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ANHEDONIA | 5 Fragen an Regisseur Patrick Siegfried Zimmer

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Den morgigen Donnerstag solltet ihr im Kalender schon einmal mit einem X versehen, denn ANHEDONIA “Narzismus als Narkose” kommt in die Kinos. Der Debütfilm von Patrick Siegfried Zimmer handelt von der Emotionslosigkeit unserer Gegenwart und bringt sie mit einem Augenzwinkern als ein groteskes Schauspiel auf die Leinwand.

ANHEDONIA ist das satirische Bildnis einer hoffnungslos narzisstischen Spaßgesellschaft, die sich dem kapitalistischen Diktat der permanenten Selbstoptimierung unterwirft und zugleich auf der sehnsuchtsvollen Suche nach mehr Tiefe, Glück und Erfüllung im Leben in der Dunkelheit selbstkonstruierter Abgründe verzweifelt umherirrt”, so der in Hamburg lebende Regisseur, Musiker und Produzent Patrick Siegfried Zimmer. Durch die Reizüberflutung dieser Tage bis zum Kollaps getriggert, verkehrt sich der Hedonismus unserer Zeit im Film in Langeweile, Unerschütterlichkeit und Apathie – bevor er ins Bodenlose stürzt und zur Anhedonie wird. Der Begriff der Anhedonie stammt aus der Psychologie und bezeichnet eine mentale Symptomatik: die Unfähigkeit, Freude und Befriedigung zu empfinden. Ein Phänomen, das wir angesichts der zunehmenden medialen, digitalen, leistungs- und konsumorientierten Konzentration auf Selbstinszenierung, -optimierung und Work-Work-Balance tatsächlich beobachten können.

Da die Handlung beim Zuschauer am besten ohne Vorwarnung zündet, sei an dieser Stelle nicht allzu viel verraten: Wir schreiben das Jahr 2020 und eine Anhedonie-Epidemie überrollt den Globus. Auch die Aristokratensöhne Franz (Robert Stadlober) und Fritz Freudenthal (Wieland Schönfelder) fallen der Erkrankung zum Opfer. Glücklicherweise besteht Hoffnung auf eine Heilung – dank der neuartigen Lust-Stimuli-Therapie von Dr. Immanuel Young (Dirk von Lowtzow als Stimme aus dem Himmel – pardon, Off), der sich beide in der Nervenklinik Seelenfrieden unterziehen.

Allerlei Poesie, Hysterie, Skurrilität und Klamauk sind die Tonangeber im Film, der nicht nur zischt und prickelt, sondern auch zum kritischen Hinterfragen des Hier und Jetzt anregt. Auch die Darsteller, die man man vor allem aus dem Musikkontext oder von der Theaterbühne kennt, hauchen dem Film eine ungemeine Energie ein: Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten, Nick Cave And The Bad Seeds), Dirk von Lowtzow (Tocotronic), Flo Fernandez (Songwriter), Paul Pötsch (Trümmer), aber auch Paula Kalenberg (z.B. Die Wolke, Krabat) und Matthias Scheuring. Aber nicht vergessen, wie im Social Web und der Werbung ist hier nichts, wie es scheint – Realität, Traum(a) und Show verwischen zu einer pointierten Satire auf Kosten unserer selbst, denn irgendwie stecken wir da doch alle mit drin. Fasten your seatbelt und viel (Un)Vergnügen!

Zum morgigen Kinostart haben wir Patrick Siegfried Zimmer 5 Fragen zum Entstehungsprozess von ANHEDONIA und zur Inszenierung gestellt.

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1. Lieber Patrick, entstand die Idee zu ANHEDONIA aus abgeschwächter, eigener Betroffenheit?

Anhedonie kann dem derzeitigen Forschungsstand nach die Begleiterscheinung vieler Krankheiten und Phänomene wie beispielsweise einer Nahtoderfahrung oder einer Depression sein. Das Wissen um diesen Zustand ist aber noch recht limitiert. Ich persönlich bin von Geburt an schwach und empfinde das als Stärke. Schwach sein macht Spass. Schwach sein macht frei. Stärke ist dumm und obsolet. Man könnte sagen, der Film sei aus glücklicher Schwäche heraus entstanden.

2. Der Film spielt in der nahen Zukunft, im Jahr 2020. Warum ist das Setting des Films dennoch eines des frühen 20. Jahrhunderts?

Das ist eine wirklich gute Frage. Allerdings kann ich diese nicht beantworten ohne das Ende des Filmes zu verraten und das wäre ja wirklich sehr unfair dem lieben Zuschauer gegenüber. Aber gute Schleichwerbung. Danke.

3. Der Film ist zwischen 2011 und 2015 entstanden, eine recht lange Periode. Kannst du uns ein wenig mehr über den Aufnahmeprozess erzählen?

Diese Periode umfasst den ganzen Entstehungsprozess des Films von der ersten geschriebenen Zeile an. Der tatsächliche Dreh ging aus finanziellen Gründen in nur sieben Tagen im Jenisch Haus/Park und auf Pellworm im Jahre 2014 von statten. Das war sehr intensiv, exzessiv und beglückend. Danach folgte fast ein Jahr im Schneideraum und in der Postproduktion. Filme machen ist wunderschön, aber macht sehr viel Arbeit. Und kostet sehr viel Geld. Es ist mir ein Bedürfnis an dieser Stelle auch noch einmal zu erwähnen, dass dieser Film mit einem Minimum an Budget entstehen musste und nur aufgrund des grenzenlosen Idealismus und der Solidarität aller Beteiligten realisierbar war. Allerherzlichsten Dank dafür.

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4. Das deutsche Kino ist eher bekannt für die romantische Komödie. Warum hast du dich für diese Form entschieden?

Das Leben ist ja auch keine romantische Komödie. Zumindest meines nicht. Eher ein sehr interessanter, lustiger, grotesker Traum. Der konstruiert naturalistische Film interessiert mich gar nicht. Da setzte ich mich lieber mit einem guten Freund an einen Tresen. Der erzählt mir interessantere und lustigere Geschichten als diese sogenannten realistischen „Feel-Good-Movies“. Die sind wie Muzak. Zum ausschalten.

5. Sind Musiker die besseren Schauspieler?

Musiker sind die besseren Menschen! Na ja. Oft. Manchmal. Ich empfinde aber abgesehen davon all diese lieben Menschen gar nicht so sehr als Musiker, sondern vielmehr als Künstler die unter anderem auch Musik machen und eben teilweise dafür am bekanntesten geworden sind. Wir kennen uns unteranderem über meine musikalische Vergangenheit und Gegenwart, ja. Aber wir sind hauptsächlich Freunde.

ANHEDONIA “Narzissmus als Narkose”
ab dem 31. März 2016 in folgenden Kinos: 

HAMBURG Abaton & Alabama; BERLIN Sputnik, FilmRauschPalast & B-Ware Ladenkino; DÜSSELDORF Bambi; DORTMUND Sweet Sixteen; FRANKFURT Orfeos Erben; KARLSRUHE Schauburg; MANNHEIM Cinema Quadrat; LÜNEBURG Scala; HANNOVER Kino am Raschplatz; LÜBECK KoKi; MAGDEBURG Moritzhof; DRESDEN Kino in der Fabrik & Kino im Dach; MÜNCHEN Maxim …

Foto von Patrick Siegfried Zimmer: Flo Fernandez
Alle anderen Fotos: Anja Boxhammer

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