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Close Reading | Miranda July – The first bad Man

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Künstlerin, Regisseurin, Schriftstellerin. Miranda July ist ein wahres Multi-Talent, das vor Kreativität und Arbeitseifer nur so zu strotzen scheint. Egal, was die 41-jährige Amerikanerin auch anpackt, man kann sich fast sicher sein, die Presse wird es ebenso lieben, wie die Kritiker. Ihren Kurzgeschichtenband „10 Wahrheiten“ habe ich verschlungen, die Storysammlung „No one belongs more here than you“ steht schon lange auf meiner Bücherwunschliste und ihre Filme, allen voran „The Future“ habe ich förmlich in mich aufgesogen Allein der Gedanke an die melancholisch traurige Handlung bringt mich schon wieder dazu, ein Tränchen zu verdrücken.

Jetzt hat Miranda July mit „The first bad Man“ (deutsch: Der erste fiese Typ) ihr Romandebüt veröffentlicht und dürfte damit wieder einmal, völlig zu Recht, mit Lobeshymnen überhäuft werden.

Der Inhalt lässt sich gar nicht so leicht in Worte fassen, ohne Gefahr zu laufen schon einen Großteil der Geschichte zwangsläufig zu verraten. Im Mittelpunkt der Handlung steht die leicht pedantisch angehauchte Mittvierzigerin Cheryl Glickman, die psychisch und seelisch irgendwie in der Krise steckt. Seit Jahren ist sie in ihren Kollegen Philipp verknallt, der ihr gerade als sie an ein Happy End zwischen ihnen beiden glaubt, eröffnet, dass er sein Herz an eine 16-Jährige verloren hat. Und leider möchte er ausgerechnet von Cheryl die Zustimmung für dieses amourös moralisch-zweifelhafte Abenteuer. Eindeutig zu viel des guten. Doch auch die Therapie hilft ihr nicht wirklich weiter und so verliert sich Cheryl zunehmend in ihrer Festgefahrenheit. Erst als die 20-jährige Clee, die Tochter ihrer Chefs und langjährigen Freunde, bei ihr einzieht, ändert sich ihr Leben schlagartig. Im Gegensatz zu Cheryl ist Clee nämlich nicht nur ein waschechter Messie und hat keinerlei Manieren, sie fährt außerdem auch ziemlich schnell aus der Haut und wird gewalttätig. Doch ausgerechnet dieses verzogene Gör wird für Cheryl schließlich zur schicksalhaften Begegnung, durch die sich ihr ganzes Leben mit einem Schlag zum Besseren verändert.

Wer Miranda Julys Arbeiten kennt, der wird an dieser Stelle schon ahnen, dass Realität und Fantasie des Öfteren auch hier Hand in Hand gehen. Eines der besten Beispiele dafür ist wohl noch immer The Future, bei dem die Handlung auch Sicht einer Katze erzählt wird, von der man eigentlich den gesamten Film über nur eine ziemlich artifiziell anmutende Pfote sieht. Julys Figuren zeichnen sich per se durch große Eigenheiten auf, durch die sich immer wieder von der Realität entgrenzen und den Zuschauer bzw. den Leser in eine beinahe surrealistisch anmutende Sphäre entführen. Auch Cheryl bildet da keine Ausnahme. So ist sie beinahe besessen von der Suche nach einem Fantasie-Wesen namens Kubelko Bondy, von dem sie glaubt, es mit neun Jahren in einem Baby, dass man ihr auf den Arm gab, entdeckt zu haben. Seitdem mustert sie, egal wo sie ist, die Babys anderer Frauen genau, um Kubelko, ihren Seelenfreund, wiederzufinden.
Auch die Tatsache, dass sich Cheryl beim Sex und im Alltag immer wieder in ihren teils sehr skurrilen Tagträumereien verliert, und diese für den Leser im ersten Augenblick manchmal nur schwer von der dargestellten Wirklichkeit zu trennen sind, zeigt, wie schmal bei Miranda July die Gratwanderung zwischen Realität und Traumwelt ist.

Am Ende sind es aber genau dieses Spiel mit unserer Wahrnehmung und die Verschrobenheit der Figuren, die The first Bad Man zu einem so besonderen Roman machen. Jede freie Minute habe ich genutzt, um dieses Buch zu lesen, so sehr hat es mich gepackt. Die wunderbare Sprache Julys tut dabei ihr Übriges. Die saugt den Leser nämlich unwillkürlich direkt in das Universum um Cheryl, Philipp und Clee ein und will einen eigentlich auch nach dem Ende der Geschichte erst einmal nicht so wirklich loslassen.

„The first bad Man“ ist im Englischen bei Scribner erschienen; im Deutschen unter dem Titel „Der erste fiese Typ“ bei Kiepenheuer & Witsch.

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Bild: facebook.com/mirandajuly

Kategorie: Culture, Read

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Für die einen Schizophrenie par exellence, für diese Dame aber ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Editorial Shoots Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücher und Mode sind ihre Schwäche, Film, Kunst und Kultur das Terrain auf dem sie heimisch ist. Die gebürtige Frankfurterin redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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