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Read | “Babys machen & andere Storys” von Laurie Penny

„Alle Gebete werden entgegen genommen, aber nicht jedes wird gehört. Manchmal müssen wir auch erst den Manager fragen.“ Der Himmel als Callcenter in den Wolken, zwischen dem Aufblitzen der letzten Sonnenstrahlen und dem Damals; Engel und Dämonen sitzen dicht an dicht in winzigen grauen Büronischen. Mit Filterkaffee und Heavy Metal wird der Job erträglicher, auch für die Boten Gottes, gedämpfte Wartemusik. „Ihre Gebete können für Schulungszwecke und zur Qualitätssicherung aufgezeichnet werden“. Wer hier durchgestellt wird, hat nicht unbedingt mit der Linderung von Liebeskummer, Geldsorgen oder Schmerz zu rechnen, aber zumindest hört am Ende der Leitung jemand zu. Und nein, eine Direktleitung zu Gott gibt es nicht – der hat sich im Himmel schon lange nicht mehr blicken lassen. Es ist ein Exzerpt aus dieser so lyrischen wie dystopischen Geschichte, das Laurie Penny bei der Lesung vor einigen Wochen im Berliner HAU vorgelesen hat – vom Bildschirm ihres Smartphones, auf Englisch. Das muss man dazusagen, denn ihre neue Kurzgeschichtensammlung Babys machen & andere Storys ist bislang nur auf Deutsch erschienen. Warum Penny sich in Deutschland so großer Beliebtheit …

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Read | “Das Ende der Liebe” von Sven Hillenkamp

„Die Liebe wird wieder sein, was sie einst war. Ausnahme, Seltenheit. Die Liebenden werden wieder, wie Millionäre oder Rollstuhlfahrer, zu einer kleinen Minderheit.“ Jeder Single, Ex-Single oder Ewig-Liebe-Suchender dieser, unserer Zeit wird diesen Prolog aus dem Buch Das Ende der Liebe von Sven Hillenkamp zweifelsohne bestätigen können. Gerade wer sich in Großstädten wie Berlin, Hamburg, München oder Köln dem Spektakel der Suche nach einem passenden Partner aussetzt, stößt früher oder später an die Grenzen seiner eigenen Vorstellungen oder die der Anderen. Oft wissen wir nicht, ob das Überangebot der Städte nun Segen oder Fluch ist – mindestens ein Mal hat aber sicher schon jeder von uns seine Stadt oder Generation verwünscht. Für all jene, aber auch alle anderen, stellt Das Ende der Liebe eine Art moderne Bibel dar, welche die Mechanismen zwischenmenschlicher Beziehungen der Gegenwart illustriert und erklärt. Puzzlestück für Puzzlestück setzt sich das Bild einer Generation zusammen, die das Lieben verlernt hat, weil es die Welt nicht mehr zulässt. Mit einer so poetischen wie klaren Sprache tänzelt Hillenkamp von Gedanke zu Gedanke, haucht Worte von Leichtigkeit …

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Close Reading | Make Enemies & Gain Friends. Eine Design-Bibel mit Mehrwert.

Wenn eine international erfolgreiche Design-Agentur sich daran macht, ihre Arbeit mitsamt ihres geistigen Know Hows zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, ist das Ergebnis meist ein hübscher Bildband. Im Fall von Snask läuft das allerdings ein wenig anders. Die schwedische Design-Agentur, die international ohnehin schon längst als Erfolgsgarant und Enfant terrible der Branche gilt, hat für ihre „Biografie“ mit den alten Mustern rigoros gebrochen und mit „Make Enemies & Gain Fans“ ein bunt-knalliges Manifest veröffentlicht, das ganz klar eines zeigt: Wenn du die Welt verändern willst, musst du manchmal deine eigenen Spielregeln aufstellen! Aber zurück zum Anfang: Die Geschichte beginnt 2007 in Carlisle in Nordengland. Magnus und Freddie, die Köpfe hinter Snask sind zu dieser Zeit noch einfache Studenten, die es aber schon damals lieben ihre Grenzen auszutesten und die Regeln zu brechen. Während das trockene Grafikdesign-Studium sie eher langweilt, beginnen die beiden Clubnächte zu organisieren und das Leben zu genießen. Am Ende darf Magnus nicht einmal seine Abschlussarbeit ausstellen, doch das interessiert ihn kaum. Noch im gleichen Jahr kehren die Jungs nach Schweden zurück, wo …

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Weihnachtsgeschenke mal anders | #4 Schmökern unterm Baum

Als Kind mochte ich an Weihnachten am liebsten die Unmengen Kekse und die vielen bunten Lichter, die nicht nur mein eigenes Zuhause, sondern auch meine ganze Umwelt so idyllisch und heimelig erscheinen ließen. Jetzt als Erwachsene locken zwar noch immer verführerisch die Plätzchen, doch ist es inzwischen vor allem die Ruhe, die ich an den Festtagen besonders zu schätzen gelernt habe. Denn, wie wohl die meisten, die beruflich „irgendwas mit Medien“ machen, bin ich praktisch immer erreichbar. Mein Arbeitstag endet selten um 18 Uhr und auch an den Wochenenden wird mindestens noch die ein oder andere Email geschrieben – von Artikeln ganz zu schweigen. Ich liebe, das was ich tue, sonst hätte ich mich garantiert nicht darauf eingelassen und würde wohl auch nicht immer sofort dieses Kribbeln in den Fingern bekommen, kaum, dass ich einmal nichts zu tun habe. Aber Fakt ist auch, das alles geht auf  Dauer ganz schön an die Energie – spätestens dann, wenn die Freizeit selbst zum genau geplanten Timeslot im Terminkalender wird. Nicht so an Weihnachten. Selbst die überzeugtesten Workaholics …

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Interview mit Mirna Funk | „Es ist wichtig, die Schönheit von Widersprüchen zu erkennen“.

Mit ihrem Debütroman „Winternähe“ ist Mirna Funk aktuell in aller Munde. Wir haben die Deutsch-Jüdin im Rahmen der Buchmesse zum Interview getroffen und uns mit ihr über ihre Wurzeln, ihr Leben in Berlin und die Vorurteile unterhalten, mit denen sie sich manchmal konfrontiert sieht. Liebe Mirna, erst einmal Glückwunsch zum ersten Roman, der wirklich großartig geworden ist! Wie war es denn schließlich das fertige Exemplar in den Händen zu halten? Mirna: Also das Verrückte ist – zumindest ging es mir so – wenn es dann tatsächlich soweit ist, ist das alles gar nicht mehr so faszinierend, wie man anfangs selbst noch erwartet hätte. Ich erinnere mich daran, dass bevor ich im November 2014 den Vertrag mit dem Fischer Verlag unterschrieben hatte, ich dachte: „Stell dir vor, du findest einen Verlag. Wäre es nicht total verrückt, wenn dein Buch tatsächlich gedruckt werden würde?“ In dem Moment findest du das alles noch ziemlich unvorstellbar. Als es dann aber wirklich soweit war und ich das fertige Buch in den Händen gehalten habe, bin ich doch relativ professionell an …

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Think Aloud | Das Ende der Nacktheit? Wie Playboy und Co. die neue Prüderie einläuten.

Der Playboy ohne nackte Frauenkörper? Das klingt wohl mindestens so abwegig, als würde ein Fashionmagazin beschließen von nun an auf Mode zu verzichten. Und doch soll genau das spätestens im März 2016 knallharte Realität werden. Denn wie Magazin-Chef Scott Flanders nun gegenüber der New York Times äußerte, sind es längst nicht mehr die unbekleideten Damen, wegen denen sich das Magazin verkaufe. Ganz im Gegenteil. Der Playboy, der mit einer Auflage von knapp 5,6 Millionen Heften pro Ausgabe in den 70er Jahren zu den führenden Titeln auf dem Printmarkt zählte, druckte zuletzt nicht einmal mehr als 800.000 Exemplare. Und wozu auch? In Zeiten, in denen Brüste und andere Nuditäten per simplem Mausklick in Massen im WWW erhältlich sind und jeder Amateur offensichtlich glaubt, zum Pornostar berufen zu sein, kräht längst kein Hahn mehr nach der verhältnismäßig keuschen Print-Aternative. Was 1975 als (geschmacklose) Revolution galt und jahrelang bei einem ganzen Haufen heranwachsender Halbstarker für feuchte Träume und verklebte Seiten sorgte, kann den meisten von uns heute wohl nur noch ein müdes Lächeln abringen. Ohnehin hatte der Playboy tatsächlich schon …

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Close Reading | Sheila Heti – Wie sollten wir sein

Aktuell wabert der Name Sheila Heti vor allem im Zusammenhang mit dem Buch “Frauen und Kleider”, das sie zusammen mit den Autorinnen Leanne Shapton und Heidi Julavits geschrieben hat, durch die deutsche Medienlandschaft. Doch die kanadische Autorin hat weit mehr zu bieten, als nur einen gekonnten Blick auf Mode und deren gesellschaftliche Funktion. Was Heti interessiert, sind die Menschen im Allgemeinen, ihr Wesen, ihre Beziehungen und ihre Existenz, die aus den vielen Verknüpfungen mit der Welt um sie herum entsteht. Ihr vorangegangener Roman, “Wie wir sein sollten”, der 2014 bei Rowohlt erschienen und inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich ist, widmet sich genau dieser nuancierten Betrachtung menschlichen Seins und stellt vor allem eine Frage: Was passiert eigentlich, wenn das, was wir selbst nur zu gerne als unsere eigene Natur begreifen, uns mit einem Mal den Spiegel vorhält und unerbittlich die andere Seite, jenseits des schönen Scheins, entlarvt? Was tun wir dann? Und überhaupt „How should a Person be?“, wie der englische Originaltitel die Sache noch treffender formuliert. Im Mittelpunkt der semifiktionalen Erzählung steht die Mittdreißigerin Sheila, die gerade …