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Think Aloud | Das Ende der Nacktheit? Wie Playboy und Co. die neue Prüderie einläuten.

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Der Playboy ohne nackte Frauenkörper? Das klingt wohl mindestens so abwegig, als würde ein Fashionmagazin beschließen von nun an auf Mode zu verzichten. Und doch soll genau das spätestens im März 2016 knallharte Realität werden. Denn wie Magazin-Chef Scott Flanders nun gegenüber der New York Times äußerte, sind es längst nicht mehr die unbekleideten Damen, wegen denen sich das Magazin verkaufe. Ganz im Gegenteil.

Der Playboy, der mit einer Auflage von knapp 5,6 Millionen Heften pro Ausgabe in den 70er Jahren zu den führenden Titeln auf dem Printmarkt zählte, druckte zuletzt nicht einmal mehr als 800.000 Exemplare. Und wozu auch? In Zeiten, in denen Brüste und andere Nuditäten per simplem Mausklick in Massen im WWW erhältlich sind und jeder Amateur offensichtlich glaubt, zum Pornostar berufen zu sein, kräht längst kein Hahn mehr nach der verhältnismäßig keuschen Print-Aternative. Was 1975 als (geschmacklose) Revolution galt und jahrelang bei einem ganzen Haufen heranwachsender Halbstarker für feuchte Träume und verklebte Seiten sorgte, kann den meisten von uns heute wohl nur noch ein müdes Lächeln abringen. Ohnehin hatte der Playboy tatsächlich schon immer damit zu kämpfen, dass er im Gegensatz zu Konkurrenten, wie Penthouse, bei aller Objektifizierung von Frauen stets darum bemüht war, eine gewisse Ästhetik zu bewahren. Der Shot zwischen die Beine war ebenso tabu, wie knallharte Erotik. Für den Playboy musste es stets schon etwas verspielter sein, mit viel Weichzeichner, romantischem Licht und allem anderen, was Frauen auf der ganzen Welt noch heute davon träumen lässt, einmal selbst das Cover dieses Magazins zu zieren.

Aber ist es wirklich so einfach? Ist es die reine Langweile an der Nacktheit des weiblichen Körpers, die dem Playboy die Leser entzieht? Sollte hier vielleicht sogar eine neue Wertschätzung gegenüber Frauen anklingen? Den Eindruck könnte man ja fast bekommen, wenn man das Beispiel des aktuellen Pirelli Kalenders mit heranzieht. Auch dieses, naja nennen wir es mal, populäre Druckerzeugnis rühmte sich Jahrzehnte lang dafür, möglichst leicht bekleidete, meist wunderschöne Damen abzulichten und mindestens für die nächsten 365 Tage auf Papier zu bannen. Die Tatsache, dass von dem begehrten Kalender, an dem sich natürlich stets auch nur die großen Fotografennamen abarbeiteten, überhaupt nur ein paar wenige Exemplare gedruckt und diese dann wiederum an ausgewählte Kunden weitergereicht wurden, dürfte zum allgemeinen Hype dieses Printerzeugnisses beigetragen haben. Doch auch auf diese Quelle liebreizender Nacktheit müssen gierige Augenpaare nun verzichten. In diesem Jahr präsentiert sich Pirelli in völlig neuem Licht und ziemlich hochgeschlossen. Nicht nur man Fotografin Annie Leibovitz für die Fotos verpflichten konnte, auch die Motive haben es in sich. Zwölf der einflussreichsten Damen unserer Zeit haben sich für die 2016er Ausgabe vor die Linse begeben – natürlich allesamt bekleidet. Und so zieren nun angesehene Künstlerinnen und Denkerinnen, wie Yoko Ono, Patti Smith, Amy Schumer oder Tavi Gevinson die Hochglanzseiten des Kalenders – und ich denke mir zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte des Pirelli: „Verdammt, ich will das Ding!“

Trotzdem sollten wir uns bei aller Freude über diese vermeintlich emanzipatorischen Umwälzungen, ein wenig Skepsis und Vorsicht weiterhin bewahren. Es wäre nämlich bei Weitem zu einfach, den medial breit umworbenen Verzicht auf nackte Haut, in erster Linie der Gender-Debatte zuzuschreiben. Vielmehr beobachten wir mit dem Siegeszug des Pornos im Internet die weitreichende Etablierung einer neuen Brüderie. Fast scheint es so, als wolle das eine Extrem das andere auffangen. Die ZEIT widmete dieser Krux vor einer Weile sogar schon einen großen Leitartikel und titelte „Außen Porno, innen prüde“. Die Quintessenz ist schnell zusammengefasst: Je nackter und drastischer das Web den Sex inszeniert, desto mehr verschließen wir uns in der analogen Welt vor ihm. Wenn der Rausch zum wilden Gerammel verkommt und das Geheimnisvolle an der intimen Zweisamkeit dem überbelichteten Cum Shot in Großaufnahme weicht, scheint es nicht verwunderlich, dass es irgendwo eine Zone geben muss, in der die „gute alte Zeit“ weiter existieren kann. Dass die wiederum im Zuge einer allgegenwärtigen Moralisierung von Gesellschaft weniger dem lusterfüllten Spiel eines freien Geistes gleicht, als vielmehr der verkappten, kleinbürgerlichen Konservativität der 50er Jahre ist eine erschreckende Entwicklung, die wir in keinster Weise einfach so hinnehmen sollten. Denn sonst landet die Emanzipation mitsamt all ihrer hart erkämpften Rechte bald im Kochtop mit der Frau davor, den Kochlöffel in der Hand und die Schürze vor der Brust.

Und so ist der Verzicht auf Nacktheit bei Playboy, Pirelli und Co. zwar ein guter Schritt gegen die permanente Objektifizierung des Weiblichen, aber mindestens auch ein Ruck in eine bedenkliche Richtung, in eine, in der wir zunehmend Gefahr laufen, uns von unserem eigenen Körper zu entfremden. Vielleicht müssen Sex und nackte Haut erst wieder domestiziert werden, damit sie erneut zur Revolte werden können – oder mal ganz wild gedacht, sie würde einfach als natürliche Gegebenheit des Menschen anerkannt werden, sodass der Erdball nicht mehr länger ausflippt, wenn ein Nippel den Blick der Öffentlichkeit streift.

In jedem Fall aber werden ganze Männerscharen den Playboy schon bald wohl tatsächlich nur noch wegen der Artikel kaufen – und von denen sind viele sogar wirklich lesenswert!

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