpfe mitsamt der gepuderten Perücken, andernorts gaben Menschen durch die gesamte Geschichte hindurch immer wieder bereitwillig ihr Leben, um für das einzustehen, woran sie glaubten. In Hamburg brechen nun eben Fensterscheiben und es brennen Autos. Ob das am Ende etwas bringt. Nun, es wird sich zeigen. Im Moment sieht es noch nicht danach aus. Vielleicht sollten wir uns aber auch lieber endlich einmal auf den richtigen Protest konzentrieren. Der scheint in diesen Zeiten wichtiger denn je.

Kategorie: Debate, News

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Was für die einen nach Schizophrenie par exellence klingt, ist für diese Dame ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Lookbooks Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücherläden und (skandinavische) Mode sind ihre Schwäche, Filme und Kultur das Terrain auf dem sie sich zuhause fühlt. Die Frankfurterin mit der tiefen Liebe zum Berliner Leben redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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