Fashion, Introducing
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Chanel SS17 | Back to the Future, oder: Neo-80s meet Bits and Bites

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Bild: Chanel.com

Vor Kurzem kamen mein Freund und ich eher zufällig auf das Thema Chanel. Während meine Wenigkeit, wie es sich für einen Modefan nun einmal irgendwie gehört, lauthals vom zeitlos klassischen Design schwärmte, fragte mich mein Liebster völlig unvermittelt: “Aber mal ganz ehrlich. Abgesehen vom Hype ist Chanel doch eigentlich eine ziemlich konservative Marke.” Öhm. Ja. Stimmt irgendwie. Mehr konnte ich in diesem Moment nicht antworten. Denn versuchen wir einmal objektiv zu sein, so ganz daneben liegt er mit dieser Einschätzung nicht. Zwar muss man die einstige Label-Gründerin Coco Chanel für ihren Freigeist, ihre Durchsetzungskraft und ihren Emanzipationsdrang zu einer Zeit, in der Frauen noch als persönliches Eigentum betrachtet wurden, in jedem Fall loben. Auch sollte die Tatsache honoriert werden, dass das Traditionshaus die Krise der Haute Couture einst überlebte und bis heute zu den relevanten Namen der Branche zählt. Doch locken adrette Kostümchen aus Tweed, der Signature-Look der Luxusbrand, mittlerweile wohl niemanden mehr so richtig hinter dem Ofen hervor. Außer vielleicht elitäre Upperclass-Damen, für die sich die Kombination aus Rock und Jacke längst zur Uniform gemausert hat. Ja, selbst die sagenumwobene Chanel-Tasche würde wahrscheinlich nur halb so viel  Reiz auf viele von uns ausüben, wenn das kleine, markante Logo nicht in der Mitte aufblitzte.

Lebt Chanel am Ende also nur noch vom Glanz vergangener Zeiten? Von aufwendigen Shows und Inszenierungen, die den Hype konservieren und damit jeder Kritik von vornherein den Gar ausmachen? Vielleicht. Schließlich wagen es in der Modewelt wohl nur wenige dem mindestens ebenso schillernden Karl Lagerfeld, seines Zeichens Chef-Designer von Chanel, mit Widerworten zu begegnen. Seine Aura ist es nicht zuletzt, die dem französischen Traditionshaus in Zeit gegenwärtiger Unsicherheiten zu zusätzlichem Ruhm verhilft.

Doch gerade als ich dachte, die Nummer wäre gegessen und der Zauber Chanels für mich auf ewig in kleine Scherben zerbrochen, da präsentiert Monsieur Lagerfeld eine Frühjahr-/ Sommerkollektion, die im wahrsten Sinne des Wortes aus den Latschen haut. Anders kann ich es nicht beschreiben. Gigabytes und Datenstrom, selten haben wir Chanel so zeitgenössisch und up to date erlebt. Eklektisch, flirrende Muster, die an rasante Bits and Bites erinnern, kombiniert mit lockeren Schnitten und knalligen Farben, allen voran Pink. Die Schultern betont, die Taille verschoben. Weiblichkeit wird bei all dem mehr zur subtilen Komponente.  Keine Frage, die 80er sind zurück! Bei den Materialien wird das klassische Tweed um schimmerndes Nylon und Vinyl sowie fließende Stoffe ergänzt. ELLE titelt “Chanel goes Back to the Future” und wir schließen uns dem nur zu gerne an. Die auffälligen Caps hätte Marty McFly nicht besser tragen können. Gleichzeitig zaubern uns großformatige Ketten mit noch größeren Anhängern den legendären Old School-Hip Hop des Jahrzehnts ins Ohr. Streetcredibility trifft Luxus sozusagen.Stilmix par excellence, oder wenn man so will: Die Lagerfeld´sche Querdenke visualisiert. Kaum ein anderer Kopf verschaltet verschiedenste Thematiken so schnell wie dieser kongeniale Geist. Auch wenn er selbst das nach eigener Aussage ungern hört. In Netzsprache nennt man das übrigens Hyperlinking. chanel_ss17

Und so ist er auf einmal wieder da: Der Zauber von Chanel. Die überschäumende Begeisterung für ein Design, das sich ständig neu erfindet, ohne dabei mit sich selbst zu brechen. Vielleicht liegt letzten Endes auch genau darin jenes kleine aber feine Fünkchen begraben, das die Marke bei aller Tradition und allem vermeintlichen Elitarismus zu mehr macht, als nur einem textilen Traum für alte Damen. Chanel ist und bleibt einfach der Inbegriff modischer Finesse unabhängig von der Jahreszahl auf dem eigenen Buckel. Da kann selbst das Internet mit seinem Hang zur Kurzlebigkeit nichts daran ändern.

Kategorie: Fashion, Introducing

von

Laura Sodano

FOUNDER & EDITOR IN CHIEF // Lebe lieber ungewöhnlich // Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Was für die einen nach Schizophrenie par exellence klingt, ist für diese Dame ganz normaler Alltag. Frei nach dem Motto, Gegensätze ziehen sich an, verzücken Laufstegbilder und Lookbooks Laura ebenso wie die 100. Neuauflage eines Susan Sontag Essays. Bücherläden und (skandinavische) Mode sind ihre Schwäche, Filme und Kultur das Terrain auf dem sie sich zuhause fühlt. Die Frankfurterin mit der tiefen Liebe zum Berliner Leben redet oft schneller, als andere denken. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit Wörtern ihre Waffe. Selten steht das Gedankenkarussell mal still. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Notizbuch ihr ständiger Begleiter.

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